Winter im Gazastreifen: Mitten in der Nacht versinken die Zelte im Regen
In den Ruinen von Gaza, wo ein Zelt Luxus ist, gibt es keinen Schutz vor dem Winter. Die neuen Hamas-Autoritäten tun auch nichts für die Menschen.
Foto: Abdel Kareem Hana/ap
Gegen 21 Uhr am Freitagabend blitzt der Himmel über Gaza auf. Gegen 22 Uhr beginnt es zu stürmen. Schlafen kann ich nicht mehr. Ich höre die Vertriebenen in ihren Zelten, die gerade untergehen. Ihre Angst und ihre Versuche, irgendetwas zu tun gegen den starken Regen. Und ihre Beleidigungen und Flüche gegen die Hamas.
Gegen 23 Uhr greift Jamal nach einer Schaufel. Rund um sein Zelt will er einen Abflusskanal für das Regenwasser anlegen, damit es nicht sein Zelt überschwemmt. Er hatte über Monate immer wieder Gazas Stadtverwaltung gewarnt, sagt er. Denn was passiert, wenn der Winter und damit der Regen über die Zeltstädte der Vertriebenen kommt, wissen die Menschen in Gaza noch vom letzten Jahr.
Das Prasseln in der Nacht ist ohrenbetäubend. Er entwurzelt drei Basilikumsträucher, die Jamal um sein Zelt gepflanzt hatte. Trotz seiner Mühen setzen im Laufe der Nacht Regen- und Schlammströme sein Zelt unter Wasser, den gesamten Besitz des 80-Jährigen und seiner betagten Ehefrau.
Es mache keinen Sinn mehr, noch zu versuchen, etwas zu retten außer das Zelt selbst, sagt er am Morgen. „Sogar meine Matratze und die meiner Frau sind untergegangen, und ich kann meine Medikamente nicht mehr finden.“
70.000 Zelte überflutet, heißt es. Es dürften mehr sein
Am Morgen gibt das Medienbüro der Hamas-Regierung bekannt, dass 70.000 Zelte überflutet wurden. Ich glaube, dass es mehr sind. Allein in Gaza-Stadt stehen Hunderttausende Zelte. In Khan Younis gibt es noch mal so viele. Auch sind Häuser eingestürzt.
Die ganze Nacht hindurch sehe ich Lichter der Handys von Vertriebenen, die versuchen, etwas zu retten. Mohammed, der als Vertriebener in einem Zelt bei Deir al-Balah lebt, wurde mitten in der Nacht vom Regen geweckt. Sein Zelt, in dem auch seine Frau und das Kleinkind leben, wird überschwemmt, Nachbarn eilen ihm vergeblich zu Hilfe. Er verflucht den toten Hamas-Anführer Jahja Sinwar und die von ihm orchestrierten Ereignisse vom 7. Oktober.
Der 40-jährige Englischlehrer Jihad, der mit Frau und fünf Kindern in drei Zelten lebt, befindet sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Er rennt stundenlang hin und her, eimerweise schleppt er Wasser. Aus Mehlsäcken, die unter Wasser stehen und nicht mehr zum Backen zu gebrauchen sind, baut er einen behelfsmäßigen Schutz vor dem Schlamm.
Seit Monaten fordern die Vertriebenen von den Kommunalverwaltungen immer wieder, einfache Entwässerungsgräben zum Schutz der Zelte auszuheben. Doch die Verwaltungen, so erzählen sie es, hätten ihnen erklärt, sie hätten zu viel zu tun. Tatsächlich standen wohl dringlichere Themen bei der Hamas-Regierung an wie etwa das Eintreiben von Steuern, die Kontrolle der Gemüsepreise auf den Märkten.
