Protest bei Harry Potter Store-Eröffnung : Wie viel Blut klebt am Zauberstab?
Die Eröffnung eines Harry-Potter-Ladens in London wird zum Fan-Spektakel. Protest gegen J.K. Rowlings transfeindliche Aktivitäten erstickt im Konsumrausch.
Foto: Konstantin Nowotny
D ie Rufe sind bereits von Weitem zu hören: „Trans rights are human rights“, „Transrechte sind Menschenrechte“, oder „How many people have to die?“, „Wie viele Menschen müssen noch sterben?“
Eine Gruppe von sieben Menschen steht auf der belebten Einkaufsstraße Oxford Street im Zentrum Londons, ausgestattet mit Schildern, rosa-blau-weißen Fahnen und einem Megafon. Ihnen gegenüber stehen einige Hundert, manche in Kostümen: Hexenhüte, Zauberstäbe, bunte Schals.
Am Mittwochmorgen wurde hier Großbritanniens größter Harry-Potter-Laden eröffnet. Auf zwei Etagen finden Fans der beliebten Romanreihe von Autorin Joanne Rowling allerhand Artikel aus dem Romankosmos: eine meterhohe Kollektion an Zauberstäben, Textilien mit den Emblemen der verschiedenen Hogwarts-Häuser und allerhand Süßigkeiten, von „Bertie Botts Bohnen“ jeder Geschmacksrichtung bis hin zu Schokofröschen.
Stunden vor der Eröffnung fanden sich bereits etliche Fans vor dem Laden ein. Viele von ihnen sind Touristen, einige sogar extra für die Ladeneröffnung nach London gereist. In ihrer Wartezeit erhielten sie weitere Lektionen von den Protestierenden: „Die Erschafferin dieses Franchises hat sich dafür entschieden, ihr Geld in Fanatismus und Hass zu investieren.“ Die Gruppe spielt darauf an, dass Rowling im Jahr 2024 70.000 Pfund an eine Aktivist*innengruppe spendete, um ein Verfahren am obersten britischen Gericht zu unterstützen.
2025 gab der britische Supreme Court der Gruppe, und damit auch Rowling, recht: Geurteilt wurde, dass die Begriffe „Mann“ und „Frau“ nur für das „biologische Geschlecht“ gelten sollen und demnach etwa Trans-Frauen rechtlich nicht als Frauen gelten. Diese Gesetzgebung koste Menschenleben, so die Demonstrierenden vor dem Harry-Potter-Store. „Schämt euch!“, ruft die Gruppe.
Die Trennung von Kunst und Sexualität
Zwei junge deutsche Männer, die während ihres Londonaufenthalts zufällig von der Ladeneröffnung erfahren haben und in der Schlange stehen, zeigen sich irritiert. Sie haben den Eindruck, dass hier trans Personen streiken würden. „Vielleicht wegen J. K. Rowlings transphoben Äußerungen?“ So richtig sicher ist man sich nicht: „Das will man natürlich nicht supporten. Aber ich trenne Kunst von Sexualität, wir sind selber auch ein Paar.“ Andere in der Schlange diskutieren ähnlich über den Protest.
Spätestens im Laden verstummen die Rufe von draußen, es übernimmt der Sound des Konsumrauschs. Ein Durchkommen gelingt nur mit einigen „Excuse me„s und sanften Rempeleien. Die untere Etage ist der magischen Einkaufspassage „Winkelgasse“ aus den Rowling-Romanen nachempfunden. In der Getränkebar „Zum tropfenden Kessel“ kostet das „Butterbier“ umgerechnet 11,40 Euro – und damit sogar ein wenig mehr als ein echtes Bier im Pub nebenan. Das Getränk schmeckt wie ein alkoholfreies Weizen und hat eine Krone aus fettig-süßen, marshmallowhaften Schaum.
Auf der oberen Etage können Fans im Rahmen einer Licht- und Soundeffektzeremonie ihre Zugehörigkeit zu einem der Zauberschulenhäuser erfahren. Viele der hier angebotenen Merchandise-Artikel gibt es auch anderswo. Zu den exklusiven Highlights zählen eine originalgetreue Nachbildung des magischen Busses „Fahrender Ritter“ und eine imposante Figuration des „Ukrainischen Eisenbauchs“, eines Drachens.
„Irgendwann müssen sie doch auch mal was trinken oder so“, sagt ein genervter Sicherheitsmitarbeiter im Laden. Es scheint nicht so: Auch Stunden nach der Eröffnung schallen noch immer die Rufe der kleinen pro-trans-Protestgruppe vor dem Laden. An der Begeisterung für das Harry-Potter-Franchise scheinen die politischen Aktionen J. K. Rowlings nichts geändert zu haben. Längst hat die Zauberwelt eine Anziehungskraft entwickelt, die ihre Erschafferin überstrahlt – und wohl noch lange überstrahlen wird.
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