„Nazi-Vergleiche kosten in der Regel einen Kopf – meist den eigenen“

Das bleibt von der Woche Kreuzberg bekommt doch keine Coffeeshops, Berlin ist der Star in der Serie „Homeland“, Fünfjährige dürfen in Berlin bald nicht mehr in die Schule und ein Kinobetreiber macht mit NS-Parolen auf sich aufmerksam

Der Kampf um Hanf geht weiter

Coffeeshop kommt nicht

Dass der Antrag Kreuzbergs auf eine Sondergenehmigung des Bundesamts für Arzneimittel und Medizinprodukte für einen Modellversuch zur kontrollierten Abgabe von Cannabis in einem Coffeeshop – wie am Montag bekannt wurde – abschlägig beschieden werden würde, war vorauszusehen. Dieses Amt und seine in Nachfolge der „Reichs­opiumstelle“ nunmehr „Bundesopiumstelle“ getaufte Drogenabteilung steht seit jeher für betonierte Law-&-Order-Prohibition und fühlt sich für drogenpolitische Reformen nicht zuständig.

Als 1996 brandenburgische Bauern wieder Hanf zur Fasergewinnung anbauen wollten, stemmte sich das Bundesamt solange gegen ihre Anträge, bis ihm vor Gericht eine endgültige Niederlage drohte. Selbst THC-armer Faserhanf, von dem man ganze Säcke konsumieren müsste, um ein High zu verspüren, schien den Bundesopiumhütern zu gefährlich.

Kaum anders agierte das Bundesamt gegenüber schwer erkrankten Patienten, die Sondergenehmigungen zum eigenen Anbau von medizinischem Cannabis beantragten. Hier mussten die Betroffenen bis vor das Bundesverfassungsgericht marschieren, um ihr Recht auf diese Heilpflanze einzuklagen. Erst unter höchstrichterlichem Zwang ließ sich die Bundesopiumstelle dann herab, solche Genehmigungen zu erteilen.

Von einer derart in Bedenkenträgertum verankerten Verwaltungsbehörde war Offenheit für ein reformerisches Modellprojekt nicht zu erwarten. Insofern ist die Ablehnung des Antrags aus Friedrichshain-Kreuzberg keine Überraschung, sondern entspricht ganz der bisherigen Linie des Bundesamts. Dennoch war es richtig, diesen Antrag zu stellen, so wie es auch in Zukunft richtig sein wird, die Behörden in dieser Richtung zu bearbeiten. Denn von sich aus, aufgrund von Einsicht in das definitive Scheitern des „War On Drugs“, werden sie nicht zu einer vernünftigen, schadensmindernden Drogenpolitik beitragen. Mathias Bröckers

Hübsche Lerneinheit in Heimatkunde

BERLIN IN "HOMELAND"

Die Woche fing gut an. Am Sonntagabend startete im US-Fernsehen die fünfte Staffel der Serie „Homeland“ – und Berlin, so wurde gemunkelt, spielt darin eine nicht ganz kleine Nebenrolle. Die deutsche Hauptstadt als Spielort einer US-Agentenserie um den „Krieg gegen den Terror“? Mit diesem Pfund wollte wohl auch die PR-Abteilung der Serienmacher punkten – und stellte den Stream der ersten Folge für wenige Tage kostenlos ins Netz. Mehr als 130.000 Menschen sollen sich das angeschaut haben.

Die wenigsten werden es bereut haben. Amerikaner lernen in knapp 60 Minuten „Homeland“ vermutlich mehr über das „alte Europa“ als in ihrer gesamten Schulzeit. In Homeland-Berlin bringt die Protagonistin, die ein neues Leben jenseits der CIA anfangen will, ihre Tochter mit dem Fahrrad zur Kita (roter Backsteinbau) und geht in die katholische (!) Kirche. Sie zeigt interkulturelle Kompetenz, indem sie in der Moschee die Schuhe auszieht und „salam aleikum“ zum Imam sagt. Die CIA sitzt in Büroräumen, die sozialistischen Charme atmen, die Hacker hausen in der Hinterstube eines Bordells (Club King George in Schöneberg), die Islamisten verstecken sich in Kellerlöchern und nutzen als Lockvogel eine verschleierte junge Frau. Klischees zuhauf, gewiss, doch lebt in den Bildern mehr Berlin als in den Berlin“-Tatorten“ der letzten zehn Jahre.

Auch vielen BerlinerInnen dürfte die Botschaft gefallen: In dieser Stadt versteht man es zu leben (Altbauwohnungen mit Dielenböden) und zu speisen („Grosz“ am Ku’damm). Die Stadt ist bunt (Grafitti), grün (jede Menge Straßenbäume), pompös (Gendarmenmarkt) und vergnügungssüchtig (Oranienburger Straße). Weil aber spießiges Mutterglück kein Thema für eine Serie ist, laufen in diesem Berlin auch die Fäden der Weltpolitik zusammen: IS, Flüchtlingsströme, illegale Abhöraktionen – alles dabei.

Ein weiteres Berlin-Ereignis dieser Woche kann man damit auch als erledigt abhaken: nämlich das Diktum von Bundesbauministerin Barbara Hendricks, Berlin sei eigentlich eine Kopie von Kleve. Oder meinte sie Cleveland? Susanne Memarnia

Leider nur eine Trotzreaktion

Schule wieder mit sechs

Kinder, geht spielen! Am Dienstag hat der Senat beschlossen, dass die 2005 von der SPD eingeführte Früheinschulung wieder abgeschafft wird. Zum Schuljahr 2017/18 gilt nun der 30. September als Stichtag. Wer erst danach seinen sechsten Geburtstag feiert, darf noch ein Jahr länger in der Kita spielen.

