Demo für die Utopie

WESTWERK Im Plagwitzer Kulturjuwel hat der große Umbau begonnen. Mietsteigerungen und zahlreiche Kündigungen betreffen vor allem nichtkommerzielle Kunstprojekte

Noch nicht ganz zwölf: das Westwerk im Stadtteil Plagwitz Foto: Tabea Köbler

von Tabea Köbler

Ein Flugblatt flattert an einem Laternenpfahl in Plagwitz. Das Westwerk als Ort von „selbstorgansierter Kunst und Kultur“ mit „unkommerziellem, kreativem und auch subversivem Charakter“ sei bedroht, steht darauf. Es ist ein Aufruf zur Demonstration. Seit 2007 zogen über 100 Mieter in die Gebäude des ehemaligen VEB Industriearmaturen – eine bunte Mischung aus Künstlern, Handwerkern, kleinen Unternehmen, Gastronomie und Vereinen. Viele von ihnen arbeiten nichtkommerziell.

Seit Ende des vergangenen Jahres häuften sich Veränderungen. Im November erhielt der Kunstraum Westpol A.I.R. Space samt den umliegenden Ateliers eine Kündigung. Anfang Januar wurde dem Sublab Hackerspace gekündigt. Dort realisieren viele kleinere Gruppen unterschiedlichste Projekte: Es gibt eine Techniksprechstunde, ein Cybersecurity-Team, Freifunker und einmal in der Woche Volksküche. Zehn Mietverhältnisse wurden beendet. Zusätzlich erhöhten sich bei den bestehenden Gewerbemietverhältnissen die Nebenkosten, was die bislang sehr günstigen Mieten um bis zu 60 Prozent steigen ließ.

„Zu neuen Vermietungen und Umstrukturierungen ist noch nichts festgelegt, es gibt bislang keine konkreten Verträge“, erklärt Peter Sterzing, Geschäftsführer der verwaltenden Westwerk GmbH. „Wir suchen für die freien Räume etwas, das viele im Stadtteil anspricht.“ Es gebe Gespräche mit Einzelhandelsunternehmen. Die Spekulation, dass ein Supermarkt ins Westwerk einziehen soll, bestätigte er nicht.

Auch ob der Einzug einer Billardhalle in die 500 Quadratmeter große ehemalige Mensa stattfinden wird, steht nicht fest. Dort hatte in den vergangenen fünf Jahren der Westpol 61 Ausstellungen realisiert. Jetzt soll saniert werden. Zudem werden die Parkmöglichkeiten im Osthof durch ein Parkdeck erweitert. Auf der Rückseite des Geländes an der Weißenfelser Straße ist der Neubau eines dreigeschossigen Atelierhauses geplant. Sterzing betont immer wieder, dass der Charakter der Vielfalt im Westwerk durch die Neuentwicklungen nicht zerstört wird. Es habe immer ein Nebeneinander von nichtkommerzieller und kommerzieller Kultur gegeben und auch immer die Notwendigkeit, wirtschaftlich zu bestehen.

Mitte Dezember teilte die Corpure GmbH, der das Westwerk gehört, dem Sublab Hackerspace eine Mieterhöhung von etwa 60 Prozent durch Erhöhung der Nebenkosten mit. Da das nicht mit dem bestehenden Mietvertrag vereinbar war, legte der Vereinsvorstand formalen Widerspruch ein – mit dem Resultat, dass am 10. Januar fristgerecht zum 31. Juli 2017 gekündigt wurde. Warum die Nebenkosten so stark steigen, ist dem Verein nicht erklärbar.

Seit 2008 mietet der Sublab e. V. etwa 200 Quadratmeter im vierten Obergeschoss des Turms. Als sie einzogen, gab es keine Heizung, die Fenster waren marode und die „alte gelbe DDR-Farbe platzte von der Decke“, erinnert sich Pressesprecher Olf. In Eigenleistung verlegten sie Strom-, Glasfaser- und Wasserleitungen. Der Vermieter ergänzte schließlich Toiletten und einige Heizkörper. Die nun anstehende Mietsteigerung findet das Sublab unfair: „Es wird zu wenig honoriert, wie stark wir diesen Raum nutzbar gemacht haben“, sagt Olf. Die Gruppe diskutiert nun, wie es weitergehen soll, und schaut sich auch nach anderen Räumen um.

In den vergangenen drei Monaten hat das Team des Kunstraums Westpol alles versucht, um die Kündigung abzuwenden. Sie wollten sich als reguläre Mieter beweisen – ihre ehrenamtliche Arbeit war bislang möglich, da nur eine symbolische Miete von einem Euro gezahlt wurde. Sie bemühten sich um finanzielle Unterstützung, konsultierten das Kulturamt sowie den Plagwitzer Stadtbezirksbeirat, organisierten Mietertreffen und sprachen mit der Verwaltung. Vergebens: „Vermutlich kriegen wir es nicht hin, hier zu bleiben“, sagt die Künstlerin Marlet Heckhoff aus dem kuratorischen Team. Ab Januar 2017 sei ein Minimum von 2.500 Euro Miete im Monat fällig – eine Summe, die ohne institutionelle Unterstützung unmöglich zu stemmen ist.

Durch die Bemühungen des Westpols wurde eine breite Öffentlichkeit auf die Vorgänge aufmerksam. Immer mehr Mieter und Interessenten kamen zu den Treffen. Aus den Kreisen der ideellen Unterstützer des Westwerks als Ort freier Kultur ging zuletzt unter dem Titel „Westen Wehrt sich“ der Aufruf zur Demonstration hervor. Es ist der Versuch, ein weiteres Dialogforum zu schaffen.

An einem offenen Dialog scheint es zu hapern. Laut Heckhoff möchte die Corpure GmbH sich nicht an den Mietertreffen beteiligen, während Verwalter Sterzing seine Gesprächsbereitschaft betont. Einige der gekündigten Mieter wollten gegenüber der taz keine Stellungnahme abgeben, weil ihnen ihre Situation und ihre Möglichkeiten selbst nicht wirklich klar sind. Die Entwicklungen sind unüberschaubar. Das erzeugt Unsicherheit. „Es gibt keine Transparenz und zu viele mündliche Vereinbarungen“, sagt Lisa Herms aus der Unterstützer*innengruppe. Bei den Treffen wurde immer wieder der Wunsch nach einer Einigung deutlich, und das Bewusstsein dafür, dass das Westwerk auch wirtschaftlich funktionieren müsse, verfestigte sich.

Viele freie Kulturschaffende investieren den Großteil ihrer Zeit mit Leidenschaft in ihre Projekte, verdienen damit aber kein Geld. Oft nehmen sie für minimale Mieten marode Bausubstanz und fehlende Heizungen gern in Kauf. Der Raum für nichtkommerzielle Kultur schrumpft mit steigenden Mieten. Die Planung eines neuen Atelierhauses im Westwerk zeigt, dass es ein Ort für Kultur bleiben soll. Ob dieselbe freie Szene, die den Charakter in den letzten Jahren mitgestaltet hat, sich diese Ateliers wird leisten können, bleibt abzuwarten.

Die offenen Mietertreffen gehen weiter. Am 5. Februar sind alle Interessierten zu Vortrag und Diskussion ins Westwerk eingeladen. Am 11. Februar wird dann demonstriert – für die Utopie, die im Westwerk ein Zuhause finden wollte.

 

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