Wenn Paare zu sehr lieben ...

■  ... treffen sie sich oft beim Therapeuten. Die Paartherapeutin Dörte Foertsch über die Bemühungen von CDU und SPD, es noch mal miteinander zu versuchen – trotz eingefahrener Beziehungsmuster und ewigen Streits ums Geld

taz: Frau Foertsch, zu Ihnen in die Beratung kommt ein Paar, das bereits seit neun Jahren zusammen lebt. Innerhalb des letzten Jahres hat es sich aber ständig in aller Öffentlichkeit gestritten. Ein Partner wollte obendrein fremdgehen. Jetzt haben die beiden beschlossen, es noch einmal für fünf Jahre miteinander zu versuchen. Kann das überhaupt funktionieren?

Dörte Foertsch: Das Fremdgehen verstehe ich als Versuch, die Beziehung wieder zu beleben. Paarbeziehungen haben die Tendenz, zu eng zu werden. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem es einfach nur noch langweilig ist. Da ist Fremdgehen eine Möglichkeit, wieder Spannung in die Beziehung zu bringen.

Reicht es, wenn beide Seiten ihren guten Willen beteuern?

Es muss hinzukommen, dass beide sagen: Das Alte wollen wir nicht mehr. Wir wollen etwas Neues. Sie sollten weiterhin Versuche unternehmen, ihre Beziehung aufzufrischen. Vielleicht nicht mit ganz so vielen Kränkungen verbunden wie beim Fremdgehen. Auf die Dauer hält das ein Paar nicht aus. Es gibt ja noch andere Möglichkeiten, sich zu öffnen.

Welche?

Manchmal verbieten sich Paare zu sehr, etwas Eigenes zu machen. Jeder der beiden sollte sich überlegen: Ist er zu sehr abgestimmt auf den anderen Partner? Da beschränken wir uns oft zu sehr, was eigene Ideen angeht.

Alles nur zusammen machen – das ist also gar nicht gut?

Nein.

Zu viel Harmonie wäre auch erdrückend?

Ich sage Paaren immer: Konflikte sind ein guter Hinweis für eine stabile Beziehung. Keine Konflikte zu haben – das ist ein Hinweis dafür, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist.

In unserem Fall kommt hinzu, dass einer der Partner beruflich sehr erfolgreich und allseits beliebt ist. Der andere musste Kränkungen einstecken. Jetzt versucht der Erfolgreiche, auch in der Beziehung zu dominieren. Ist das eine zusätzliche Belastung?

Was hat das mit einander zu tun? Menschen ergänzen sich ja prima. Man kann aber auch fragen, inwiefern der eine Partner in letzter Zeit zu sehr darauf verzichtet hat, erfolgreich zu sein – dem anderen zuliebe.

Muss das bewusst ablaufen?

Nein. Das läuft oft ganz unbewusst ab. Da wäre eher die Frage: Was wünscht sich der Nichterfolgreiche als Ausgleich, als Wiedergutmachung? Es kann ja noch andere Themen geben.

Unsere Partner streiten leider sehr häufig über das Geld. Der erfolglose Partner ist gleichzeitig sehr sparsam und wirft dem anderen vor, er mache sich beliebt, indem er das Geld aus der gemeinsamen Kasse zum Fenster hinauswerfe.

Sie sollten lernen, dass sich diese unterschiedlichen Auffassungen sinnvoll ergänzen könnten – dass nicht einer von beiden Recht hat, sondern dass sie dadurch auch etwas regulieren und sich gegenseitig die Balance halten.

Das Problem ist nur, dass sich der Sparsame immer im Schmollwinkel wiederfindet.

Der Verschwenderische merkt vielleicht, dass es noch andere Strategien gibt, um sich beliebt zu machen. Aber das fällt natürlich schwer, wenn es immer als Vorwurf formuliert wird. Dann kommt man aus der Verteidigungshaltung nicht heraus.

Wagen Sie eine Prognose: Wie groß sind die Chancen, dass die Beziehung nach solch einem klärenden Gespräch noch einmal fünf Jahre hält?

Ich würde immer versuchen, für andere Beziehungen offen zu bleiben. Die Frage ist: Welche Beziehungsqualität ist verloren gegangen? Für mich ist es egal, ob man sie mit dem alten oder mit einem neuen Partner wiederfindet. Hauptsache, man ist selbst zufrieden damit.

Wenn diese Qualität in der alten Beziehung nicht mehr zu haben ist, soll man also für neue Partner offen sein?

Genau. Aus lauter Angst vor dem Alleinsein eine Beziehung fortzusetzen – das ist auf die Dauer keine gute Grundlage. Es mag keiner mit einem Selbstmörder zusammen sein. Dörte Foertsch ist Psychologin und arbeitet als Paartherapeutin in Berlin.