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15. Jahrestag der NSU-TerrorserieWie die NSU-Helfer davonkamen

Vor 15 Jahren flog der NSU-Terror auf. Verurteilte Helfer sind wieder auf freiem Fuß, andere kamen ohne Strafe davon. Einer wird weiter in der Szene gefeiert.

Der frühere Zwickauer Ralf M. soll zuletzt auf einem Konzert im Schweizer Tuggen, einer kleinen Gemeinde am Zürichsee, gewesen sein – als dort ein Gast totgeprügelt wurde. Die saarländische Oi-Band Krawallbrüder trat dort auf und zog auch Rechtsextreme an. Mit Hitler-Grüßen sollen diese provoziert haben, so berichtete es der Blick. Nach ihrem Rauswurf seien sie zurückgekehrt und hätten eine Schlägerei provoziert. Ein 27-jähriger Thüringer wurde dann von einem Neonazi mit einem Faustschlag niedergestreckt, starb im Krankenhaus. Konzertgast Ralf M. schrieb dennoch später online: „War gestern eine fette Party.“

Das Pikante: Jener Ralf M. war einst verdächtigt, ein Helfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) gewesen zu sein. Die einstige sächsische Neonazigröße soll den abgetauchten NSU-Terroristen Uwe Mundlos in seiner damaligen Abrissfirma beschäftigt haben. Beate Zschäpe wiederum soll in seinem Modeladen aufgetaucht sein. Das Trio lebte damals abgetaucht in Zwickau. Zugleich war Ralf M. auch V-Mann des Bundesamts für Verfassungsschutz, Tarnname „Primus“ – und der Geheimdienst will dennoch nichts über das Zwickauer NSU-Versteck gewusst haben.

Ermittler konnten Kontakte von Ralf M. zu Mundlos und Zschäpe letztlich nicht nachweisen. Der Neonazi verließ 2007 Zwickau, zog in die Schweiz und betreibt nun einen Antiquitätenladen – ganz in der Nähe der Konzertlocation, in der es zur tödlichen Gewalt kam. Sein dortiger Besuch zeigt: Zumindest Berührungsängste mit der rechtsextremen Szene hat Ralf M. bis heute nicht. Auf telefonische Nachfrage der taz wollte sich der 54-Jährige nicht äußern, legte direkt auf.

Der Fall Ralf M. ist symptomatisch: Bis heute kamen viele Helfer des NSU straffrei davon. Die Terrorgruppe ermordete nach dem Abtauchen 1999 neun migrantische Gewerbetreibende und eine Polizistin, verübte drei Anschläge und 15 Raubüberfälle. Bis sich vor genau 15 Jahren, am 4. November 2011, die Mitglieder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach einem gescheiterten Banküberfall erschossen und Beate Zschäpe mit dem Versand der Bekenner-DVDs die Gruppe enttarnte.

Alle Verfahren eingestellt

Zschäpe wurde 2018 zu lebenslanger Haft verurteilt, die sie bis mindestens 2035 absitzen muss – und mit ihr vier Helfer zu Haftstrafen bis zu zehn Jahren. Zuletzt wurde dann im Juli nur noch eine NSU-Helferin verurteilt und das sehr mild: Susann Eminger, Zschäpes engste Freundin im Untergrund, zu zwei Jahren Haft auf Bewährung. Sie hatte Zschäpe Papiere und Alibis verschafft. Ihr Mann André Eminger gehörte zu den Mitverurteilten im Münchner NSU-Prozess, erhielt dort ebenso die mildeste Strafe, zweieinhalb Jahre Haft.

Opferangehörige zeigten sich über die Urteile gegen die Emingers enttäuscht. Von einem Skandal sprach Michalina Boulgarides, Tochter des NSU-Mordopfers Theodoros Boulgarides, nach dem Urteil gegen Susann Eminger. Dieses komme einem Freispruch gleich, wieder gebe es keine Gerechtigkeit für die Opfer. Und nicht nur Boulgarides ist überzeugt, dass es weit mehr NSU-Helfer gab als die bisher Verurteilten.