Derzeit müssen alle zur Schule, die im laufenden Kalenderjahr sechs werden – ob im Februar oder erst im Dezember. Vor zehn Jahren, aufgescheucht von miesen Pisa-Ergebnissen, hielt man das für einen schlauen Schachzug: Wer früher zur Schule geht, wird schneller schlau und weiß am Ende mehr, oder?

Offenbar nicht. LehrerInnen klagten immer wieder über Kindergarten in den Klassenzimmern: zappelige Fünfjährige, die lieber mit Buntstiften malen als mit dem Füller das Alphabet ins Schulheft zu krakeln.

Nun kann man sich ja mal irren – und für sehr viele Kinder war die Früheinschulung genau das: ein Irrtum. Nur sollte man aus Fehlern auch lernen. Die einfache Rolle rückwärts, die Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) – Freundin der frühen Schulpflicht – nun vollzieht, ist aber nicht mehr als eine Trotzreaktion. Es verwundere sie, sagte Scheeres am Dienstag leicht süffisant, dass ausgerechnet diejenigen, die am lautesten nach der Früheinschulung gerufen hätten, nun am ehesten ihre Kinder für ein Jahr von der Schulpflicht zurückstellen ließen. Gemeint war das bildungsbürgerliche Pankow, wo es besonders viele Sitzenbleiber in den Kitas gibt.

Nur sind die Rückstellerzahlen – 6.000 berlinweit – aber kein Signal für eine spätere Einschulung. Wohl aber eine Forderung danach, selbst entscheiden zu können, wann das eigene Kind in die Schule kommt. Das eine möchte mit fünf noch spielen, das andere langweilt sich in der Kita. Scheeres hat damit die Chance vertan, eine starre Regelung flexibler zu machen. So macht man erneut nicht das Schulgesetz passend für die Kinder – sondern umgekehrt.

Auch im Hinblick auf die Wahlen 2016 hätte die Senatorin für die SPD punkten können. Denn wenn Eltern eins nicht wollen, dann sich bei ihren Kindern ­bevormunden lassen. Anna Klöpper

Ganz
doofes
Kino

Davidsterne am Babylon

Es ist die perfekte Kulisse für eine „Inglourious Basterds“-Fortsetzung von Quentin Tarantino: „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht im Babylon“ steht seit Dienstagabend in Frakturschrift auf einem Plakat über dem Eingang des Kinos in Mitte. Auf den Türen prangen frisch gesprühte Davidsterne. Und biegt da nicht gerade Bratt Pitt in einem alten Wehrmachtsgeländewagen um die Ecke …?

Natürlich handelt es sich nicht um ein Filmkulisse, zum Glück auch nicht um einen Anschlag von Neonazis. Es ist komplizierter: Das Plakat und die Sterne sollen eine Kunstaktion sein, sind aber vor allem der Protestversuch des Kino-Geschäftsführers Timothy Grossman. Er will sich damit gegen den jüngsten von vielen Arbeitskämpfen im Babylon wehren, seit Juli streiken schon die meisten Mitarbeiter. Fünf Jahre lang seien ihre Löhne nicht erhöht worden, erklärt die Gewerkschaft Verdi. Grossman hingegen sagt, mehr Geld sei nicht zu verteilen und spricht von Boykottaufrufen – und weiß sich nicht mehr anders zu wehren, als die Nazi-Keule zu schwingen. Die streikenden Mitarbeiter als SS-Schergen: Darf Grossman das?

Der Babylon-Geschäftsführer, 1962 in Berlin geboren, ist jüdischer Abstammung: Sein Vater emigrierte in den 50er Jahren aus den USA in die DDR. Grossman glaubt deswegen offenbar, den mit dem NS-Vergleich verbundenen Tabubruch in solchen Grenzen halten zu können, dass er damit lediglich Aufmerksamkeit für seine Position erzeugt – darum geht es ihm ja. Die erwartbare scharfe Kritik an seiner Methode soll hingegen dank seiner Biografie abprallen: Mit jüdischen Wurzeln, so könnte man argumentieren, kann man sogar die Reichspogromnacht auf sich selbst anwenden. Schließlich dürfen sich Rollstuhlfahrer ja auch Krüppel nennen, wenn sie das wollen.

Tatsächlich wird Grossman vielleicht noch verziehen werden können, dass ein Nazi-Vergleich fast immer unfassbar dumm, weil unglaublich schief ist. Aber auch für ihn gilt die inzwischen allgemein bekannte politische Regel, dass jeder Vergleich dieser Art einen Kopf kostet – fast immer den eigenen. Und in diesem Fall ist der Griff in die NS-Kiste noch dazu eine Beleidigung, die jeder weiteren Zusammenarbeit die Grundlage entzieht.

Nun ist das Babylon in Mitte eine Art kommunales Kino: Es wird vom Land mit rund 350.000 Euro pro Jahr finanziert. Kann man es dem Senat verübeln, wenn er bei künftigen Verhandlungen tatsächlich über einen Boykott des Kinos nachdenkt? Das wäre das Ende des Kinos in seiner jetzigen Form. Was, ganz nebenbei, sehr schade wäre. Bert Schulz