Griechenland

In der Kleinstadt Kilkis helfen die Bewohner gestrandeten ­Geflüchteten auf eigene Weise. Sie öffnen ihnen ihre Haustüren

Mitte Januar in einen Flüchtlingscamp in Thessaloniki. Diese Bedingungen schaden der Integration. Deswegen gibt es Omnes Foto: Imago

Raus aus den Camps

„Wir haben berechnet, dass es günstiger ist, Flüchtlinge in Wohnungen unterzubringen, anstatt in Camps“, sagt ein Freiwilliger. Die NGO Omnes organisiert Willkommenskultur

Aus Kilkis Theodora Mavropoulos

Kinderlachen, während im Fernsehen die Nachrichtensprecherin von den Tausenden Flüchtlingen und Migranten berichtet, die die Kältewelle in Europa ungeschützt aushalten müssen. Der sechsjährige Majed sitzt mit seinem Vater Basem Al Nasir auf der Couch. Seine Mutter Samah Aleid schenkt den aufgebrühten Tee in Tassen ein. „Wir haben so ein Glück, hier im Warmen zu sein“, sagt die Frau aus Syrien. Vor über einem Jahr flüchtete die Familie nach Europa.

Eigentlich wollte Familie Al Nasir nach Deutschland, wo Freunde auf sie warten. Doch nun gehören sie zu den knapp 63.000 Flüchtlingen, die in Griechenland festsitzen. Denn die Grenzen gen Nordeuropa sind dicht. Einige Bewohner der Kleinstadt Kilkis, die nahe der mazedonischen Grenze liegt, konnten das Leid der Menschen in den Camps nicht mit ansehen und öffneten vielen der Flüchtlinge ihre Türen. So fand auch Familie Al Nasir durch die Bürgerinitiative einen Unterschlupf. Die Initiative ist nach knapp einem Jahr nun zur NGO Omnes geworden. „An einem Abend hat es so stark geregnet, dass alles in den Zelten nass wurde“, erinnert sich Al Nasir und zieht seinen kleinen Sohn liebevoll an sich heran.

Auch Charalambos Makridis bleibt dieser Tag unvergesslich. Der Freiwillige hatte unter dem Namen „Project Housing“ den Facebook-Aufruf gestartet, der vieles änderte: Wer kann Flüchtlinge bei sich zu Hause aufnehmen? Prompt meldeten sich zahlreiche BürgerInnen von Kilkis. 75 Familien konnten so kurzfristig untergebracht werden. Auch Familie Al Nasir.

Makridis sitzt heute an einem ovalen Tisch der NGO Omnes. Das Haus, in dem Omnes ihre Zentrale hat, befindet sich im Zentrum von Kilkis und steht symbolisch für die Flüchtlingsgeschichte der Kleinstadt. Fotos an den Wänden zeigen Flüchtlingskinder in der Schule, Frauen und Männer bei der Arbeit. Die Bilder stammen aus den 1920er Jahren und hängen aktuellen Bildern von Flüchtlingen in Griechenland gegenüber. „Wir wollen deutlich machen, dass schon vor etwa 100 Jahren Tausende Flüchtlinge hierherkamen“, sagt Makridis. Damals flüchteten die Menschen aus Kleinasien, berichtet er. Zahlreiche Familien in der Umgebung seien daher eng mit der Flüchtlingsgeschichte verbunden.

Eigentlich arbeitet Makridis als Steuerberater, deshalb könne er gut mit Zahlen umgehen. Der hochgewachsene Mann mit den zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren lacht gerne. Heute hilft er bei Omnes mit. Immer wieder nimmt Makridis Telefonanrufe entgegen, hauptsächlich kümmert er sich um die Finanzverwaltung der Organisation. Er holt einen Hefter mit Diagrammen aus einer Schublade, zeigt auf die verschiedenfarbig dargestellten Zahlenwerte. „Wir haben im Laufe der Monate berechnet, dass es günstiger oder wenigstens gleich teuer ist, Flüchtlinge in Wohnungen unterzubringen, anstatt in Camps“, sagt der zweifache Familienvater. Allein die Nahrung für eine dreiköpfige Familie im Camp koste pro Monat etwa 600 Euro. Hinzu kämen die Kosten, um ein Camp aufzubauen: Die Zelte, sanitäre Anlagen, Polizei, das Militär. „Außerdem werden die Menschen durch die Flüchtlingslager und Camps gar nicht erst in eine Gesellschaft gelassen“, sagt Makridis. Dem will die Organisation Omnes entgegenwirken.