Auch die Bundesanwaltschaft hatte ursprünglich noch gegen acht weitere NSU-Helfer ermittelt. Der Zwickauer Ralf M. war nicht dabei, dafür aber Rechtsextreme, die dem Trio Wohnungen anmieteten, ihm Papiere liehen oder Waffen geliefert haben sollen – was teils auch Zschäpe einräumte. All diese Verfahren sind inzwischen eingestellt. Nur ein Strukturverfahren ist bei der Bundesanwaltschaft noch offen, falls noch neue Hinweise zum NSU auftauchen. Verurteilt werden könnte dabei aber nur noch Beteiligungen an Morden und Anschlägen – alles andere ist verjährt.

Wohlleben posierte zuletzt mit Rechtsrocker

Und auch die 2018 in München Mitverurteilten sind alle wieder frei. Als Letzter wurde in diesem Mai Ralf Wohlleben aus der Haft entlassen, zog zurück nach Sachsen-Anhalt auf einen Hof im Burgenlandkreis, zeigte sich zuletzt bei einer größeren privaten Feier. Wohlleben hatte dem NSU-Trio die Waffe für neun der Morde organisiert, eine Ceska 83. Im Prozess hatte er das bestritten, kein Wort der Reue kundgetan. Noch in der Haft lehnte er angebotene Teilnahmen an Aussteigerprogrammen ab. Heute hat er etwa als Auflage, keinen Kontakt zu Zschäpe aufzunehmen.

Dass er der rechtsextremen Szene die Treue hält, machte Wohlleben erst zuletzt wieder klar. Auf einem Foto posierte er mit dem Rechtsrocksänger Michael „Lunikoff“ Regener und dem sächsischen Neonazi Benjamin Moses. Dann gab er dem Neonazi-Magazin „NS Heute“ ein Interview. Dort behauptete er, dass es kein Helfernetzwerk um das NSU-Trio gab und betonte, dass er zuletzt „im Hintergrund“ an „bekannten Projekten“ der Szene mitwirkte. Und er bedankte sich für den „großen Rückhalt“ dieser Szene. Die hatte für ihn in der Haftzeit Spenden gesammelt und demonstriert. Seine Entlassung feierte die rechtsextreme „Gefangenenhilfe“: Wo andere in Haft „versagten“, könne man auf Wohlleben „mit Stolz“ blicken.

Emingers leben zurückgezogen in Sachsen

Zurückgezogener leben aktuell die NSU-Helfer Susann und André Eminger im kleinen sächsischen Kirchberg. Susann Eminger verlor durch den Prozess ihren Job als Altenpflegerin. Sie behauptet, mit der rechtsextremen Szene nichts mehr zu tun haben. Auch André Eminger gibt sich nun als Aussteiger, arbeitet als Kranfahrer und Transporter. Es gab andere Zeiten: Noch im Münchner NSU-Prozess wurde er von seinem Anwalt als „Nationalsozialist mit Haut und Haaren“ bezeichnet oder hielt Kontakt zu einer Rechtsterroristin des III. Weg – ebenso wie Ralf Wohlleben.

Gamze Kubaşık, deren Vater Mehmet Kubaşık vom NSU ermordet wurde, kritisiert, dass bis heute nicht das Helfernetzwerk um den NSU aufgedeckt und verfolgt ist. „Der Terror hat unsere Familien zerstört und da draußen laufen Helfer der Mörder unbehelligt herum – das ist unerträglich.“ Auch 15 Jahren nach dem NSU-Auffliegen forderten die Familien die volle Wahrheit über den Terror, so Kubaşık. Und wirkliche Konsequenzen, die bis heute ebenso fehlten. „Wir werden uns nicht mit halber Aufklärung zufriedengeben.“

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