Videokunst

Nach dem Shootout putzen

Die Düsseldorfer Ausstellung "Talking Pictures" widmet sich der Theatraliät in der Videokunst. Lohnend ist das vor allem dann, wenn sich die Künstler am postdramatischen Theater orientieren.

Theatralität in der Videokunst - Die Rezeption erfolgt immer im Sitzen. : ap

Die Sehnsucht des Theaters nach dem Film ist seit etwa zehn Jahren unübersehbar. Ein wenig Neid ist natürlich auch dabei. Drehbücher von John Waters, Aki Kaurismäki, Lars von Trier oder Hans Weingartner werden auf die Bühne gebracht, weil sie zeitgenössischere Geschichten versprechen als die klassische und selbst die aktuelle Dramatik; Videobilder eroberten nach einzelnen avancierten Experimentalproduktionen die breite Stadttheaterlandschaft nicht zuletzt deshalb, weil sie direkten Anschluss an das Draußen suggerieren. Es gibt de facto viele Gründe für den Einsatz von Film und Video im Theater, aber der vorherrschende ist vermutlich, dass filmische Bilder eine Coolness haben, die sich das Theater nicht zutraut.

Umso erstaunlicher die Beobachtung der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen: In der bildenden Kunst, so die These der Ausstellung "Talking Pictures", ist das Interesse am Theater zurzeit stark wie noch nie. "Talking Pictures. Theatralität in zeitgenössischen Film- und Videoarbeiten" stellt in Düsseldorf zehn Arbeiten installativer Medienkunst vor, die nach 2000 entstanden sind. Exakt vierzig Jahre, nachdem der Kunstwissenschaftler Michael Fried 1967 sein berühmtes Diktum "Kunst degeneriert, wenn sie sich den Bedingungen des Theaters annähert" im New Yorker Magazin Artforum veröffentlicht hat, sind hier Werke zu sehen, die von eben diesen Bedingungen inspiriert sind. Der Raum wird als Situation für Werk und Betrachter mitgedacht. Gillian Wearing etwa zeigt ihr Video "Trauma" in einer begehbaren Holzbox, Mathilde ter Heijne spiegelt die im Film zu sehenden Kulissen neben der Leinwand. Der Text wird als konstitutiv begriffen; immer wieder werden Als-ob-Situationen hergestellt.

Dabei orientiert sich die Videokunst weniger an den geschlossenen Erzählungen des Kinos als vielmehr an den brüchigen des postdramatischen Theaters, das die Bedingungen seiner Herstellung mitreflektiert. Figur und Schauspieler, Rolle und Selbst werden auch in der Aufführung nicht als dasselbe behauptet. Es sind, sagt die "Talking Pictures"-Kuratorin Doris Krystof, gerade diese "Ansätze, die das Theater für die bildende Kunst so attraktiv machen".

In der Ausstellung sind dann auch jene Arbeiten, die das Theater eher abbilden, statt sich theatralische Verfahren anzueignen - Victor Amplievs "Wie heißt dieser Platz?" etwa oder Catherine Sullivans "Big Hunt" - die uninteressantesten. Dort jedoch, wo das Theatrale mit den spezifischen Möglichkeiten des Videos zu neuen Perspektiven kombiniert wird, entstehen kleine Perlen. Mathilde ter Heijnes "No Depression in Heaven" zeigt zwei sich duellierende Frauen der 30er-Jahre. Ein klassischer Kampf von Arm gegen Reich - nur dass die Antagonistinnen beide von der Künstlerin selbst verkörpert werden, die nach dem Shootout auch das Glas putzt, auf das die Kulissen gemalt sind. So wird die Illusion bestätigt, ohne den Konflikt in Frage zu stellen. Ebenso überzeugend ist Karen Cytters "The Victim". In Home-Video-Ästhetik, textlich auf mehreren Spuren virtuos bis ins Detail komponiert, entwickelt sich ein tödliches Drama, das Machen und Zeigen, antiken Chor und Küchentisch gekonnt ineinander verwebt.

Eine ganz eigene Welt kreiert die Belgierin Ana Torfs mit "The Intruder". Torfs hat den Text des symbolistischen Dramas Maeterlincks distinguiert wie ein britisches Hörspiel einsprechen lassen. Dazu zeigt sie Schwarzweißdias einer sparsamen Inszenierung des Einakters, die sie auf eine schwarze Leinwand projiziert. Während der Text fließt, frieren die Bilder ein, stocken, legen sich übereinander. Und auf einmal entsteht der verblüffende Effekt, dass man in den kühlen, grobkörnigen Bildern Bewegungen und Mimik zu sehen meint, die man doch nur hinein interpretieren kann.

Geschlossene Ästhetiken vermittelt auch Markus Schinwalds "Dictio Pii". Mit streng choreografierten Szenen und Einstellungen, gedreht auf 35 mm, komponiert der Österreicher sieben unabhängige und sich doch wiederholende Episoden der Zwanghaftigkeit, deren rituelle Präzision der Bewegungen an Tanztheater erinnert. Ganz untheatralisch im landläufigen Sinne sind dagegen T. J. Wilcox atmosphärisch dichte "Garlands", filmische "Girlanden", für die der US-Amerikaner Found Footage aus Politik und Alltag sowie selbst gedrehtes Super-8-Material benutzt, auf Video transponiert, digital bearbeitet und schließlich auf 16-mm-Film kopiert. Sechs solcher Filmrollen laufen im Museum nebeneinander, wobei wohl das laute Rattern der Projektoren und die Möglichkeit, als Zuschauer mit dem eigenen Schatten die Vorführung zu beeinflussen, als Parallele zum Live-Medium Theater gelesen werden soll.

Selbst wenn ein solcher Bezug zum Theater weit hergeholt scheint, ist "Talking Pictures" eine überaus lohnende Ausstellung. Man wünscht sich, dass sich die Kunstsammlung NRW, die schon vergangenes Jahr "40jahrevideokunst.de" gezeigt hat, weiter mit dem Medium auseinandersetzt. Vielleicht als nächstes mit einer Ausstellung ausgewählter Videos, die für das Theater entstanden sind: Längst gibt es darunter eine Reihe von Arbeiten, die auch unabhängig vom dramatischen Kontext funktionieren und in der Zusammenschau neue Perspektiven auf die Geschichte der Videokunst ermöglichen. Wenn der Film ins Theater und das Theater in die bildende Kunst kommt, warum sollte dann nicht das Theatervideo ins Museum?

"Talking Pictures. Theatralität in zeitgenössischen Film- und Videoarbeiten": Düsseldorf, K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, bis 4. November. Katalog, Doris Krystof und Barbara J. Scheuermann (Hg.), DuMont, 188 Seiten, 34,90 ¤

 

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