Boykottaufruf auf dem T-Shirt: Aktivistin bei einer Demonstration in Paris Foto: Vincent Nguyen/Riva/laif

Mehr als nur ein „Israelkritiker“

Kontroverse Der Theologe und ehemalige Anti-Apartheid-Kämpfer Farid Esack aus Südafrika wird in Deutschland als „Antisemit“ geschmäht. Das wird dem Aktivisten und Intellektuellen nicht gerecht

von Daniel Bax

Farid Esack hat so manchen Kampf ausgefochten und sich trotzdem seinen Humor bewahrt. Dass er jetzt im Zentrum einer erbitterten Kontroverse steht, nachdem er an der Uni Hamburg diesen Winter eine Gastprofessur innehatte, bringt ihn kaum aus der Ruhe. Die Kritik entzündet sich daran, dass Esacks Haltung zu Israel umstritten ist. Denn Esack sitzt in Südafrika der Boykott-Bewegung gegen Israel vor, „BDS“ genannt (für Boykott, Desinvestionen, Sanktionen).

In den USA und Südamerika, in Großbritannien oder Skandinavien hat diese Bewegung Einfluss und prominente Fürsprecherinnen wie Naomi Klein, Judith Butler oder Laurie Penny. BDS-Anhänger finden sich dort in der Linken oder auf dem Campus von Hochschulen. In Südafrika ist BDS sogar mehrheitsfähig, wird offiziell von der Regierung unterstützt. Denn Veteranen aus der Apartheid-Ära wie Farid Esack ziehen Parallelen zwischen der Situation der Palästinenser und ihrem eigenen Befreiungskampf.

In Deutschland dagegen ist die Bewegung nicht nur wenig bekannt – sie ist äußerst unpopulär. Die Hamburger CDU will sie sogar als „antisemitisch“ einstufen. In der kommenden Woche bringt sie dazu einen Antrag in die Bürgerschaft ein, um zu erreichen, dass die anderen Parteien diese Sicht teilen. Die „Christlichen Israelfreunde Norddeutschland“ haben eine Petition an den Hamburger Senat gerichtet, um künftige Auftritte Esacks in Hamburg zu verhindern. Die israelische Botschaft forderte die Universität Hamburg dazu auf, Esack nie wieder einzuladen.

Esack kann sich nicht mehr an dieser Debatte beteiligen, er ist nach Südafrika zurückgekehrt. Ihn verwundert aber, dass keiner der Journalisten, die zuerst über die Vorwürfe gegen ihn berichtet haben, ihn selbst kontaktiert habe. „Das ist unter Journalisten doch üblich – selbst wenn das nur ein Vorwand ist, um Objektivität vorzutäuschen“, sagt er. „Diese Einseitigkeit ist etwas, das man in einem Land wie Saudi-Arabien erwarten würde, wo man von Orthodoxien umzingelt ist – aber doch nicht in Deutschland!“

Universalistische Kritik

Esack ist sich der historischen Sensibilitäten hierzulande durchaus bewusst. Dass er jedoch unterschlagen soll, dass er die Situation in Israel mit der in Südafrika zur Zeit der Rassentrennung für vergleichbar hält, das sieht er nicht ein. In den besetzten Gebieten sei die Lage sogar noch schlimmer, findet er. Auch andere prominente Südafrikaner wie Nelson Mandela und Bischof Desmond Tutu haben die Lage in Israel ähnlich scharf angeprangert.

Wie diese, ist auch der 58-jährige Farid Esack in der Zeit der Rassentrennung aufgewachsen. Seine Familie ist seit Generationen in Südafrika zu Hause, seine Mutter ist ursprünglich malaiischer und sein Vater indischer Herkunft. Als Esack noch ein Kind war, wurde seine Familie deshalb in eine der neu gegründeten Townships umgesiedelt. „Dort gab es zwei Möglichkeiten, zu überleben: entweder, sich einer Gang anzuschließen oder religiös zu werden. Ich entschied mich für Letzteres.“ Zugleich begann er, sich politisch zu engagieren, wurde deshalb mit 15 zum ersten Mal von der Polizei fest genommen. „Der Mann, der mich damals von der Schule abholte, war einer der übelsten Folterer. Mein Fall machte damals Schlagzeilen“, erzählt er und fügt ironisch hinzu: „Wir Veteranen tragen unsere Medaillen mit Stolz.“

„Manche Deutsche glauben, sie seien die Achse, um die sich die ganze Welt dreht“

Theologe Farid Esack

Esack schrieb mehrere Bücher zum Verhältnis von Islam und Politik, seine Autobiografie „On Being a Muslim“ oder Einführungen in den Koran wie „The Qur’an: A User’s Guide“. Esack verbindet islamischen Glauben mit einer Kritik von Kolonialismus, Imperialismus und westlicher Hegemonie, mit einem Plädoyer für soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.

