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Proteste in FrankreichDie Macht der Kaufkraft

Eine wachsende Zahl von Menschen in Frankreich glaubt, sich immer weniger leisten zu können. Die Angst vor Verarmung wächst.

Aus Paris

Rudolf Balmer

Im Oktober 2026 betrug in Frankreich die Inflationsrate laut dem Statistikamt Insee im Vergleich zum Vorjahr 3,4 Prozent. Das ist viel und relativ wenig zugleich – offenbar aber noch genug, um eine soziale Krise mit Streiks, Demonstrationen und Krawallen auszulösen, wie sie Frankreich wohl seit der denkwürdigen Revolte im Mai 1968 in diesem Ausmaß nicht mehr erlebt hatte.

Dabei zeichnet sich auch ab, dass die Frage der Kaufkraft und die Angst vor einer Verarmung – neben einem weit verbreiteten und pauschalen Wunsch nach einer „Änderung“ – im Zentrum der Debatte der Präsidentschaftswahlen im Frühling 2027 stehen werden: Welcher Kandidierende hat die besten Vorschläge oder erscheint den Franzosen und Französinnen mit seiner Persönlichkeit am ehesten glaubwürdig für die Verteidigung ihres Lebensstandards und ihrer sozialen Statussymbole?

Die Midterms in den USA haben drastisch vorgeführt, wie sehr dieser Faktor über Sieg oder Debakel entscheiden kann. Relativieren muss man zunächst das Gewicht der offiziellen Teuerungsrate aus verschiedenen Gründen. Es handelt sich um einen durchschnittlichen Vergleichswert. Er wird ausgehend von einem „Einkaufskorb“ mit 4.600 Gütern und Dienstleistungen berechnet.

Der französische Durchschnittsverbraucher ist eine statistische Konstruktion, in der sich zwangsläufig sehr viele reelle Bürger, deren Konsumgewohnheiten sich unterscheiden, nicht erkennen können. Die beim Einkaufen verspürte Teuerung entspricht einer individuellen Einschätzung. Nicht alle fühlen sich gleichermaßen von steigenden oder sinkenden Preisen betroffen und die meisten übertreiben anscheinend oft die Dimension.

Subjektiver Faktor

Eine Studie der Banque de France hat 2021 dieses subjektive Verhalten analysiert: „Wenn die Preise steigen, haben die Leute den Eindruck, dass sie stärker steigen, als dies in der Realität der Fall ist. Und wenn sie sinken, halten sie im Gegenteil die Senkung für schwächer als dies der Fall ist“, resümiert der Nationalbankökonom Vincent Bignon.

Dasselbe Phänomen habe man übrigens auch bei der Einführung des Euro erlebt. Der subjektive Faktor kann sich indes in eine kollektive Wut verwandeln und Ausgangspunkt schwerer sozialer Konflikte werden, wie es das Beispiel Frankreich gegenwärtig zeigt.

Rund um die Kaufkraft kristallisieren sich diverse Gefühle der Bedrohung durch Verarmung, Unsicherheit, Ungleichheit und soziale Isolation. Das beziffert eine Studie der Jean-Jaurès-Stiftung im Auftrag einer Koordination von mehr als 60 Hilfswerken, die in diesen Tagen in der Form eines „Barometers“ (Druckmessers) publiziert wurde, mit dem nicht nur die Kaufkraft im engeren Sinne beobachtet wird.

Die Resultate sind für die Politik bedenklich: 50 Prozent der 12.000 repräsentativ Befragten sagen, ihre finanzielle Situation mache es ihnen schwer, anständig leben zu können. Wegen der Zunahme der Energiekosten, der Ausgaben für Transport und Nahrungsmittel glauben je 59 Prozent, 45 Prozent und 44 Prozent, nicht mithalten zu können. Ein ähnliches Gefühl, in ernste finanzielle Schwierigkeiten zu kommen, haben auch 42 Prozent der Mieter.

Keine Hilfe von Nahestehenden

Von den Erwerbstätigen geben 44 Prozent an, ihre Arbeitsbedingungen hätten sich in den vergangenen fünf Jahren verschlechtert. Auch findet eine Mehrheit (54 Prozent), dass die Qualität des öffentlichen Gesundheitswesens gesunken ist. Eine von drei Personen gibt außerdem an, sie wäre in Notfällen isoliert und könne auf keine materielle oder moralische Hilfe von Nahestehenden zählen. Falls alle Befragten (95 Prozent) sagen, sie lebten in einer Konfliktgesellschaft wegen Spannungen, Unsicherheit (59 Prozent), wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheit (42 Prozent) sowie Respektlosigkeit (39 Prozent).

Die Politik wäre schlecht beraten, dies alles als übersteigerte Emotionen von notorisch unzufriedenen und streitsüchtigen „Galliern“ abzutun. Denn der Verlust der Lebensqualität hängt mit reellen Veränderungen im Alltag zusammen. Der angestaute Unmut kann sich in geballter Form gegen den Staat und das Wirtschaftssystem wenden.

Die detaillierte Analyse individueller Bedrohung und kollektiver Niedergangsängste erklärt auch, weshalb die soziale Krise den politischen Extremen, den Populisten von rechts und links, Auftrieb gibt. Die eher gemäßigten Parteien der Mitte, die zu Vernunft und Besonnenheit mahnen, finden kaum noch Gehör.

In Form sozialer Proteste präsentieren die Unzufriedenen jetzt Emmanuel Macron die Rechnung für zehn Jahre seiner Präsidentschaft. Er wird mit seiner Politik des „Et en même temps …“ („Einerseits und zugleich“) für den Konflikt persönlich verantwortlich gemacht.

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