„Schlösser baut man aus Sehnsucht...“

■ Drei Dokumentarfilm-Porträts aus Ostdeutschland

Ungewohnte Einblicke in drei Männerleben aus der untergegangenen DDR geben drei filmische Porträts, die unter dem zusammenfassenden Titel „Trilogie der ungebrochenen Herzen“ im Künstlerklub „Die Möwe“ in einer Voraufführung gezeigt wurden. Verweigerer, Aussteiger, Rebellen – solche gab es auch in der DDR. Nach der Wende, das politisch-bürokratische Korsett der DEFA war gesprengt, gewannen jugendliche Subkulturen im ostdeutschen Dokumentarfilm Kontur. Die drei Protagonisten der Filme von Rainer Ackermann, Heinz Brinkmann, Karl Heinz Lotz und Jochen Wisotzki (alle ehemalige DEFA- Mitarbeiter) sind nicht nur um Jahrzehnte älter, sondern entziehen sich durch ihre Individualität auch gängigen soziologischen Typisierungen.

„Das Feld brennt“ von Ackermann, Brinkmann, Lotz: Ein Mann steht in seinem Garten vor einem kleinen, schäbigen Haus, brennt herbstliches Gras und Gestrüpp ab, verschafft sich Zugang in einen verwilderten Obstgarten mit Apfelbäumen. Behutsam nähert sich die Kamera, langsam entsteht ein Dialog, erfährt der Zuschauer bruchstückhaft Biographisches: Alfred Behrend, geboren vor 78 Jahren, vier Jahre zur Schule gegangen, Landarbeiter geworden, dann KZ-Häftling, lebt als Einsiedler bei Ketzin im Havelland. „Der Glaube an die Natur, der Zweifel an Gott, der Haß auf die Politik“ – entlang dieser Stichwörter entfaltet Behrend seine Lebensphilosophie.

Eine großstädtische Kontrastfigur zum „Einsiedler“ Behrend: Kurt Mühle, 68, gelernter Tischler, studierter Architekt, Weintrinker, Aktzeichner – lebt als „Original“ in Prenzlauer Berg. Der Film „Mühle“ von Jochen Wisotzki zeichnet das Porträt eines selbstironischen Poeten zwischen Szenekneipe, (Küchen-)Atelier und Bratkartoffelverhältnis. Es gibt nur wenige Hinweise darauf, warum so einer ausgestiegen ist. Da waren der Rausschmiß aus der Partei – (Sympathien fürs Bauhaus waren nicht zeitgemäß) und der Versuch der Stasi, ihn zum Informanten zu pressen (was Mühle verhinderte, indem er das ganze Agentenkapital in einer flotten Bonner Nacht durchbrachte). Er überlebte, ohne Geld und dank kleiner Freundschaften zu jungen Frauen, die ihm Modell stehen für seine Zeichnungen „in Sepia und Rotwein“.

Am ausführlichsten ist das dritte Porträt: „Das vorläufige Leben des Grafen Kiedorf“ von Heinz Brinkmann. Manfred Kiedorf, extrovertierter Bohemien und Baumeister in Berlin, mit 58 der jüngste in einer Trilogie, lebt in einer „rückwärtsgewandten Utopie“. Der Knastpoet und Mozartfan hat sich (aus Holz, Pappe, Stoff, Farbe, Blech und Silberfolie) eine reale Phantasiewelt geschaffen, ein Königreich en miniature mit Residenz und Jagdschloß, darin Spiegelsaal und Boudoir, Ölgemälde und kompletter Hofstaat.

Schwankend zwischen Identifizierung und ironischer Distanz („Ich bin natürlich der König“), hat sich Kiedorf sein Leben zurechtgebastelt. Ein gelernter Architekt (wie Mühle) und Schöngeist, der den Normen der „dilettantischen Plattenbaumeister“ die barocke Baukunst des Feudalismus vorzieht. Für Kiedorf, der u.a. als Gebrauchswerber für die HO „kilometerlange“ Transparente malen mußte, ist die Vorliebe für schöne Dinge („Schlösser baut man aus Sehnsucht“) zur Lebensaufgabe geworden.

Trotz aller Skurrilität sieht man den drei Männern die körperliche und seelischen Beschädigungen durch das Leben an. Ihr Witz ist Ironie, dicht unter der Oberfläche ihrer Weisheiten und Sprichwörter liegen die Verletzungen. Die Schwierigkeiten einer Existenz als „Nichtsnutz“ am Rande der DDR- Gesellschaft, die biographischen Brüche, scheinen durch, wenn Mühle sagt: „Ich bin einer der wenigen glücklichen Menschen, wenigstens rede ich mir das ein ...“ Ungebrochene Herzen? – Vielleicht bloß „trotz aller Umstände nicht kleingekriegt“.

„Ihr hättet vor zehn Jahren kommen müssen“, wünscht sich der am Rande einer Müllkippe lebende alte Mann in „Das Feld brennt“. Die vier Regisseure der abendfüllenden Trilogie (137 Minuten) vermuten –wohl zu Recht–, daß diese Filme zu DDR- Zeiten nicht möglich gewesen wären. Um so schöner, daß sie jetzt noch entstehen konnten.

Die Filme gehören zu den letzten Produktionen, in die noch DEFA-Gelder (sowie Filmförder- und Eigenmittel) geflossen sind. Der individuelle Blick und die authentische Arbeitsweise in Dokumentarfilmen wie diesen halten Wirklichkeit fest: Momentaufnahmen aus jüngster Vergangenheit, Ausschnitte aus Lebensläufen abseits von materieller Wertorientierung und sozialistischer Planerfüllung.