Ein Hoch auf die Reizüberflutung!

Festival Die Autorentheatertage am Deutschen Theater haben begonnen: Am Eröffnungsabend gehörte „Paradies fluten“ von Thomas Köck, eine Inszenierung aus Stuttgart, zu den ersten Gastspielen

Ein Durcheinander, aber kein Chaos: „Paradies fluten“ Foto: Theater Rampe/Backsteinhaus

von Nora Voit

Am Anfang liegt auf der Bühne ein aus Autoreifen zusammengeschobener Wal. Eine Plane. Ein Seil. Eine Box mit Holzperlenvorhang. Ekstatisch tanzende Performer und Performerinnen tragen wenig Stoff und Knieschoner. Bevor man sich fragen kann, welche theatrale Symbolik die haben, ist es auch schon klar: vermutlich gar keine. Sie dienen schlichtweg dem Schutz der bis zur Erschöpfung ausgebeuteten Tanzkörper.

„Paradies fluten“, das Stück des vielfach preisgekrönten Dramatikers Thomas Köck, ist der erste Teil einer „Klimatrilogie“, die Geschichten erzählt von der menschengemachten Ausbeutung der Natur und sich selbst. Sprachgewaltig nimmt sich Köck darin einen durchkapitalisierten Weltmarkt und deren Subjekte vor. Mit seinem Text war der aus Österreich stammende Autor 2015 zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen, im Jahr darauf erhielt er den Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker. Jetzt ist er damit zu den Autorentheatertagen ins Deutsche Theater nach Berlin gekommen.

Die Inszenierung der Regisseurin Marie Bues und der Choreografin Nicki Liszta ist eine Koproduktion des Theaters Rampe und vom Backsteinhaus aus Stuttgart. Sie führt durch ein „Museum des Kapitalismus“, das schon, bevor es in das Theater hineingeht, auf dem in Weißweinschorle getauchten Platz vor dem Deutschen Theater begehbar ist.

Viel gereist sind Christa Müller, stellvertretende Intendantin des Deutschen Theaters, der Intendant Ulrich Khuon, der Dramaturg John von Düffel. Um sich eine Spielzeit lang Uraufführungen anzuschauen. Eingeladen haben sie jetzt zu den Autorentheatertagen (bis 24. Juni) Inszenierungen aus Köln, Nürnberg, Wien, München, Bern, Zürich und Leipzig.

Vorgestellt werden neue Stücke von Judith Schalansky, Dirk Lauke, Ferdinand Schmalz, Lutz Seiler, Jürg Halter, Albert Ostermaier. Die junge Österreicherin Miroslava Svolikova ist mit zwei Werken dabei.

Oft geht es um Verunsicherung, Veränderungen in der Gesellschaft, Zukunftsangst. Das gilt auch für die drei Uraufführungen am 23./24. Juni. Die Autorinnen Sivan Ben Yishai, Afsane Ehsandar und Yade Yasemin Önder, ausgesucht von einer Jury, beschäftigen sich mit der Angst vor dem Fremden und den Erwartungen an Immigranten.

Gezeigt werden Exponate aus „lebender Biomasse“, zwischen 1890 und heute, Opfer und Gewinner des freien Marktes: Darunter ist ein deutscher Architekt, der im brasilianischen Dschungel für Nicht-indigene Kautschuk-Barone das Opernhaus Teatro Amazonas baut und damit ein Stück europäische Kulturgeschichte in eine fremde Welt erzwingen will. (Ihn kennt man aus Werner Herzogs Film „Fitzcarroldo“.) Weiter trifft man auf einen Familienvater, der sich den Traum von der Selbstständigkeit mit der eigenen Autowerkstatt verwirklicht, und dessen Tochter. Die ist Tänzerin und fragt sich, wann sie denn endlich auf eigenen Beinen stehen wird, und ob beim Eintreffen dieses Moments das Leben nicht schon vorbei sei.

Den beiden Regisseurinnen gelingt es, die Textflut, die an mancher Stelle vor lauter Tiefsinn flüchtig vorbeirauscht, auf mehrere Bildebenen zu bringen. Als Zuschauer weiß man oft gar nicht, wo man hinschauen und hinhören soll. Da zitieren und monologisieren durchweg starke Performer*innen, sie klettern dabei und hängen von den Wänden bis zum Ende ihrer Kräfte. Da wird mit Wörtern so lange um sich geworfen, bis die Absurdität jeder einzelnen Silbe deutlich wird: quer-fi-nan-ziert und Selbst-stän-dig-keit und Ho-no-rar-ba-sis. Kurz vor der Kapitulation ist angesichts der vielen Eindrücke immer auch der Zusehende. „Paradies fluten“ ist ein Durcheinander, aber kein Chaos. Abwechslungsreich getragen von drei Musikern an Bass, Schlagzeug, Klarinette, Synthesizer oder Ukulele.

Die Performance baut Köcks Text-Sinfonie zu einem Gesamtkunstwerk aus. Den insgesamt 13 Tänzer*innen, Schauspieler*innen und Musikern wird darin gleichberechtigt viel Raum zugestanden. Und damit ein Gegenkonzept zum kolonialistischen „Das-sind-wir-und-das-seid-ihr“-Prinzip entworfen, dem man in diesem Museum auch begegnet. Seinen konfliktreichen Höhepunkt erreicht es, als die Bühne mithilfe von Autoreifen in zwei Teile geteilt wird: auf der einen Seite die Schauspieler*innen, auf der anderen Seite die Tänzer*innen. Wir hier, ihr dort. Jeder spricht die Sprache, auf die er die Antwort kennt. Oder hat doch ein spiritueller Ratgeber Recht, der sagt: „Whereever you go, there you are“?

Wer flutet hier wen womit? Die Geschichte die Gegenwart? Die Tänzer*innen fluten den Raum mit Bewegungen mit Bewegungen, die Schauspieler*innen mit Text. Irgendwann leuchtet der Zuschauerraum in Reizüberflutungs-Rot. Mit einer furiosen Abschiedsrede im Futur II – das, so sagt man, bald ausgestorben worden sein wird – endet der Abend. Er ist witzig und klug, untermalt mit liebevoll gemachter Livemusik, kurzweilig, toll.