„Nach Biedenkopf werden die Karten neu gemischt“

Die Zeit der erdrückenden CDU-Mehrheit ist vorbei, sagt der Wahlforscher Manfred Güllner. Er hält ein rot-rotes Ostdeutschland von Rügen bis zum Thüringer Wald für denkbar

taz: Nach der sächsischen Kommunalwahl stellt die CDU in keiner Großstadt mehr den Bürgermeister, erstmals hat sie drei Landkreise verloren. Sind die Zeiten der absoluten Mehrheit für die Union in Sachsen vorbei?

Manfred Güllner: Das könnte sein. Man darf das Ergebnis aber nicht einfach auf die Landesebene übertragen. Schon bei der letzten Bundestagswahl hatte die SPD in Sachsen sehr gut abgeschnitten, bei der folgenden Landtagswahl hat sie dann wieder stark verloren. Da sind viele SPD-Anhänger zu Hause geblieben, weil sie Biedenkopf als Ministerpräsidenten behalten wollten.

Bei der nächsten Wahl wird Kurt Biedenkopf nicht mehr antreten. Droht der CDU dann der Machtverlust?

Die erdrückende Mehrheit der CDU auf Landesebene war an die Person Biedenkopfs gekoppelt. Die Wähler haben für Biedenkopf gestimmt, nicht für die Union. Das Pendel kann insofern auch wieder zurückschlagen. In der Weimarer Republik war Sachsen eine Hochburg der Linken. Andernorts im Osten stellen wir schon länger fest, dass dieses alte Wahlverhalten wieder durchschimmert. In Sachsen war das bislang nicht der Fall, weil Biedenkopf es verhindert hat. Wenn „König Kurt“ weg ist, werden die Karten wieder neu gemischt.

In Thüringen hat Bernhard Vogel der CDU zu Wahlsiegen verholfen. Steht dort das gleiche Szenario bevor?

In Thürigen ist es ähnlich wie in Sachsen: Man hat die Person Vogel gewählt, nicht unbedingt die CDU. Die Bindung an die CDU als Partei ist in den neuen Ländern gar nicht vorhanden. Biedenkopf, Vogel und auch Diepgen sind 1999 vor allem deshalb wieder gewählt worden, weil es bei der SPD keine personellen Alternativen gab.

Jetzt arbeitet die SPD auch in Berlin mit der PDS zusammen. Wird es in Ostdeutschland nur noch rot-rote Koalitionen geben, wenn die CDU keine absoluten Mehrheiten mehr bekommt?

Das ist durchaus vorstellbar. Schon Adenauer hatte Angst vor dem roten Osten – und fürchtete deshalb die Wiedervereinigung. Sie hätte seine Mehrheit in Gesamtdeutschland gefährdet. Und bei der Volkskammerwahl 1990 haben sich die Menschen ganz kurzfristig entschlossen, mit der CDU die Hoffnung auf die D-Mark zu wählen. Das hat dann einige Jahre vorgehalten. Aber im Grunde sind die neuen Länder keine konservativen Gebiete.

Heißt das, die CDU hat dort nie wieder eine Chance?

Nein, die Menschen gucken genau hin und geben ihr Urteil von Wahl zu Wahl neu ab. Sie haben ein gutes Gespür, ob ein Politiker seinen Job ordentlich macht oder nicht.

Geht jetzt mit den sächsischen Kommunalwahlen die Epoche der Nachwendezeit zu Ende?

Ich würde einfach von einer Normalisierung des Wahlverhaltens sprechen. Die extreme Bindung an Personen wie Kurt Biedenkopf oder Manfred Stolpe war ungewöhnlich. Im Westen hat selbst ein Gerhard Schröder nicht 60 Prozent bekommen wie Biedenkopf in Sachsen.