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Sanft die Hand auflegen

Bei anhaltendem Schreien und Unruhe ihres Babys suchen manche Eltern einen Osteopathen auf. Doch was kann der, was ein Kinder-arzt nicht kann? Und wie findet man einen seriösen Therapeuten?

Wer einen Kinder-Osteopathen sucht, sollte sich nach dessen Ausbildung erkundigen Foto: imago

Von Anna Löhlein

Anton ist gerade zwei Wochen alt. Zwei Wochen, in denen er viel geschrien, hektisch das Köpfchen hin und her geworfen hat, nervös und zappelig war – sogar beim Stillen. Nun aber ist er ruhig, seine verkrampften Fäustchen haben sich gelöst, entspannt liegen die Arme neben seinem Körper, er atmet gleichmäßig.

Die Hände, in denen Antons Kopf liegt, sind nicht die seiner Mutter oder seines Vaters, sondern sie gehören Katrin Çetin, Osteopathin mit Schwerpunkt Kinder-Osteopathie. Während das Paar über das staunt, was es gerade sieht, erlebt Çetin ähnliche Situationen in ihrer Praxis häufig: ratlose Eltern, die ihre Hilfe suchen, wenn das Kind in den ersten Lebenswochen beispielsweise außergewöhnlich unruhig ist oder eine erhöhte Körperspannung und Überstreckung zeigt.

„Die Suche nach den Auslösern für die Symptome beginnt mit einem ausführlichen Elterngespräch über die Schwangerschaft und den Verlauf der Geburt“, erklärt die Kinder-Osteopathin. Auch alle bisherigen medizinischen Untersuchungen gehören zur Anamnese. „Die Frage ist“, so Çetin, „welche körperlichen Spuren die Geburt hinterlassen hat. Konnte der Körper des Kindes den Druck der Wehen, welchem er während des Geburtsvorgangs ausgesetzt war, lösen oder bestehen noch Kompressionen?“

Solche Spannungen, etwa an den Schädelnähten und Blockaden, zum Beispiel der Halswirbel, sind es, die Auffälligkeiten auslösen können. Durch eine osteopathische Behandlung lassen sie sich meist ausgleichen. Besonders sensibel für die Manifestation von Spannungen oder Verschiebungen sind unter anderem Becken, Wirbelsäule und die Schädelknochen, die noch nicht miteinander verwachsen sind. Nach der Geburt können sie daher leicht übereinandergeschoben bleiben, sodass der Schädel teils deutlich verformt ist. „Lassen sich die Spannungsmuster innerhalb der ersten Lebenswochen durch Behandlungen lösen, kommt es zu weniger Verformungen“, so Çetin, „aber auch danach können Spannungen reduziert und die Beweglichkeit verbessert und ausgeglichen werden.“

Dafür sei es wichtig, den Eltern das angemessene Handling und die entsprechende Lagerung ihrer Babys zu erklären. Aber auch Organe können betroffen sein, zum Beispiel die Lunge. Wenn der Kopf eines Kindes schon geboren ist und es seinen ersten Atemzug tut, während der Brustkorb noch im Geburtskanal steckt, kann die optimale Entfaltung des Atem­organs gestört werden. Osteopathen erspüren solche organischen Dysfunktionalitäten. Çetin erklärt: „In der Osteopathie geht man von spezifischen Organbewegungen aus, die geschulte Hände spüren können, so wie auch Gewebsspannungen.“ Unter anderem an diesen vermeintlichen Organbewegungen stört sich die Schulmedizin. Es gibt keine handfesten Beweise dafür.

Der Beruf des Osteopathen ist weder anerkannt noch geschützt

Doch noch ein anderes Problem hat die Osteopathie: Der Beruf des Osteopathen ist in Deutschland weder anerkannt noch geschützt. „Osteopathie gehört zur Heilkunde und darf nur von ÄrztInnen und HeilpraktikerInnen ausgeführt ­werden“, berichtet Gabi Prediger, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Osteopathie e. V.

