Krieg als Begriff ist notwendig

Vom Hangeln im semantischen Dschungel: Der Politologe Herfried Münkler warnt davor, die Anschläge in den USA als „Kampf der Zivilisationen“ zu bezeichnen

taz: Herr Münkler, betrachten Sie die Anschläge in den USA als „Krieg“?

Herfried Münkler: Ja – wenn man den Krieg mit Clausewitz als den Versuch definiert, einem Gegner mit gewaltsamen Mitteln den eigenen Willen aufzuzwingen. Der Krieg hat allerdings eine Metamorphose durchgemacht: In den zurückliegenden Jahren waren nur noch 15 Prozent aller Kriege zwischenstaatliche Kriege im klassischen Sinn.

Trägt es nicht zur Eskalation bei, diese Terrorakte zu einem Krieg zu erklären?

Im Gegenteil: Die Verwendung des Kriegsbegriffs kann deeskalierend wirken. Wir müssen diesen Vorgang erst einmal begreifen. Dafür brauchen wir einen Begriff, ein Orientierungsmuster: „Krieg“ ist etwas, womit wir etwas anfangen können. Er macht einen gegnerischen Akteur sichtbar – einen Willen, gegen den man im Sinne der Clausewitzschen Kriegsdefinition vorgehen kann. Eskalierend wäre es dagegen, in das Geschrei vom „Kampf der Zivilisationen“ einzustimmen und „den Islam“ oder „die Araber“ zum Gegner zu erklären.

Benutzen wir das Wort „Krieg“ vielleicht auch deshalb, weil es noch keinen anderen Begriff für die Ereignisse vom Dienstag gibt – vergleichbar mit „Kosovo“, „Pearl Harbour“ oder „Sarajevo“?

Es ist noch zu früh, um das Ereignis unter einem solchen begrifflichen Logo abzuspeichern. Dazu müssen die Auswirkungen in militärischer, politischer und ökonomischer Hinsicht erst einmal abschätzbar sein. Bis dahin müssen wir uns durch den semantischen Dschungel hangeln.

Durch einen gefährlichen Dschungel: Weil Anschläge als Krieg gelten, tritt für die Nato der Bündnisfall ein. Entsteht dadurch nicht ein fataler Automatismus, wie er auch am Vorabend des Ersten Weltkriegs zu beobachten war?

Das lässt sich nicht bestreiten. Deshalb ist es wichtig, dass die einzelnen Regierungen auf jeder Stufe entscheiden können, ob sie den nächsten Eskalationsschritt mitmachen.

Wie kann der Westen überhaupt auf Terroranschläge reagieren, die nicht nach dem kühlen Zweck-Mittel-Rationalismus herkömmlicher Staatenkriege funktionieren?

Ich würde das Argument umdrehen. Die Attentäter haben ihren Anschlag sehr kühl und gelassen durchgeführt. Die Amerikaner dagegen müssen handeln, ohne dass sie ein Ziel haben. Würden sie nichts tun, hätten sie als Weltmacht abgedankt.

Früher war Gewalt um der Selbstbehauptung willen ein Kennzeichen von Partisanen. Heute hätte ein kurzfristiger Vergeltungsschlag der USA den gleichen Charakter?

Das kann man so sehen – auch wenn das Wort vom Partisanen eine Hilfskonstruktion ist. Die Attentäter haben Bilder produziert, die das amerikanische Selbstbewusstsein erschüttern. Die USA sind gezwungen, Überbietungsbilder herzustellen. Das führt zu einer ungeheuren Eskalationsgefahr.

Und was ist der kühl kalkulierte Zweck, den die Attentäter erreichen wollten?

Es ging ihnen im Prinzip nicht darum, die Menschen im World Trade Center zu Tode zu bringen. Mit diesem Krieg der Bilder erzeugen sie Ängste in der gesamten westlichen Welt – mit tief greifenden Folgen für die kapitalistischen Ökonomien. So werden die zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen zu einer umfassenden Verlangsamung der ökonomischen Abläufe führen. Ihre Leichtigkeit hat die Globalisierung jedenfalls verloren.INTERVIEW: RALPH BOLLMANN