„Es handelt sich da nicht um Retuschen“

Hermann Schäfer, Leiter des Bonner Hauses der Geschichte, über Neuinterpretation von Zeitgeschichte und ihre Darstellung im Museum

taz: Herr Schäfer, in Ihrer neuen Dauerausstellung findet man neben Adenauers Salonwagen nun auch einen Wasserwerfer und ein Umweltlabor. Haben Sie das Kohl’sche Geschichtsbild von 1994 durch ein rot-grünes ersetzt?

Hermann Schäfer: Unsere Geschichtsbilder sind nicht abhängig von irgendeiner Regierungskoalition. Die Unabhängigkeit der Stiftung Haus der Geschichte ist immer gewährleistet gewesen – durch das Stiftungsmodell, durch die Gremien, die uns begleiten, und nicht zuletzt durch das Interesse der Öffentlichkeit.

Ihrem Kuratorium sitzt aber ein Vertreter der Bundesregierung vor: Knut Nevermann, der Stellvertreter des Staatsministers für Kultur.

Herr Nevermann kommt sogar in der Ausstellung vor. Er ist in einem Video über die Achtundsechziger zu sehen, wie er als Asta-Vorsitzender dem Fernsehmagazin „Report“ ein Interview gibt. Aber im Ernst: Es gibt keine politische Einflussnahme. Was es natürlich gibt, das sind Diskussionen über historische Inhalte. Wir besprechen die großen Thementexte für die Ausstellung mit unserem wissenschaftlichen Beirat.

Wenn es keinen politischen Einfluss gibt – was hat dann zu den rot-grünen Retuschen geführt?

Es handelt sich da nicht um Retuschen. Der Blick des Historikers auf die Geschichte hängt immer auch mit Gegenwartsfragen zusammen. Das gilt erst recht bei einem Museum für Zeitgeschichte. Wir wollen Geschichte als Entstehungsgeschichte der Gegenwart verstehen und die Menschen bei den Problemen von heute abholen.

Wann ist die nächste Überarbeitung fällig?

Wiederum in sechs bis sieben Jahren. Man muss dann weitere Bereiche in den Blick nehmen.

Was würden Sie für die Zeit zwischen 1945 und 1973 ändern?

Alles in allem würde das eine sehr viel stärkere Zuspitzung auf das deutsch-deutsche Thema bedeuten. Aber das ist Zukunftsmusik.

Wurde die DDR in den ersten Museumskonzepten aus den Achtzigern nicht ausreichend berücksichtigt?

Der DDR oder gesamtdeutschen Themen haben wir 40 Prozent der Fläche gewidmet. Das empfinde ich nicht als wenig.

Also ein qualitatives, kein quantitatives Problem?

Es ist eine Frage der Gewichtung. Diese Gewichtung entwickelt sich eben aus Erkenntnissen der Gegenwart. Noch im Sommer 1989 hat niemand mit dem Fall der Mauer gerechnet. Hätte man daran geglaubt, hätte man zweifellos sehr viel mehr zum Thema DDR gemacht.

Inzwischen sind Regierung und Parlament nach Berlin umgezogen. Laufen Sie nicht Gefahr, in einem negativen Sinne museal zu werden – als Gedenkstätte für die Bonner Republik?

Das wäre die falscheste Interpretation, die man unserer Arbeit geben könnte. Wir wollen die Zeitgeschichte weiter begleiten. Wir haben in Leipzig das Zeitgeschichtliche Forum aufgebaut, und wir sind auch in Berlin vertreten – zum Beispiel als Mitveranstalter im Martin-Gropius-Bau. Außerdem suchen wir in Berlin einen festen Standort, an dem wir unsere Ausstellungen zeigen können.

Wie wollen Sie sich dort vom Deutschen Historischen Museum abgrenzen, das einen Teil seiner Ausstellung ebenfalls der Bundesrepublik widmet?

Das DHM hat natürlich einen viel größeren Zeitraum abzudecken. Deshalb kann es der jüngsten Geschichte weniger Platz einräumen. Wir könnten in Berlin Ausstellungen gegen Politikverdrossenheit machen, für mehr Demokratiebewusstsein. Bei den heutigen Kommunikationsmedien muss man da andere Wege gehen als früher.

Gerade deshalb halten manche Experten historische Großausstellungen wie bei Ihnen für überholt.

Das sind sie keineswegs. Je mehr medial vermittelt wird, desto mehr wächst auch das Interesse an den Originalen. Außerdem fördert das mediale Verhalten die Vereinzelung. Museen müssen sich als Kommunikationsplätze anbieten. Wenn sie das tun, dann sind sie absolut up to date.