Die Ausbildung zum Osteopathen kann berufsbegleitend in mindestens 1.350 Unterrichtseinheiten (meist vier bis fünf Jahre) oder in Vollzeit (fünf Jahre) absolviert werden. Sogar an Hochschulen gibt es mittlerweile Studiengänge in Osteopathie. „Leider“, beklagt Prediger, „gibt es aber auch Organisationen, die eine Osteopathie-Ausbildung in wesentlich kürzerer Zeit anbieten. Einige Therapeuten belegen sogar nur ein Wochenendseminar und bieten dann osteopathische Behandlungen an.“ Auch für die Qualifizierung zum Kinder-Ostheopaten gelten keine einheitlichen Richtlinien. Meist besuchen Osteopathen nach ihrer Ausbildung spezielle Kurse zur Behandlung von Säuglingen. „Vereinzelt werden auch Ausbildungen zum Kinder-Osteopathen angeboten, die sich meist über zwei Jahre erstrecken“, so Prediger.

Eine Orientierungshilfe auf der Suche nach einem fundiert ausgebildeten (Kinder-) Osteopathen geben die Therapeutenlisten jener Verbände, deren Mitglieder eine Ausbildung von mindestens 1.350 Unterrichtseinheiten in mindestens vier Jahren absolviert, eine klinische Prüfung am Patienten und eine Prüfung in Differenzialdiagnostik vor einem Arzt abgelegt haben müssen (siehe Kasten).

Trotz dieser Mängel ist die Nachfrage nach osteopathischen Behandlungen für Neugeborene seit Jahren ungebrochen. Das beobachtet auch Dr. Hinnerk Doll, Kinderarzt in Husum. Er steht dieser alternativen Heilkunst durchaus offen gegenüber, macht jedoch auch klar, dass viele der beim Osteopathen vorgestellten Babys gesunde Kinder sind, die sich auch ohne die Behandlung natürlich entwickeln würden. Bei Blockaden verordnet Doll Physiotherapie.

Therapeuten-Suche

Qualifizierte Kinder-Osteopathen finden Sie auf den Listen dieser Verbände und Organisationen:Bundesarbeitsgemeinschaft für Osteopathie,www.bao-osteopathie.de Register der traditionellen Osteopathen in Deutschland:www.r-o-d.info Verband der Osteopathen Deutschland: www.osteopathie.de Deutscher Verband für Osteopathische Medizin:https://avt-osteopathie.de/dvom/Deutsche Gesellschaft für Kinder-Osteopathie:www.kinderosteopathen.de

Literatur zum Thema:

Torsten Liem, Christof Plothe: „Kinder-Osteopathie – Sanfte Berührung in den ersten Lebensjahren“, 220 Seiten, Droemer Knaur, München 2009Eva Möckel und Noori Mitha (Hrsg.): „Handbuch der pädiatrischen Osteopathie“, 552 Seiten, Urban & Fischer Verlag, München/Jena 2009

Doch schätzt er den ganzheitlichen Aspekt osteopathischer Behandlungen – sofern es um keine medizinisch relevanten Indikationen geht: „Osteopathen lösen solche Probleme anders als Ärzte, nämlich durch körperliche Berührung, Führung und Anleitung der Eltern – und Zeit.“

Gerade die Zeit kommt im Kinderpraxis-Alltag leider oft zu kurz, während sie einem Osteopathen ausreichend zur Verfügung steht. „Die Osteopathie hat einen Stellenwert, weil sie durch die Berührung wirkt. Ein einfühlsamer Osteopath schafft den Kindern entspannte Momente.“ Empfiehlt er selbst Eltern, einen Osteopathen aufzusuchen? „Häufig kommen die Eltern auf Rat ihrer Hebamme“, erklärt Doll, „direkt mit der Bitte um eine Empfehlung für eine ‚ärztlich veranlasste Osteopathie‘“ – das ist eine Bescheinigung, mit der bei Krankenkassen eine Bezuschussung beantragt werden kann. Häufig entspricht er diesem Wunsch der Eltern. Ob alles tatsächlich so wirkt, wie von der Osteopathie behauptet, bezweifelt Doll zwar und führt die fehlende Erhebung von ausreichenden Daten an, dennoch: „Alles, was einen Genesungsprozess positiv beeinflusst, ist gut.“

Und wie geht es Anton? Auf die erste folgten noch zwei weitere Behandlungen, jedes Mal kam er ein deutliches Stück entspannter. „Er ist ruhiger geworden“, lächelt Çetin.