„Wir haben einige überzeugt, die immer stärker gen rechts abdrifteten“

Aufbauphase von Omnes

„Bisher konnten wir 60 Wohnungen an Flüchtlingsfamilien vermitteln“, sagt Apostolis Tsoukalas, der im Nebenraum hinter einem großen Schreibtisch sitzt. Der Mann hat mit Makridis und acht weiteren BewohnerInnen von Kilkis als freie Bürgerinitiative in Idomeni geholfen. „Ich war zuerst neugierig, was da vor meiner Haustür passiert“, sagt Tsoukalas und zieht an seiner Zigarette. Dann hat ihn das Leid der Menschen ergriffen. Fast jeden Tag sei er vor Ort gewesen. Habe Nahrung und Kleidung organisiert. Heute kümmert sich der ehemalige Händler darum, die Wohnungen in der Umgebung ausfindig zu machen. Sobald eine Wohnung angemietet werden soll, sorgt Tsoukalas für die Möblierung, nimmt die Mietverträge ab, organisiert die Strom- und Wasserversorgung des jeweiligen Haushalts. Tsoukalas zeigt auf eine Pinnwand, an der die Belegung der bisherigen Wohnungen aufgelistet ist. Dort ist abzulesen, welche Wohnung wie viele Personen aufnehmen kann. Stecknadeln markieren die Orte.

Als Omnes noch keine offizielle Organisation war, halfen kleinere NGOs und private SpenderInnen, die zusätzlichen Strom- und Wasserkosten der Haushalte mit Flüchtlingen zu begleichen. Doch das Geld reichte kaum aus. „Viele HelferInnen waren nach einigen Wochen verzweifelt“, erinnert sich Tsoukalas. Sie konnten kaum ihre eigenen Rechnungen begleichen, geschweige denn die Rechnungen für die Flüchtlinge tragen. Und so meldeten sich die Mitarbeiter der Bürgerinitiative als NGO an, schrieben ihr Konzept auf und schickten es an den griechischen Minister für Migrationsangelegenheiten, Ioannis Mouzalas, und nach Brüssel. Sie kamen in Kontakt mit der UNHCR. Seit gut zwei Monaten wird Omnes nun von der UN-Hilfsorganisation finanziell unterstützt. „Wir wollen, dass das Geld sowohl den Flüchtlingen als auch den BürgerInnen hier zugute kommt“, betont Tsoukalas. Daher wird von dem Geld der UNHCR pro Wohnung je nach Quadratmeterzahl eine monatliche Miete von 150 bis 220 Euro gezahlt. Auch die Wasserrechnung und die Stromrechnung werden nun konsequent übernommen. Die Wohnungen für die Flüchtlinge statte die Organisation mit Möbeln lokaler Händler aus. „Wir haben dadurch schon einige überzeugt, die durch die Krisenjahre immer stärker gen rechts abdrifteten“, sagt Tsoukalas. Denn fast jeder vierte in Griechenland ist mittlerweile arbeitslos, Geschäfte stehen kurz vor der Pleite. Das verschärfe die Angst der Bevölkerung vor noch mehr Menschen im Land. „Durch Omnes konnten wir in Kilkis nun 40 Arbeitsplätze für die permanenten Volontäre schaffen“, sagt Tsoukalas. Die festangestellten Volontäre bekommen ein Monatsgehalt von durchschnittlich 900 Euro.

