Journalistische Entgleisungen : Ein bisschen mehr Respekt, bitte!
Die Berliner Wahlsiegerin Elif Eralp steht seit Wochen unter Beschuss. Dahinter steckt auch die Angst vor linken Frauen.
Foto: Kay Nietfeld/dpa
E ine strahlende Frau, die von „Liebe und Gerechtigkeit“ in der Bundeshauptstadt spricht und dabei für Bildung, günstige Mieten und Migranten streiten will: Dieses Leuchtbild der Berliner Wahlsiegerin Elif Eralp war schnell erloschen. Schon bald wurde die Bürgermeisterkandidatin der Linken zur Symbolfigur für radikale Randgruppen ihrer Partei – obwohl sie selbst gegen diese vorgegangen war. „Linke Clan-Bürgermeisterin“, „tief judenfeindlich“, „erpressbar“: Spekulationen, im besten Fall Indizienketten reichten, um sie in zahlreichen Medien abzustempeln.
Derart diffamierende Schlagzeilen rufen Erinnerungen an andere freudige Wahlsiegerinnen wie Andrea Ypsilanti hervor. Auch die hessische Sozialdemokratin musste 2008 eine „Tsunami-Welle von demagogischer Raserei“ (Tom Schimmeck) ertragen. So verschieden die Voraussetzungen sein mögen: Ein Vergleich ist auch 18 Jahre später erhellend. Er zeigt nicht nur, dass antilinke Ressentiments erneut publizistische Entgleisungen und ein geradezu auffälliges Desinteresse am sachlich-demokratischen Ringen zu rechtfertigen scheinen. Das Problem scheint zudem die linke Frau zu sein.
Christiane Grefe ist freie Autorin, unter anderem für Die Zeit, wo sie 25 Jahre lang als Reporterin und Redakteurin gearbeitet hat. Sie schreibt über soziale und ökologische Themen. Zuletzt erschien ihr Buch (mit Tanja Busse) „Der Grund“ über Zielkonflikte bei der Flächennutzung.
Zur Erinnerung: In einem Wahlkampf, der (wie bei Eralp) von Gerechtigkeitsthemen getragen wurde, hatte Ypsilanti über 36 Prozent der hessischen Bürger von der SPD überzeugt. Doch ganz knapp verfehlte sie die Chance, den CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch allein im Bund mit den Grünen ablösen zu können. Zerrissen zwischen zwei Wahlversprechen – nicht mit Koch oder den Linken – überzeugte Ypsilanti letztlich ihre Fraktion davon, die Linke für die Duldung einer rot-grünen Koalition zu gewinnen. Darauf zogen – assistiert von einem medialen Trommelfeuer (egoistisch, machtversessen, „Dilettanti“, „Lügilanti“) – vier Abtrünnige wenige Stunden vor dem letzten Votum ihre Unterstützung zurück. Ihre als Gewissensqual verkleidete Intrige führte zu Ypsilantis Sturz.
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So muss es bei Elif Eralp nicht kommen, aber auch ihr wird voreilig die Regierungsfähigkeit abgesprochen, weitere Parallelen sind frappierend. In beiden Fällen gab es höchst ungewöhnliche journalistische Regelverstöße. Die Spiegel-Redaktion veröffentlichte vergangene Woche Korrekturen eines Interviews, die Eralp im Vertrauen auf solche Autorisierungsprozesse erbeten hatte. Dass die Politikerin – auf Anraten des LKA – den Namen eines mit der Hamas sympathisierenden Palästina-Aktivisten streichen wollte, um ihre Familie zu beschützen, fiel ebenso der Indiskretion anheim wie eine Randnotiz an linke Kollegen, die ihr Büro versehentlich mitgesendet hatte. Darin hatte Eralp ihre persönliche Angst benannt.
