„Kooperation nicht erzwingen“

■ Der Präsident der FU, Peter Gaehtgens, zur Hochschulanalyse des Wissenschaftsrates: „Wenig geneigt, Fächer abzuschaffen“, weil vorhandenes Personal weiter bezahlt werden muss

Als Wissenschaftsstadt bleibt Berlin weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Das ist die Quintessenz eines Gutachtens, das der Kölner Wissenschaftsrat gerade für den Senat erarbeitet. Die Schuld daran geben die Experten vor allem der mangelnden Zusammenarbeit zwischen den drei Universitäten. Weisen die Vorschläge der Experten in die Zukunft – oder sind sie nur das Einfallstor für neue Sparmaßnahmen? Die taz eröffnet die Diskussion. Den Anfang macht der Präsident der Freien Universität (FU), Peter Gaehtgens

taz: Herr Gaehtgens, haben die Berliner Hochschulen bislang zu wenig kooperiert?

Peter Gaehtgens: Nein. Es hat zahlreiche Absprachen gegeben. Ich glaube auch nicht, dass man Kooperation erzwingen kann. Vor allem aber muss man den historischen Kontext sehen: Nach dem Fall der Mauer war es das erklärte politische Ziel, die Humboldt-Universität völlig unabhängig von der Freien Universität zu etablieren, Kooperation wurde bewußt vermieden. 1996 kam dann die Erkenntnis, dass man nicht so viel Geld zur Verfügung hatte. Das führte zu einem völligen Politikwechsel. Die Vorgaben heißen jetzt Komplementarität und Koordination. Mit anderen Worten: Abbau von Doppelangeboten. Doch diese Doppelangebote sind zunächst von der Politik bewusst eingerichtet worden.

Der Wissenschaftsrat redet bei den großen Fächern nicht davon, Doppelangebote abzubauen. Er fordert lediglich, bestimmte Spezialisierungen miteinander abzustimmen – so dass beispielsweise an Deutschlands größter Romanistik nicht nur Französisch, sondern auch Sardisch vertreten ist.

Diese Überlegung ist nicht ganz unberechtigt. Aber darüber stimmen auch die Studenten ab. Wenn wir nur drei Studienbewerber für Sardisch haben und gleichzeitig zahlreiche Bewerber für Französich, dann ist eine Professur für Sardisch ein Luxus. Das muss man gegen einander abwägen. In kurzer Zeit lässt sich das ohnehin nicht realisieren, weil wir noch einen großen Überhang an Professoren haben.

Deshalb geht es in dem Kölner Gutachten nicht um den Ist-Zustand, sondern um die Zukunftspläne, die 1997/98 beschlossen wurden. Damals hatte sich der politische Kurswechsel bereits vollzogen.

Diese Strukturpläne waren für das Jahr 2003 gedacht. Bis dahin sind es nur noch drei Jahre. Die Professoren, die jetzt lehren, sind aber überwiegend noch sehr viel länger an der Hochschule. Insofern hat eine solche Planung nur sehr bedingt etwas mit der Realität zu tun. Deshalb ist sie auch nicht unveränderlich. Ich glaube schon, dass es da Korrekturen gibt. Das Klima zwischen den Hochschulen ist sehr offen und kooperativ.

Wie könnte ein solches „Nacharbeiten“ aussehen?

Man bräuchte vor allem positive Anreize. Bisher haben wir immer die Erfahrung gemacht, dass die freiwillige Selbstbeschränkung zu einer zusätzlichen Bestrafung führt und nicht zu einem Heilungsversuch. Die Politik verpflichtet uns ja, vorhandenes Personal weiter zu bezahlen. Insofern sind wir natürlich wenig geneigt, Fächer abzuschaffen. Das will ich ganz offen sagen.

Welche Anreize könnten Sie sich vorstellen?

Wir werden zum Beispiel dafür bestraft, dass wir Geld in unsere Bibliotheken stecken. Wir hatten nun einmal das Glück, auf dieser Seite der Mauer vorzüglich mit Büchern ausgestattet gewesen zu sein. Das führt natürlich dazu, dass Studenten der Humboldt-Universität oder auch aus Potsdam beispielsweise unsere juristische Bibliothek benutzen. Ihr Examen machen sie aber woanders. Wenn sich die Hochschulfinanzierung nach der Zahl der Absolventen richtet, zahlen wir drauf. Das nenne ich nicht eine positive Unterstützung für ein kooperatives Hochschulsystem.

Der Wissenschaftsrat ist zu dem Ergebnis gekommen, dass bei den Juristen an der FU vergleichsweise desaströse Zustände herrschen. Wie lässt sich dieser Zustand verbessern?

Unsere Juristen mögen nicht diejenigen sein, die sich jeden Tag darum bemühen, die Juristenausbildung zu revolutionieren. Aber deswegen sind die Verhältnisse nicht desaströs. Bei internationalen Wettbewerben erringen unsere Studenten prominente Plätze. Vielleicht ist es wichtiger, dass sie gut ausgebildet werden, als dass sie reformiert ausgebildet werden.