Muslime hätten schon im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika eine wichtige Rolle gespielt, erzäht Esack, und ihr Einfluss ginge auch heute noch weit über ihre eigentliche Zahl hinaus. „Nach den ersten freien Wahlen waren 13 Prozent der Abgeordneten und viele Minister Muslime, auch im gegenwärtigen Kabinett finden sich mehrere“, zählt er auf.

In Pakistan wandte Esack sich gegen die Diskriminierung von Christen durch Muslime. Als Gleichstellungsbeauftragter setzte er sich unter Mandela für Frauen- und Homosexuellenrechte ein, gründete die Gruppe „Positive Muslime“ im Kampf gegen Aids. Er lehne jede Form der Diskriminierung ab – auch die aufgrund der sexuellen Orientierung, sagt er, auch wenn das für manche muslimische Ohren provokant klingt.

Esack ist aber ebenso ein Kritiker des Westens: von Unterdrückung im Namen der Terrorbekämpfung, von Waffenexporten an Regimes wie Saudi-Arabien oder Ägypten. „Wir tun so, als würden wir die Werte von Aufklärung und Demokratie vertreten. Aber unsere ökonomischen Interessen wiegen oft schwerer.“

Das Argument der „historischen Verantwortung“ Deutschlands gegenüber Israel, das häufig in Debatten zum Nahen Osten fällt, hält Esack für ein moralisches Mäntelchen, um politische und ökonomische Interessen zu kaschieren. Den Vorwurf, der Israel-Boykott erinnere an die Nazi-Parole „kauft nicht beim Juden“, bezeichnet er als Propaganda. „Manche Deutsche glauben offenbar, sie seien die Achse, um die sich die ganze Welt dreht“, sagt er.

Ein vegetarischer Staat

Mit Antisemitismus habe die BDS-Kampagne „absolut gar nichts“ zu tun. Das sehe man daran, dass im Beirat der BDS-Bewegung auch Juden säßen und sich auch in Israel Juden gegen die Besatzung engagierten. „Ich wünschte, die deutschen Zeitungen hätten den Mut, den israelische Zeitungen wie Ha’aretz haben, wenn es um die Kritik der israelischen Politik geht.“

Hat sich seinen Humor bewahrt: Farid Esack Foto: privat

Kritiker werfen Esack vor, er habe auf einer Veranstaltung in Hamburg Sympathien für die Idee eines „Islamischen Staates“ bekundet. Das weißt Esack zurück. „Das Gegenteil ist der Fall!“, wehrt er sich. „Ich persönlich lehne Staaten auf religiöser oder ethnischer Grundlage ab, und ich kann mir auch nicht vorstellen, in einem solchen Staat zu leben.“ Er habe dort lediglich gesagt, dass man Ideen nicht mit Gewalt oder Verboten bekämpfen könne, sondern nur mit besseren Ideen.

„Als Beispiel habe ich angeführt, dass Vegetarier das Recht haben sollten, für einen vegetarischen Staat einzutreten, wenn sie der Meinung seien, dass Fleischkonsum schlecht für die Umwelt sei und wir die Tiere schützen müssten“, sagt Esack. „Im gleichen Sinne sollten Muslime das Recht haben, für einen muslimischen Staat zu plädieren, wenn sie davon überzeugt sind.“ In Südafrika würde auch über die Ideen von Kommunisten offen und kontrovers gestritten.

Esack versteht sich als muslimischer Befreiungstheologe und sieht sich damit auf einer Wellenlänge mit christliche Kollegen wie Leonardo Boff oder Gustavo Gutiérrez oder jüdischen Theologen wie Daniel Boyarin und Marc Ellis. Dass Muslime in Südafrika nicht die Mehrheit stellen, aber auch keine diskriminierte Minderheit sind, hält er für eine ideale Voraussetzung, um eine liberale Auslegung des Islam zu entwickeln.

„Weil ich in einer Gesellschaft lebe, in der ich nicht um meine eigene Identität kämpfen muss, kann ich besser für die Rechte von anderen Menschen kämpfen – für Geschlechtergerechtigkeit oder für Menschen mit HIV“, sagt er. „Aus diesem Grund kommen einige der kreativsten Arbeiten zu Islam, Demokratie, Zivilgesellschaft und Gender aus Südafrika.“

Farid Esack steht für eine linke Solidaritätsbewegung des globalen Südens und ein demokratisches und pluralistisches Verständnis des Islam und gegen Extremismus, Fundamentalismus und Gewalt. Vor diesem Hintergrund muss man sein Engagement für die BDS-Bewegung sehen. Man muss seine Haltung zu Israel nicht teilen. Ihn jedoch nur darauf zu reduzieren und ihn deshalb gar zu einem „Antisemiten“ zu stempeln wird diesem Intellektuellen und Aktivisten nicht gerecht.

 

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