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Unter der Maske der Verwegenheit

Walter Jungwirth: „tausend kilometer süden“, Covandonga-Verlag, Bielefeld, 155 S., 14,80 Euro

Er hat noch immer nicht genug. Walter Jungwirth tritt noch einmal an. Die Gedanken an die Torturen der vergangenen Jahre sind anscheinend verblasst wie ein Palimpsest. Was da geschrieben stand auf dem Pergament der Erinnerung, wurde überschrieben von einem Geschichtsfälscher, der wohl in uns allen sitzt. Und dieser Typ klittert, verklärt und schönt auf Teufel komm raus. Die Leiden gehen auf in einem Epos, und schon schöpft man Kraft für einen Neuanfang im Großen oder Kleinen. So entsteht aus dem Schmerz in einem alchemistischen Prozess der Kraftstoff für neue Taten.

Walter Jungwirth wird also in diesem Sommer, im späten August, wieder auf das Rennrad steigen, vor sich eine Strecke, 1.000 Kilometer, in drei Tagen zu bewältigen. Mille de Sud heißt das Radrennen, das in der Provence beginnt, im kleinen Örtchen Carcès, und nach Osten führt, nach Ligurien, ins Piemont, nur um die verwegenen Hobbyradler dann wieder zurück in den bergigen, alpinen Süden Frankreichs zu führen. Jungwirth hat über dieses Unternehmen ein Buch geschrieben, „tausend kilometer süden“ – eine Erzählung vom Radfahren in den Bergen, wie der Covandonga-Verlag erklärend hinzugefügt hat.

Es ist ein wunderbar prosaisches Tagebuch von dieser Fahrt entstanden, ein Buch über die Beweggründe, in so kurzer Zeit eine so lange Strecke zurückzulegen, nicht einfach geradeaus, sondern gespickt mit 16.000 Höhenmetern. Die kommende Ausgabe des Mille de Sud wird den etwa vier Dutzend Fahrern noch einmal mehr abverlangen, denn das Profil ist anspruchsvoller, auch wenn die Fahrer dieses Mal 100 Stunden Zeit haben, um die Tour de Force zu beenden.

Sie nennen sich Randonneure, und damit verbunden ist ein besonderer Ethos des Langstrecken-Straßenradlers. Es geht ihnen nicht um den Wettbewerb im klassisch-leistungssportlichen Sinne. Sie sind natürlich, wie man heute sagt, High-Performer, aber sie setzen auf Kameradschaft, auf den besonderen Geist einer kleinen verschworenen Gemeinde, der es nicht zuvörderst um Zeiten und Platzierungen geht, sondern eher um den Kampf ­gegen sich selbst. Das beschreibt Jungwirth ohne das Pathos und den Erleuchtungsgestus, der einem oft in solchen Publikationen begegnet.

Dieser schreibende Randonneur geht durchaus hart mit sich ins Gericht, seine Art der Introspektion hat Format. Er meidet konsequent den Kitsch der Selbsterfahrungsliteratur, das Wortgeklingel von Extremsportlern, die ihre Sportkarriere später vor Vorstandsvorsitzenden ausrollen wie der Teppichverkäufer einen Kelim. Jungwirths Stil erinnert an die Radreportagen aus einer längst vergangenen Zeit, an Stücke, wie sie seinerzeit etwa Dino Buzzati zu schreiben vermochte, allerdings hätte man sich Topograpfisches im Buch gewünscht, um den Streckenverlauf im Detail nachvollziehen zu können.

Eindrücklich ist vor allem Jungwirths Schilderung, wie er nächstens den Col Agnel, über 2.700 Meter hoch, überwindet. Da rutscht „die Maske der Verwegenheit vom Gesicht“, übrig bleibt ein Häufchen Elend, „das nicht weiß, ob die Tränen, die in ihm aufzusteigen drohen, aus der Wut kommen oder aus der Verzweiflung“. Der Radler wird zum „Vasall der Dunkelheit“– beziehungsweise, stinkend und ermattet wie er ist, zum Soziopathen: „Der Randonneur ist in seinen schweren Stunden nicht für die menschliche Gesellschaft geeignet.“ Aber auch darum geht es: um den schmerzvollen Genuss der Einsamkeit, die Überwindung der Angst in einem fast schon existenziellen Kampf gegen Kälte und Müdigkeit.

Sie nennen sich Randonneure, und damit verbunden ist ein besonderer Ethos des Langstreckenradlers

Aber nach einem kleinen Schläfchen auf einer Parkbank, nach einer Tasse Café und einem Croissant kehren die Lebensgeister auf wundersame Weise zurück, und Jungwirth, der, wie er beschreibt, ab und zu Fahrgemeinschaften mit Leidensgenossen bildet und dann doch wieder stundenlang allein strampelt, kann einen zweiten Kampf aufnehmen: den gegen die Rücksichtslosigkeit der Autofahrer. Es ist wohl eher ein Erdulden, wenn der SUV-Protz wie zum Zeichen seiner vermeintlichen Überlegenheit nur ein paar Zentimeter am Gladiator auf zwei Pneus vorbeirauscht und nicht weiß, was er alles anrichten kann.

Es kommt nicht von ungefähr, dass der Autor sich in seiner Danksagung nicht nur an seine Familie richtet, sondern auch eines seiner Mitfahrer gedenkt, eines Engländers, der ein halbes Jahr nach dem Mille de Sud tödlich mit dem Rad verunglückte. Dieses Schicksal teilt er mit so vielen Rennfahrern; zuletzt wurde der bekannte italienische Profi Michele Scarponi von einem Laster totgefahren.

Natürlich bleibt auch Walter Jungwirth die Erklärung schuldig, warum ein Mensch sich so etwas wie die Mille de Sud antut. Vielleicht, weil er es kann. Weil er später tiefe Befriedigung aus diesem Abenteuer schöpft. Weil ihn die Mitgliedschaft im Orden der Randonneure abhebt von der Masse. Vielleicht. Man weiß es nicht. In gewisser Weise sieht der Autor sich als Getriebener. Seinem Buch vorangestellt hat er ein Zitat von Karl Marx: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken.“

Markus Völker