„Dialog hat nicht stattgefunden“

Der Stuttgarter Grünen-Fraktionschef Kretschmann kritisiert, dass seine Berliner Parteifreunde in den Gesprächen mit der CDU gar nicht ernsthaft verhandelt haben

taz: Herr Kretschmann, Sie gelten als Befürworter schwarz-grüner Bündnisse. Bedauern Sie, dass die Berliner „Jamaika“-Gespräche gescheitert sind?

Winfried Kretschmann: Die Gespräche sind beendet worden, bevor überhaupt ein richtiger Dialog stattgefunden hat. Das bedauere ich.

Wessen Schuld war das?

Die Union hat sich offenbar nicht bewegt.

Und die Rolle der Grünen?

Ich hätte mir ein offeneres Herangehen gewünscht. Wenn man schon morgens im Radio erzählt, warum die Gespräche scheitern werden – dann braucht man sie gar nicht mehr zu führen.

Wie hätte es denn klappen können?

Wir hätten sagen sollen: Die CDU steht in der Wählerschaft für wirtschaftliche Dynamik, das erkennen wir an. Aber wir wollen das verbinden mit ökologischer Modernisierung. Mit einer Politik, die familienfreundlich ist und die gesellschaftliche Spaltung nicht vorantreibt.

Ihre Parteifreunde sagen, man könne nicht vor Merkel warnen – und dann koalieren.

Man muss als intelligenter Mensch doch zur Kenntnis nehmen, dass die Wähler anders entschieden haben. Wenn jede Partei auf ihrer Position beharrt, dann wird dieses Land keine Regierung bekommen. In einer solchen Situation müssen wir zweierlei sagen. Erstens: Die Republik liegt uns am Herzen. Zweitens: Wir müssen beim Großthema Ökologie etwas erreichen wollen – und nicht den Eindruck erwecken, es genüge, in der Opposition Kritik zu üben.

Bei Ihnen wird kommendes Frühjahr gewählt. Sind durch die Berliner Jamaika-Gespräche die Chancen für Schwarz-Grün gesunken oder gestiegen?

Weder noch. Die CDU hat sich hier im Land eher von uns weg bewegt. Vor mehr als zehn Jahren haben wir noch gemeinsam eine Abgabe auf Sondermüll beschlossen, gegen die Stimmen von SPD und FDP. So etwas wäre heute kaum noch denkbar.

Wenn es konkret wird, kneifen also auch Sie?

Überhaupt nicht. Die Union ist in einer ähnlichen Situation wie wir. Sie hat nur eine strategische Option, während die SPD prinzipiell mit allen Parteien koalieren kann. Schon deshalb muss sich die CDU bewegen. Wenn nicht, dann ist Schwarz-Grün so weit weg wie der Mond.

Es gilt also auch hier: Nach der Wahl ist alles anders?

Nein, wir setzen auf Selbstständigkeit. Wir stehen mit unseren Themen in der Mitte der Gesellschaft. Über Koalitionen entscheidet dann der Wähler.