Wochenschnack

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Von Tier und Mensch

Fleischspeise Ethikprofessor Konrad Ott spricht in einem Interview von Nutztieren und Augenblicksgeschöpfen. Das empört taz-LeserInnen

Glückliches Lamm in Cornwall. Endete es in der Pfanne? Foto: reuters

Masse statt Klasse

betr.: „Fleisch ist keine alltägliche Nahrung“, 23. 12. 16

Fleisch von „Nutztieren“ ist eine europaweite, auch exportorientierte „ökonomische Ware“ der Lebensmittelindustrie als drittgrößte produzierende Branche in Deutschland.

Der „billige Preis“ dafür ist der produzierte Überfluss in den Regalen von Aldi, Lidl usw.

Moral und Ethik in der artgerechten Tierhaltung sind damit in der Wertschätzung von Menschen ihrer lebendigen Mitwelt gegenüber weitestgehend nebensächlich geworden. Hauptsache, wir werden alle satt, da hilft auch keine Erhöhung der Mehrwertsteuer, um eine „Verhaltensänderung“ und Normalisierung eines ernährungsbewussten Verhaltens zu wecken.

„Ökonomie“, der billige Preis, schlägt immer die Moral und Ethik, wenn es um „Masse“ oder „Klasse“ geht. Gute Qualität ist immer teurer. Wer kann sich das heute noch leisten?

Thomas Bartsch-Hauschild, Hamburg

Lauwarm

betr.: „Fleisch ist keine alltägliche Nahrung“, 23. 12. 16

Dieses haltlose Argument, es gäbe ja weniger Tiere, wenn ihr Fleisch nicht gegessen würde, wird gerne benutzt, aber es wird durch viele Wiederholungen auch nicht stichhaltiger. Denn: Ist es besser, geboren zu werden und bis zur meist qualvollen Schlachtung ein beengtes, von Schmutz, Dunkelheit und oft weit Schlimmerem geprägtes Leben zu fristen, oder ist es besser, dann erst gar nicht geboren zu werden?

Herr Ott stellt sich auch selbst eine Falle, weil er im ersten Teil des Interviews zumindest den Schweinen und Schafen ein Potenzial zur Entwicklung und zur Individuation abspricht. Um aber zu überblicken, wie groß die Population der eigenen Art ist, und damit zu entscheiden, ob das im eigenen Sinne ist oder nicht, bräuchte das Schwein oder das Schaf schon viel mehr Intelligenz, als ihm in diesem Artikel zugestanden wird.

Die ganze Darstellung von Herrn Ott bleibt lauwarm, ein bisschen für die Tiere, ein bisschen mehr für die Fleischkonsumenten. Wer sich inhaltlich mit der „Nutztierhaltung“ und mit den Folgen des Fleischkonsums für Umwelt, Gesundheit und die Tiere selbst auseinandersetzt, kann auch zu dem Schluss kommen, dass gerade aus ethischen Gründen der Fleischkonsum mehr als fragwürdig ist und sich bei konsequenter Betrachtung von selbst verbietet.

Silvia Kählert, Lonsee

Schrei des Lamms

betr.: „Fleisch ist keine alltägliche Nahrung“, 23. 12. 16

Mit Überraschung mussten wir beim Lesen dieses Interviews feststellen, dass Herr Ott aus einer Position, die wenig Einblick in die Arbeit von Tierrechtlern zulässt, seine Meinung zu Tierrechten äußert. So gibt es nicht „den Tierrechtler“, sondern es gibt Menschen, denen Tierrechte so wichtig sind, dass sie ihr Leben und ihr Handeln danach ausgerichtet haben. So leben alle Tierrechtler vegan, aber ihre Betätigungsfelder können recht unterschiedlich sein. Die Bandbreite reicht vom Tierrechtler, der Tiere befreit und damit auch eine Verurteilung wegen Hausfriedensbruchs und/oder Diebstahls in Kauf nimmt, bis hin zum Tierrechtler, der – man lese und staune – philosophisch arbeitet. Also durch Gespräche, Diskussionen, Schriften, Bloggen und Bücher in den mitunter täglichen Diskurs mit anders lebenden Menschen geht.

Die Forderung von Herrn Ott, dass Tierrechtler und Tierschützer Koalitionen bilden sollen, ist schon seit vielen Jahren ein normal gewordenes Miteinander. Tierrechtler wissen und sie handeln auch danach, dass sie auf die unterstützende Arbeit von Tierschützern nicht verzichten können. Und Tierschützer greifen gerne auf Netzwerke und das tiefgehende Wissen von Tierrechtlern zurück.

