Erster Migra-Streik in Halle: Täglich angefeindet
In Halle haben am Donnerstag rund 30 Migrant*innen ihre Geschäfte geschlossen. Es ist ein Protest gegen den zunehmenden Rassismus in Sachsen-Anhalt.
Foto: Kira Hofmann/dpa
Am Donnerstagmorgen muss Wael Alomar dringend noch ein paar Anrufe tätigen, denn über die Website seines Restaurants kommen Bestellungen rein. Was die Bestellenden nicht wissen: Bei Alomar gibt es heute kein Essen. Er macht mit beim ersten sogenannten Migra-Streik in Halle. Neben Alomar beteiligen sich laut Organisator*innen rund 30 weitere Geschäfte an dem Streik. Gemeinsam wollen sie angesichts einer zunehmend migrationsfeindlichen Stimmung im Land ein sichtbares Zeichen setzen.
Sie wollen deutlich machen, dass Halle ohne Menschen mit Migrationsgeschichte nicht die „vielfältige, schöne und lebenswerte Stadt“ wäre, die sie ist. So steht es im Aufruf. Von der zunehmend negativen Stimmung gegenüber Menschen, die migrantisch gelesen werden, kann auch Alomar berichten. Angehörige seiner Familie würden seit der Landtagswahl im September täglich rassistische Anfeindungen erfahren. In der Schule, im Supermarkt und sogar auf dem Marktplatz.
Diskriminierung und Faschismus habe er schon in seinem Herkunftsland Syrien erlebt – und dieses 2008 verlassen. Er wolle nicht umziehen, sagt Alomar. Aber wenn es so weitergehe, bleibe ihm keine Wahl, dann würde er Sachsen-Anhalt verlassen. „Wir sind nach Deutschland gekommen, weil wir Schutz gesucht haben“, sagt er: „Und wenn der Rechtsstaat uns diesen nicht garantieren kann, können wir nicht bleiben.“
Vor knapp drei Wochen berichtete das Landesnetzwerk Migrantenorganisationen in Sachsen-Anhalt (Lamsa) in der Bundespressekonferenz, seit der Landtagswahl im Schnitt täglich rassistische Übergriffe zu erfassen. Aus eben solchen Übergriffen sei die Idee zum Streik entstanden, erklärt in Halle einer der Organisierenden von der Initiative „MigraStark“. Aus Sicherheitsgründen soll sein echter Name nicht veröffentlicht werden, er heißt in diesem Text Beşîr Rojava.
Rassistische Flyer und Bedrohungen
Er habe mit Menschen gesprochen, die schon am Wahlabend blaue Abschiebe-Flugtickets in ihren Briefkästen gehabt hätten, berichtet Rojava. Familienangehörige und Freund*innen würden einen deutlichen Zuwachs an rassistischen Vorfällen wahrnehmen. Im Gespräch mit Gewerbebetreibenden sei dann der Vorschlag aufgekommen, in Halle einen Migra-Streik zu organisieren, wie es ihn in Magdeburg vor der Landtagswahl gab.
Doch viele Gewerbebetreibenden hätten im Vorfeld Angst gehabt, in den Fokus von Diskriminierungen zu rücken, Kunden zu verlieren und finanzielle Verluste oder zerschlagene Fensterscheiben zu erleiden, berichtet Rojava. Fast täglich sei er deshalb gemeinsam mit Unterstützer*innen des Streiks von Geschäft zu Geschäft gelaufen und habe versucht, die Menschen zu überzeugen, sich dem Streik anzuschließen.
Widerständig zu sein, wenn Unrecht geschieht, habe er als Kurde mit der Muttermilch aufgenommen, sagt Rojava – denn „Widerstand ist Leben“. Der Streik solle Menschen aus der migrantischen Community dazu ermutigen, nicht stillschweigend zuzuschauen, während rassistische Übergriffe von Tag zu Tag mehr würden. „Deine Rechte wird dir niemand schenken“, sagt Rojava.
Nur ein Anfang
Erst hatte er Sorge, dass sich kaum Gewerbetreibende beteiligen. Nun haben sich doch deutlich mehr Menschen angeschlossen. Einige wären sogar am Morgen noch spontan dazugekommen. Am besten habe der Streik dort funktioniert, wo die Gewerbebetreibenden miteinander ins Gespräch gekommen sind, sagt Rojava. Wenn ein Laden streike, schlössen sich andere an. Genauso habe er aber in manchen Straßen beobachtet, dass Läden, die eine Teilnahme zugesichert hatten, nun doch geöffnet haben, weil ihre Nachbarläden nicht schließen.
Rojava ist auch angesichts der Kundgebung am Steintor mit rund 200 Menschen hoffnungsvoll, dass der heutige Tag nur ein Anfang ist und sie auf der Vernetzung und dem Erfolg aufbauen können. „Mit dem Streik zeigen wir, was dieser Gesellschaft fehlt, sollten wir weg sein“, sagt auch Restaurantbesitzer Alomar.
Der Schutz von Menschen dürfe jedoch nicht an ihren Nutzen gekoppelt sein, sagt Rojava. Die migrationsfeindliche Politik und die rassistische Hetze hätten Folgen für alle Menschen in dieser Gesellschaft. „Ausgrenzung und Anfeindungen richten sich auf der Straße nicht nach Anstellungsverhältnis, sondern nach Aussehen, Sprache und Herkunft aus.“
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