Da kiekste, staunst und wunderst dir

250 berlinerische Gedichte

Berlin auf Blättern

von Jörg Sundermeier

Fast ist es schon zu Tode zitiert, das Berliner Mundart-Gedicht „Icke“, welches da lautet: „Ick sitz an’ Tisch und esse Klops / uff eenmal klopts. / Ick kieke, staune, wundre mir, / Uff eenmal jeht se uff, die Tür! / Nanu, denk ick – ick denk nanu, / Jetz is se uff, erst war se zu. / Ick jehe raus und kieke / Und wer steht draußen? – Icke.“ Die meisten glauben, dies seien Verse, die dem sogenannten Volksmund entsprungen seien. Doch sie irren. Wie Thilo Bock, Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki jetzt herausgefunden haben, wurde das Gedicht erstmals 1925 gedruckt, in einem von Paul Westheim und Carl Einstein herausgegebenen Journal. Als Verfasser zeichnete ein gewisser „Jean de Bourgeois“, und man darf davon ausgehen, dass der Kulturphilosoph und Dichter Einstein selbst dahintersteckte.

So schuf also derjenige das wohl meistzitierte berlinische Mundartgedicht, der den literarischen Expressionismus wesentlich prägte und dessen Studien zum Kubismus oder zur afrikanischen Kunst das deutsche Geistesleben bis heute bereichern. Das dieser Umstand so lang verborgen blieb, passt durchaus zu Einsteins Humor. Und zeigt, wie nötig es ist, ihn wieder zu entdecken.

Etwas Typisches

Es verwundert also nicht, dass Bock, Ihrig und Janetzki den von ihnen herausgegebenen Band, in dem sie „Berlinerische Gedichte von 1830 bis heute“ versammeln, „Ick kieke, staune, wundre mir …“ genannt haben – dieser Titel ist einfach treffend für den von Susanne Bax gestalteten Prachtband, den die Andere Bibliothek vor wenigen Wochen vorgelegt hat. Die Herausgeber versammeln darin mal bessere, mal schlechtere Gedichte, die aber allesamt etwas Typisches ausdrücken. Unterteilt in mehrere Abschnitte – Hauptstadt Preußens, Kaiserzeit, Weimarer Republik, Natio­nalsozialismus, geteilte Stadt und nach der Wiedervereinigung – wird versucht, mithilfe der Mundarttexte eine seelische Bestandsaufnahme Berlins zu machen. Man merkt, wie sehr die Herausgeber darunter gelitten haben, dass ihnen nicht mehr als knapp 450 Seiten zur Verfügung standen – auch wir Leser leiden, man möchte immer weiter in diesen Gedichten schwelgen.

Nach Hans Christoph Buchs Vorwort finden sich bekanntere Texte von Menschen wie Otto Julius Bierbaum, Adolf Glaßbrenner, Wolf Biermann, Kerstin Hensel, Otto Reutter, Erich Mühsam, Katja Lange-Müller, Peter Wawerzinek, Walter Serner oder Erich Weinert, doch auch weniger bekannte, vom verstorbenen Rolf Haufs etwa oder dem leider fast völlig vergessenen Günter Bruno Fuchs. Auch ein Gedicht des in der Wolle gewaschenen Berliners Thilo Bock hat sich eingeschlichen.

Die Genauigkeit der Auswahl – und die knappe, aber gute Kommentierung der Texte so wie die Gestaltung des Bandes haben dafür gesorgt, dass der Band ein Renner geworden ist – die limitierte Erstauflage ist bereits beinahe ausverkauft, in einigen Buchhandlungen findet sich allerdings noch ein Exemplar des Prachtbandes. Aber kein Grund zur Trauer: in diesen Tagen ist ein sogenannter Extradruck des Buches erschienen, nicht ganz so wunderbar, aber immer noch sehr toll ausgestattet, das Satzbild blieb eh dabei erhalten. Auch diese Ausgabe sei also empfohlen. Und dann kiekste, staunst und wunderst dir.

Thilo Bock, Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki (Hg.) „Ick kieke, staune, wundre mir. Berlinerische Gedichte von 1830 bis heute“. Andere Bibliothek, Berlin 2017, 472 Seiten, 24 Euro