„Er ändert einfach die Spielregeln“

Jürgen W. Möllemann, Noch-FDP-Chef in Nordrhein-Westfalen, kämpft nicht für Ergebnisse, sondern um des Kampfes willen, meint der Psychotherapeut Ulrich Sollmann. Und der FDP-Bundeschef Westerwelle hätte ihn besser diskret coachen sollen

taz: Herr Sollmann, der FDP-Ehrenvorsitzende Otto Graf Lambsdorff hat die Frage aufgeworfen, ob Jürgen W. Möllemann noch „normal“ sei. Was sagt ein Psychologe dazu?

Ulrich Sollmann: Wenn ich jemanden nicht persönlich kenne, dann darf ich ihn nicht als „pathologisch“ oder „krankhaft“ bezeichnen. Im Übrigen ist Graf Lambsdorff kein Psychiater und kein Therapeut.

Was sind denn die Maßstäbe für Ihre Einschätzung?

Ich achte auf das Zusammenspiel von Körpersprache, zugeschriebenen Persönlichkeitsanteilen und Handlungmustern. Unter diesen Gesichtspunkten habe ich mir im Mai und Juni die Talkshows und Pressekonferenzen angesehen, in denen Möllemann während der Antisemitismusdebatte aufgetreten ist.

Was schließen Sie daraus?

Zu Beginn war er noch souverän und zeigte Emotionen. Er hatte eine stimmige Gestik, die ruhig und kraftvoll war. Ende Mai war er dann sichtlich nervös. Seine unruhigen Finger waren ein Ventil für den Stress, unter dem er stand – auch wenn er versuchte, ruhig zu wirken. Und in der Landtagssitzung, in der er sich beim Zentralrat der Juden entschuldigen musste, wirkte sein Gang fast mechanisch.

Das klingt, als wäre Möllemann ein Opfer.

Nach der Sitzung ging er hinaus, stellte sich den Fernsehkameras – und nahm Michel Friedman von seiner Entschuldigung ausdrücklich aus. Damit übernahm er wieder die Täterrolle. Aber er hatte sich nicht getraut, auf der eigentlichen politischen Bühne des Landtags Farbe zu bekennen. Um sich wieder sicher zu fühlen und Attacken zu landen, musste er hinaus in die Medienöffentlichkeit.

Was treibt Möllemann, seine Erfolge immer wieder zunichte zu machen?

Möllemann kämpft nicht für Ergebnisse. Er kämpft um des Kampfes willen. In der WDR-Sendung „Zimmer frei“ sagte er vor ein paar Jahren, sein Vater habe ihm eine Botschaft auf den Weg gegeben: Du sollst das und das tun. Er selbst hat offenbar keine innere Instanz dafür entwickelt, was er will.

Das heißt, an Ergebnissen ist er gar nicht interessiert?

Die Ergebnislosigkeit ist das Ergebnis, ja. Aber ein weiteres Muster wurde in dieser Fernsehsendung deutlich. Weil Möllemann ein aktiver Boxer ist, fordert der Moderator Götz Alsmann ihn zum Boxen auf. Als Möllemann aber merkte, dass Alsmann gut boxen konnte, trat er ihm von unten zwischen die Beine. Er änderte einfach die Spielregeln.

Kann man solche Muster in Möllemanns Alter noch ändern – wenn er zum Beispiel in Ihre Beratung käme?

Große Unternehmen machen das. Sie engagieren einen Coach, der einen Manager für eine Weile begleitet – um das Zusammenspiel im Sinne des Unternehmens zu verbessern.

Dann sollte man die Frage vielleicht umgekehrt stellen: Hat FDP-Chef Guido Westerwelle in diesem Konflikt richtig gehandelt?

Er hat die Auseinandersetzung ausgerechnet auf der Medienbühne ausgetragen – wo sich Möllemann sehr sicher fühlt.

Welche Alternative hätte es gegeben?

Man hätte ganz diskret ein solches Coaching machen müssen, eine Mediation. Ich befürchte, dafür ist es jetzt zu spät.