Afghanische Friedensbemühungen

„Gespräche sind keine Hochzeit“

Afghanen sind enttäuscht, dass erste Gespräche zwischen Vertretern von Taliban und Regierung abgesagt wurde. In der Kritik: die uneinige Regierung.

Vertreter der US-Regierung und der Taliban im Februar

Außergewöhnliche Gespräche: Vertreter der US-Regierung und der Taliban im Februar Foto: ap

KABUL/DOHA taz | Baghat Singh verkauft auf Kabuls großem Markt Tee, Safran und Trockenfrüchte. Er macht das seit Jahrzehnten, doch bald ist Schluss. „Ich verlasse das Land. Meine ganze Familie ist schon geflüchtet. Sie sorgt sich um mich“, sagt Singh, der zur Minderheit der Sikh gehört. Er ist einer der Letzten von ihnen in Afghanistan.

Nicht nur in den letzten Jahren, sondern erst recht seit Juli 2018 haben viele Sikh Afghanistan verlassen. Damals wurde Avtar Singh Khalsa, der für die Minderheit für das Parlament kandidieren wollte, zusammen mit 19 weiteren Sikh durch einen IS-Anschlag in der östlichen Stadt Jalalabad getötet. „Inzwischen gibt es nur noch einige Dutzend Sikh-Familien im Land. Einst waren wir Zehntausende“, so Singh.

Er sieht sich weiter als stolzen Afghanen. Doch Afghanistans Zukunft sieht er düster. Daran ändern auch die gegenwärtigen Verhandlungsversuche mit den Taliban nichts.

Mitte April hätten die Friedensgespräche eigentlich im katarischen Doha in die nächste Runde gehen sollen. Von „intra-afghanischem Dialog“ war die Rede. Doch dann wurde das Treffen, das erste geplante in dieser Konstellation, wegen Differenzen zwischen Taliban und Regierung abgesagt.

Regierung wollte gleich 250 Vertreter schicken

Probleme bereitete vor allem die lange Teilnehmerliste der Regierung. Sie wollte 250 Vertreter schicken. Die Taliban spotteten, die Gespräche seien doch „keine afghanische Hochzeit“.

Die meisten Afghanen erhoffen sich von Verhandlungen ein Ende des Krieges. Doch viele sind skeptisch. „Ich kann nicht glauben, dass das Machtspiel um Afghanistan tatsächlich endet. So läuft Politik einfach nicht. Die Menschen, die darunter leiden, sind wir – die einfachen Leute“, sagt Shams ul-Haqq, ein Buchhändler in Kabul.

Shams ul-Haqq, Buchhändler

„Die Delegation der Regierung kommt nicht einmal miteinander aus“

Er hat das Land in den Jahrzehnten voll Krieg und Zerstörung nicht verlassen. Seine Regale sind voll neuer Buchtitel. Beliebt sind neben Schul- und Universitätslehrbüchern weiter Adolf Hitlers „Mein Kampf“ und Che Guevaras Biografie. „Diese Dauerbestseller sagen viel über das politische Versagen hierzulande.“

Bisherige Gespräche mit den Taliban fanden in den letzten Monaten sowohl in Katar als auch in Russland statt. Doch stets fehlten dabei Vertreter der afghanischen Regierung von Präsident Ashraf Ghani. Das kritisieren viele Afghanen.

„Diese Konstellation war von Anfang an problematisch. Frieden kann so nicht zustande kommen,“ sagt der Kabuler Student Mohammad Iqbal und meint, dass die afghanische Regierung von den USA unterminiert werde, da diese direkt mit den Taliban verhandelten – ohne bisher auf eine Teilnahme afghanischer Regierungsvertreter zu bestehen.

Vorwürfe an die Regierung

Doch Kritiker glauben, Ghanis Regierung habe selbst gar kein Interesse an Gesprächen. „Die Regierung weiß doch, dass die Teilnahme von so vielen Vertretern unrealistisch ist. Sie will damit nur die Organisation der Gespräche sabotieren, sodass sie bestenfalls nicht stattfinden“, meint der Student Rahim Laghmani. Er hatte 2014 noch Wahlkampf für Ghani gemacht.

Afghanische Friedensaktivisten, die extra nach Doha reisten, waren teilweise empört. „Die Regierung hat eine wichtige Gelegenheit verpasst. Das ist sehr traurig. Ich habe immer mehr den Eindruck, dass sie gar keinen Frieden will“, sagt der Aktivist Matin Safi.

Deutlich wurde auch der interne Regierungszwist. Zur Liste der Regierungsdelegation sagte etwa Atta Mohammad Noor, der vor Kurzem von Ghani amtsenthobene Gouverneur der Nordprovinz Balkh, die Teilnehmer spiegelten nicht die politischen Realitäten wider. „Der Dschihad wird ignoriert“, sagt Noor.

Damit meint er die geringe Teilnahme von Ex-Mudschaheddin-Kommandanten aus dem Umfeld seiner Partei Jamiat-e Islami. „Die Regierung macht sich doch lächerlich. Ihre Menschen kommen nicht einmal untereinander aus. Wie sollen sie dann mit dem Feind – den Taliban – verhandeln?“, meint Buchhändler ul-Haqq, während er seine Bücher zusammenräumt.

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