Wo noch Menschen leben, herrscht weiter Hamas
Der Gazastreifen ist geteilt. Über 60 Prozent des Gebiets kontrolliert Israels Militär, es ist weitgehend entvölkert. Der Rest, in dem fast die gesamte Bevölkerung von etwa zwei Millionen Menschen lebt, steht weiterhin unter der Kontrolle der Hamas. Diese übt sie seit dem Beginn der sogenannten Waffenruhe im Oktober 2025 auch wieder mit öffentlicher Präsenz aus. Ihre Sicherheitskräfte sind auf den Straßen zu sehen, Steuern werden eingetrieben, die lokalen Verwaltungen sollen sich um die Verteilung der Vertriebenen in den Straßen kümmern.
Als die Unwetter nun zuschlägt, gibt es offizielle Appelle an die internationale Gemeinschaft: „70.000 Zelte überflutet; die Bürger leiden unter den Verwüstungen der Regenfälle.“ Offizielle Erklärungen beklagen die Untätigkeit der Welt für die Menschen in Gaza. Aber auch eigene Hilfe, wie etwa eine Suppenausgabe, bleibt aus, auch am Samstag und Sonntag.
Die Witwe Fadwa und ihre beiden Töchter sitzen allein und schweigend in ihrem Zelt mitten auf der Straße in Nuseirat. Um sechs Uhr morgens sucht sie nach einem Mann, der ihr helfen könnte, ihr Zelt zu sichern. Denn ihre durchnässten Habseligkeiten sind zu schwer zum Tragen. Zitternd fragt sie Ladenbesitzer und Passanten nach Winterkleidung, um ihre Kinder vor der bitteren Kälte zu schützen.
Ein Zelt aufzustellen, kostet Gebühren
Die Kommunen fordern nun die Verlegung Zehntausender Zelte. Doch sie haben bisher nicht die Gebühr von bis zu 1.500 Schekel aufgehoben, die pro Zelt in öffentlichen Bereichen verlangt wird.
Mohammed al-Sayed fand keinen freien Platz außer auf einem Friedhof in Gaza. Vier Zelte sind es: für ihn und seine Frau, seine drei verheirateten Söhne und seine Enkel. Er empfinde Wut und Schmerz, wenn er seine Enkel zwischen den Gräbern spielen sieht. Er erinnert sich, wie er seine Enkel dabei erwischte, wie sie menschliche Knochen betrachteten, die streunende Hunde aus frischen Gräbern ausgegraben hatten.
Gazas Stadtverwaltung, erzählt der alte Mann, sei einen Tag vor dem Gewitter mit Polizei vorbeigekommen, um ein Grab direkt vor seinem Zelt auszuheben – wohl wissend, dass der Friedhof eigentlich woanders genug Platz habe. Er sagt: dies sei ein Trick, um ihn an einen Ort zu vertreiben, an dem er eine Gebühr für seinen Zeltstandort zahlen muss.
Wochen zuvor hatte die Hamas eine Steuer von 10.000 Schekel auf jede Lkw-Ladung Lebensmittel verhängt, die in den Gazastreifen gelangt. Darauf schloss Israels Armee den Grenzübergang Kerem Abu Salem und verhinderte eine Woche lang die Einfuhr von Nahrungsmitteln. Dann hob die Hamas die Steuer wieder auf, sodass Güter wieder eingeführt werden konnten.
Munir lebt auf der Straße, umgeben von Säcken und zerfledderten Kartons. Er hat viele Fragen. „Wohin fließen die von der Hamas eingenommenen Steuern? Warum wurden damit keine Zelte gekauft und an die Bewohner verteilt? Stattdessen gibt es sie zu exorbitanten Preisen auf den Märkten. Vier Planen für ein Zelt kosten 400 Dollar. Das Material gelangt als Hilfsgüter nach Gaza – warum wird es direkt vor der Nase der Hamas auf den Märkten verkauft?“
Munir lebt allein, seit seine gesamte Familie im Norden des Gazastreifens getötet wurde. Er ist eigentlich Computerprogrammierer, besitzt aber keinen Laptop mehr. Nur etwa zweimal im Monat arbeitet er – als Träger, wenn das UN-Hilfswerk UNRWA Hilfspakete verteilt. Er sehnt sich nach Plastikplanen.
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