Die Aussage, dass die meisten Tiere keine ausgeprägte Individualität haben, ist überholt. Forschungen am Selbst-Ich von Tieren lassen uns zu ganz anderen Ergebnissen kommen. Selbst wenn – wie von Herrn Ott beschrieben – Schafe bei einer indischen Opferzeremonie ruhig blieben, spricht das nur für die Sanftmütigkeit dieser Tiere, aber nicht im Geringsten dafür, dass Schafe nicht an ihrem Leben hängen. Wer die Kinderstube von Schafen kennt oder wer das Schreien der Lämmer und Muttertiere gehört hat, wenn sie voneinander getrennt werden, weiß, wovon wir reden.

Bizarr wird es, wenn Herr Ott darüber philosophiert, dass nur Tiere, die uns in unserer Kommunikation und Intelligenz nahekommen, nichts auf unserem Speisetisch zu suchen haben. Was haben Kommunikation und Intelligenz mit Gefühlen zu tun? Tiere fühlen Angst, Unsicherheit, Liebe, Ausgrenzung so wie wir Menschen. Auch begründet Herr Ott seine Meinung über Nutztiere mit unserer Alltagsmoral. Dass die Alltagsmoral von nicht wenigen Menschen weit unter der Sozialkompetenz oder Moral im Tierreich ist, ist seit Marc Bekoff für uns auch nichts Neues. Auch Konrad Otts Sprung in die Juristerei macht seine Äußerungen nicht nachvollziehbarer. Sicherlich ist es richtig, dass wir in unserer Zivilisation für unser praktisch moralisches Leben Gesetze festlegen müssen. Auch für den Umgang mit Tieren. Aber Gesetze entstehen in einem langen Prozess, an dem normalerweise alle Betroffenen beteiligt sind. Um in solchen Prozessen Tieren eine Stimme zu verleihen, gibt es Tierrechtler.

Robert Langer, Köln

Tierpersönlichkeit

betr.: „Fleisch ist keine alltägliche Nahrung“, 23. 12. 16

Herr Ott scheint mit Tieren nie gelebt zu haben. Seine Ansichten sind krachend wirklichkeitsfremd. Sehr offensichtlich sind Tiere unwiederbringliche Individuen, ebenso wie wir. Jeder Hunde- und Katzenfreund würde das unterschreiben. Ob ein Tier großartig in die Zukunft planen kann oder über sich selbst philosophieren, ist letztlich unerheblich. Ein Teil der Menschheit kann das schließlich auch nicht und hat trotzdem ein Recht auf Leben und Streben nach Glück. Es reicht, dass jemand ein Jemand ist und kein Etwas – es genügt die Fähigkeit, ein subjektives Wohl und Wehe zu fühlen.

Tierschutz ist eben nicht die Lösung. Solche Vereine gibt es seit 200 Jahren. Davon unbeleckt haben wir die Erde inzwischen zum fliegenden Schlachthaus degradiert. Jeder Kauf, jede Empfehlung von Tierprodukten ist ein Statement der Art: „Ja! Tiere sind eine Ware!”

Eine wirklich bedürfnisgerechte Haltung von Tieren ist gar nicht rentabel zu kriegen, sondern frisst Nerven und Geld. Zum Teufel auch mit Otts Anregung, Vierbeiner auf der Weide hinterrücks zu erschießen. Tiere sind nicht nur miteinander eng befreundet, sondern auch mit uns. Die haben ihren Pflegern vertraut! „Heimtücke“ lautet das Wort, das einen solchen Verrat zwecks Schädigung der vertrauenden (Tier-)Persönlichkeiten am besten beschreibt.

Ute Esselmann, Bielefeld

Speziesistisch

betr.: „Fleisch ist keine alltägliche Nahrung“, 23. 12. 16

Vielen Dank für Ihr kritisches Interview mit Konrad Ott. Ich war entsetzt, an was für speziesistischen Ansichten Herr Ott festhält – dass Tiere sehr wohl eine eigene Persönlichkeit und einen Wunsch nach Autonomie und Leben besitzen, ist längst unumstritten. Wie er hier von austauschbaren Augenblickswesen sprechen kann, bleibt ein Rätsel.

Lea Pfeffer, Wien