Déjà-vu: Im Fall Ypsilanti hatte der damalige hessische Ministerpräsident Kurt Beck einer Journalistenrunde verraten, als Bundesvorsitzender der SPD werde er eine Duldung durch die Linke akzeptieren. Er tat das in einem Hintergrundgespräch, was eine Veröffentlichung ausschließt. Doch die Meldung ging sofort raus – und mobilisierte eine Kampagne rechter Sozialdemokraten und Wirtschaftsvertreter gegen die Wahlsiegerin.
Man kann solche gängigen Absprachen zwischen Medien und Politik mit guten Gründen infrage stellen. Doch wenn beide Seiten sie akzeptieren: Was legitimiert dann, sie einseitig zu brechen? Ist es tatsächlich Verantwortung? Eher wohl handelten die Journalisten aus Hybris und bewirkten damit, was in der Branche als tabu gilt: Sie machten selbst Politik.
Und das gerade bei Frauen? Man könnte die Frage als verschwörungstheoretisch abtun, wären nicht damals wie heute platte Weiblichkeitsklischees im Spiel. Nur ein Beispiel ist ein Kommentar des FAZ-Feuilletons über einen Auftritt Eralps: Angesichts einer Gruppe von Parteifreunden, die hinter ihr standen, „fast hätten wir Clan gesagt“, stellt er die Frage, ob die Herren wohl „zur moralischen Unterstützung oder eher als Aufpasser“ mitgekommen seien.
„Überforderung“, „Marionette finsterer Mächte“: solche Attribute gleichen jenen für „diese kleine, hesselnde Frau“, die „frühere Stewardess“ – Ypsilanti. So einer konnte – und nun geht es zur Sache – ihr geplantes ambitioniertes Energiewendeprogramm nur „aufgedrückt“ worden sein. Viel mehr hatte das schwache Geschlecht mit der Berufung des sozialdemokratischen Vordenkers für erneuerbare Energien, Hermann Scheer, zum designierten Wirtschaftsminister sowohl Mut bewiesen als auch politische Witterung. Scheers praktische Vision einer dezentralen „Energie des Volkes“ entpuppte sich als ein Geheimnis der erfolgreichen Wahlmobilisierung in Hessens Kommunen.
Doch damit schwamm das Team Scheer-Ypsilanti gegen den Strom der fossilen Mehrheit ihrer Partei. Namentlich der damalige Finanzminister Peer Steinbrück und Wolfgang Clement aus NRW konnten ihren Spin vom verantwortungslosen, illusionären Projekt der „Amateurin“ in den Medien bemerkenswert monochrom durchsetzen. Dabei spricht eine Menge dafür, dass wir heute beim Klimaschutz weiter wären, hätte sich das Experiment in Hessen durchgesetzt.
Zugegeben, es ist spekulativ, wenn man vermutet, dass hinter den Tiraden gegen Elif Eralp auch die Verteidigung des Status quo gegen ein komplexes Reformprojekt steht. Gemeint ist die von der Linken geplante und von den Berlinern in einer Volksbefragung geforderte teilweise Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne. Beim Widerstand dagegen fällt zumindest auf, dass persönliche Diffamierung und inhaltliches Desinteresse Hand in Hand gehen. Ernsthafte Auseinandersetzungen mit dem Versuch, kommunalen Einfluss auf die Mietpreise zurückzugewinnen, geschweige denn mit dem wohnungspolitischen Gesamtpaket der Linken, findet man jedenfalls höchstens mit der Lupe, obwohl das lange aufgeschobene Thema Wohnen sozialen Brennstoff birgt.
Man muss die Ideen, für die Elif Eralp steht, nicht für das Nonplusultra halten. Sicher ist aber: „Wahnsinn“ oder „neidgetriebene Verliererpolitik“ (Ulf Poschardt, Die Welt) sind keine Argumente. Dergleichen spalterisches Karacho sägt vielmehr weiter am Ast der Demokratie, die seit 2008 immer brüchiger wird – und umso mehr auf Respekt auch von politischen Gegnern angewiesen ist.
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