Tränengas und Schmiergeld

Brasilien Nach heftigen Ausschreitungen will die Regierung das Militär gegen Proteste auf die Straße bringen. Präsident Michel Temer gerät immer mehr unter Druck

Brasília am Mittwoch: Als die Polizei die Demonstration stoppte, begann die Randale Foto: Ueslei Marcelino/reuters

Aus Rio de Janeiro Andreas Behn

Nach einer Großdemonstration mit heftigen Ausschreitungen hat Brasiliens Präsident Michel Temer das Militär auf die Straßen der Hauptstadt Brasília beordert. 1.500 Soldaten sollen bis Ende des Monats das Regierungsviertel vor Unruhen schützen. Die ungewöhnliche Maßnahme heizte die Konfrontation weiter an. Die Opposition reagierte entsetzt. Senator Randolfe Rodrigues sprach von einer autoritären Maßnahme. „Hoffentlich ist diese Nachricht unwahr“, kommentierte der oberste Richter Marco Aurélio Mello am Mittwochabend.

Zehntausende forderten den Rücktritt Temers und ein Ende der Sparpolitik, die derzeit im Kongress debattiert wird. Gewerkschafter und Aktivisten sozialer Bewegungen hatten zu dem Aktionstag aufgerufen. Als die Polizei der Demonstration den Weg versperrte, begann die Randale. Mehrere Ministerien wurden gestürmt. Im Agrarministerium wurde in der Eingangshalle Feuer gelegt, einige Büros wurden verwüstet. Die Polizei setzte Gummigeschosse ein und vernebelte das Regierungsviertel mit Tränengas. In Videos ist zu sehen, wie Polizisten mit Pistolen in Richtung Demonstranten schießen.

„Hoffentlich ist diese Nachricht unwahr“

Der Oberste Richter Marco Aurélio Mello zum Einsatz des Miiltärs

Der Druck auf Präsident Temer nimmt täglich zu. Seine Beliebtheitswerte liegen im einstelligen Bereich, und der Unmut über seine Reformagenda wächst. Eine Arbeitsrechtsreform soll längere Arbeitszeiten zulassen und die Aktivität von Gewerkschaften erschweren. Mit einer Rentenreform sollen die Lebensarbeitszeit verlängert und die Bezüge begrenzt werden. Für Regierung und Unternehmer ist es der einzige Weg, um die langanhaltende Wirtschaftskrise zu überwinden. Die Opposition legte bereits Ende April mit einem Generalstreik das öffentliche Leben in zahlreichen Städten lahm.

Doch nicht Proteste sondern Korruptionsenthüllungen haben Temer vergangene Woche an den Rand des Abgrunds gedrängt. In einem Audiomitschnitt plädiert er für Schweigegeldzahlungen an einen wegen Korruption inhaftierten Parteikollegen. Kronzeugen bezichtigen den 76-Jährigen und andere führende Mitglieder der Regierungskoalition, Millionen an Schmiergeld erhalten zu haben.

Einige tonangebende Medien wie der Konzern „Globo“ und auch bisherige Verbündete in Politik und Wirtschaft plädieren inzwischen für einen Führungswechsel. Sie befürchten, dass Temer nur zu einem Erstarken der Opposition führt. Hinter den Kulissen wird das Stühlerücken bereits vorbereitet – ohne Neuwahlen, wie sie die Opposition fordert. Finanzminister Henrique Meirelles gilt als aussichtsreicher Kandidat, um das Reformpaket durchzusetzen.