Seid umschlungen, Genossen!

Parteitag Bei der bayerischen SPD gibt sich der Gast aus Würselen kämpferisch. Die Verluste bei der NRW-Wahl scheinen im Jubel der TeilnehmerInnen vergessen

Schulz, käuflich: Aufsteller auf dem Parteitag Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

aus Schweinfurt Dominik Baur

„Ich hab seine Sandale, ich hab seine Sandale!“, scherzt Florian Pronold, bis Samstag noch Chef der Bayern-SPD. Er fühlt sich an Monty Pythons „Das Leben des Brian“ erinnert, als er vor der Tür des Schweinfurter Konferenzzentrums steht und auf den Messias wartet. Dann schließlich, es ist Sonntag, 11.30 Uhr, fährt er vor. Martin Schulz steigt aus, wird von Pronolds frisch gekürter Nachfolgerin Natascha Kohnen in den Arm genommen, gratuliert, wirft den Fernsehreportern eine Spitze gegen die Union zu, jetzt wird alles gut.

Der Schulz-Hype ist nicht vorüber, er hat sich nur versteckt – hier im Kongresszentrum in Schweinfurt. Hier hat sich die bayerische SPD an diesem Wochenende zum Parteitag versammelt. Als ihr Kanzlerkandidat in den Saal einzieht, kennen die Delegierten, die seit zwei Tagen Berichte und Anträge und Änderungsanträge über sich haben ergehen lassen, kein Halten mehr: Jubel, „Martin“-Chöre und rote Fahnen.

Nordrhein-Westfalen? War da was? Vergessen! Düsseldorf scheint an diesem Wochenende irgendwo in den australischen Outbacks zu liegen. Was interessieren Wahlergebnisse von vor einer Woche? Lehren für die Bundestagswahl ziehen? Ach was, das war doch eine rein regionale Wahlentscheidung. Nordrhein-Westfalen, das steht hier allenfalls für das Land, aus dem der Messias kommt. Auf den Schildern, die die Genossen in die Höhe recken, steht: „London, New York, Paris, Würselen“.

„Es muss klar sein: Wir wollen in Bayern regieren“

Natascha Kohnen, neue SPD-Chefin Bayern

Schulz enttäuscht die Erwartungen nicht, anderthalb Stunden rackert er sich ab, enthusiasmiert den Saal, spricht von Europa, das kein Selbstzweck sein dürfe, der Aufrüstungslogik eines Präsidenten Trump, der man sich nicht unterwerfen dürfe, Familienarbeitszeit, Ganztagsschulen und einer Weiterentwicklung der Bundesagentur für Arbeit zur Bundesagentur für Qualifikation. Man verteile keine Wohltaten. „Die gerechte Verteilung steht den Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes zu“, ruft er, „deshalb kämpfen wir dafür.“ Die Delegierten springen auf.

So gibt Schulz der Veranstaltung noch einen kämpferischen Anstrich. Einer Veranstaltung, die zuvor, wie es ein führendes Parteimitglied hinter vorgehaltener Hand nannte, „eher dünn“ war. Höhepunkt des Vortags war die wenig überraschende Wahl Kohnens. Bayerns Sozialdemokraten hatten bereits in einer Mitgliederbefragung für die bisherige Generalsekretärin gestimmt, die Delegierten bestätigten das Votum mit 88,3 Prozent.

Minutenlang nimmt Kohnen Umarmungen der Parteifreunde entgegen. Die Botschaft ist klar: Seid umschlungen, Genossen! Jetzt zähle wieder Teamwork, es dürfe nicht die eine geben, die vorne vortanze, sagt Kohnen. Landtagskollege Florian von Brunn gehört zu den wenigen, die es bei der Gratulation bei einem schnellen Händedruck belassen. Von Brunn war ihr stärkster Mitbewerber, hatte die Konkurrentin teils scharf angegriffen. Er plädierte für eine angriffslustigere Oppositionspolitik, die SPD müsse die CSU viel mehr vor sich hertreiben.

Die Abteilung Attacke überlassen die bayerischen Genossen nun dem Besucher aus Würselen. Kohnen dagegen spricht ihr Mantra: Die Sozialdemokraten dürften sich nicht an der regierenden CSU abarbeiten. Die Rede hat etwas Pastorales, die 49-Jährige fordert Toleranz und Solidarität mit den Schwachen und Benachteiligten. Die Politik müsse den Menschen die Angst nehmen. Wahre Stärke sei es, zu teilen und für andere da zu sein. Dann schwärmt sie sogar von Bayern als „starkem wirtschaftlichem Motor“. „Es muss unmissverständlich klar sein: Wir wollen in Bayern regieren.“ Klar.

 

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