Makridis schaut kurz ins Zimmer, verabschiedet sich. Er ist noch mit Despina Perzinidou verabredet. Perzinidou ist eine der Frauen, die sofort auf den Aufruf vor einem Jahr reagierten. Die Organisation Omnes hält guten Kontakt zu den HelferInnen von Kilkis. Makridis begleitet die 70-jährige Rentnerin zur Apotheke der Solidarität. Eines der Kinder ihrer Flüchtlingsfamilie braucht eine Salbe. „Solidaritätsapotheke Kilkis“ steht auf dem hellbraunen Schild. Vor der Tür steht Apotheker Dimitris Anathopoulos. Die Begrüßung fällt herzlich aus – man kennt sich. Der Apotheker weist Makridis und Perzinidou den Weg ins hintere Zimmer. In dunkelbraunen großen Apothekerschränken mit Glastüren und kleinen Schubladen werden zahlreiche Medikamente und medizinische Utensilien gelagert, die durch Sach- und Geldspenden aus dem In- und Ausland zusammenkommen. Anathopoulos überreicht Perzinidou eine Salbe und Augentropfen für das Baby. Seit 2009 gibt es diese Apotheke. „Das war der Beginn der Krise in Griechenland und die Apotheke entstand, um die Menschen zu versorgen, die sich nicht mehr versichern konnten“, sagt Anathopoulos.

Vierhundert Menschen seien es bis heute. „Zusätzlich helfen wir noch etwa 800 Menschen aus, die zwar versichert sind“, sagt der Mann, während er ein paar Glasflaschen in einen der Schränke einsortiert, aber oft gingen dem Krankenhaus die Medikamente aus. Die Menschen kämen dann auch hierher. Er atmet tief durch. Durch den Flüchtlingsstrom kamen dann noch mal etwa 20.000 Menschen hinzu, die zu versorgen waren. Zwei Apotheken in den Flüchtlingslagern in Xerso und in Neas Kavalas sowie Organisationen wie die Ärzte ohne Grenzen oder das Rote Kreuz werden von der Solidaritätsklinik unterstützt, berichtet Anathopoulos weiter und beginnt, ein paar Medikamente auf dem großen Glastisch in der Mitte des Raumes zu ordnen.

Familie Al Nasir konnte geholfen werden Foto: Theodora Mavropoulos

Perzenidou und Makridis verabschieden sich und machen sich auf den Weg zu Familie Al Nasir. Die Rentnerin kommt meistens gegen Nachmittag auf einen Tee vorbei. Freudig wird die Frau von dem kleinen Majed an der Tür begrüßt. Perzinidou und der Junge wechseln ein paar Worte auf Griechisch. Der Junge ist stolz, denn seit ein paar Monaten kann er hier in Kilkis zur Schule gehen.

„Die Sprache lernt er dadurch sehr schnell“, sagt Perzinidou. Liebevoll streicht sie dem Jungen übers Haar, während sie den Rest der Familie und Makridis begrüßt und sich mit einer Tasse Tee in der Hand auf das Sofa setzt. Eigentlich bauten sie und ihr Mann – sie Bäuerin, er Holzfäller – das Haus hier in den 1990er Jahren als Altersvorsorge, berichtet sie. Eine Wohnung war für das Paar selbst gedacht, drei Wohnungen sollten vermietet werden. „Doch heute reicht unsere Rente von insgesamt knapp 1.500 Euro durch die hohen Steuern auf das Haus kaum zum Leben“, sagt sie.

Mieteinnahmen hat sie durch die Abgaben keine mehr. Die Immobiliensteuer beziehe sich ja nicht auf ein Realvermögen, sondern werde pauschal auf Umgebung und Quadratmeter berechnet. Ganz gleich, wie teuer die Wohnungen vermietet werden können – die Abgaben müssen geleistet werden. Doch die MieterInnen sind durch Kürzungen selbst nicht mehr zahlungsfähig.

So hat Perzinidou die Mieten auf 100 Euro im Monat für eine etwa 80 Quadratmeter große Wohnung gesenkt. Verkaufen ginge nicht. Perzinidou lacht auf. „Wer will heute schon Eigentum haben – bei den Abgaben.“ Ja, es sei schwer gewesen, eine Familie zusätzlich durchzubringen. Aber was blieb einem übrig. Sie lächelt Mezin an. „Beim Fleischer oder Gemüsehändler fragte ich immer nach einem Nachschlag für meinen Familienzuwachs“, sagt Perzinidou. Durch die Bettelei habe sie sich bei den Verkäufern in Kilkis unbeliebt gemacht, sagt sie. Sowohl den GriechInnen als auch den geflüchteten Menschen gehe es schlecht, sagt die Rentnerin. Da müsse man doch zusammenhalten.