Die Kurtchen-Frage

HISTORIE Kehrtwende bei der CSU: Dem linken Kurt Eisner, der vor knapp 100 Jahren den Freistaat Bayern gründete, wird späte Anerkennung zuteil. 2018 gibt es einen Staatsakt

Kurt Eisner, links natürlich, neben dem bayerischen Gesandten Konrad von Preger Foto: Willy Römer/bpk

Aus München Dominik Baur

Über diese Auskunft der bayerischen Staatsregierung war Markus Rinderspacher nicht wenig überrascht. Wie man es denn mit Kurt Eisner halte, dem ersten bayerischen Ministerpräsidenten und Vater des Freistaats, wollte der SPD-Fraktionschef in einer schriftlichen Anfrage wissen. Wie bewerte man seine historische Rolle, wie stelle man sich künftig das Gedenken an den Revolutionär vor?

Für die CSU-Regierung ist das eine heikle Frage, fast schon die Gretchenfrage. Schließlich geht es um den ehrwürdigen Begriff des Freistaates, besser bekannt unter der lateinischen Bezeichnung: Republik. „Bayern ist ein Freistaat“, heißt es schon in der Landesverfassung. Nicht irgendwo, nein, Artikel 1, Absatz 1.

Nun ist es ein historisch belegtes, in konservativen Kreisen aber gut gehütetes Geheimnis, dass dieser Freistaat gar nicht der CSU zu verdanken ist, jener „Partei, die das schöne Bayern erfunden hat“, wie es Herbert Riehl-Heyse in einem Buchtitel formulierte. Denn die CSU wurde im Jahr 1945 gegründet – der Freistaat aber schon 1918 ausgerufen. Ein chronologisches Detail, über das sich in normalen Zeiten trefflich hinwegsehen lässt. Was aber, wenn ein so runder Geburtstag wie der hundertste ansteht?

Dann gibt es auch mal Überraschungen. „Außerordentlich positiv“, so antwortete nun das Kultusministerium, bewerte man die Rolle Eisners. Sei es mit Blick auf das Ende von Weltkrieg und Monarchie, die Einführung der Demokratie oder auch eine neue Friedensordnung in Europa. An seine „herausragende historische Leistung“ werde man bei einem Staatsakt am 8. November 2018 und im neuen Museum für Bayerische Geschichte in Regensburg erinnern.

Das ist neu. „Bisher hat Eisner der CSU ja fast schon als Feindbild gedient“, sagt Rinderspacher. Tatsächlich vereinte Eisner in seiner Person nicht gerade die Eigenschaften, derer es bedarf, damit einem christsoziale Herzen zufliegen. Er war Berliner, Intellektueller – und Linker.

1867 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Berlin geboren, trat Eisner 1898 in die SPD ein, war Chefredakteur des Vorwärts, später der Fränkischen Tagespost. 1910 verschlug es ihn nach München. Anfangs unterstützte er noch die Kriegskredite, dann aber wurde er zum radikalen Pazifisten. Als sich dann der Anti-Kriegs-Flügel der SPD als USPD abspaltete, folgte auch Eisner. Im Januar 1918 initiierte er in München einen Munitionsarbeiterstreik und kam für neun Monate ins Gefängnis.

Kaum entlassen, wurde Eisner zum Kopf der Revolution in Bayern. Es war der 7. November 1918, als sich Arbeiter, Soldaten und Frauen auf der Theresienwiese zur Friedensdemo versammelten. Eisner führte den Zug an, es ging von Kaserne zu Kaserne, im Mathäserbräu kam es zur Proklamation, die tags darauf auch in den Münchner Neuesten Nachrichten nachzulesen war: „Bayern ist fortan ein Freistaat.“ König Ludwig III. floh noch in der Nacht.

Eisner wurde erster Ministerpräsident, die Landtagswahl für den Januar angesetzt. Bei dieser kam die USPD auf gerade einmal 2,53 Prozent der Stimmen. Als sich Eisner am 21. Februar mit seiner Rücktrittsrede in der Tasche auf den Weg in den Landtag machte, wurde er von dem 22-jährigen antisemitischen Nationalisten Anton Graf von Arco auf Valley erschossen.

Nur rund drei Monate regierte Eisner seinen Freistaat, umso beachtlicher ist es, was er in dieser Zeit auf den Weg brachte: das Frauenwahlrecht, den Acht-Stunden-Tag oder die Abschaffung der kirchlichen Schulaufsicht. „Die 100 Tage der Regierung Eisners haben mehr Belebung der Geister gebracht als die 50 Jahre vorher“, sagte Heinrich Mann auf der Trauerfeier.

Trotzdem tat man sich noch in den Achtzigern schwer mit dem Gedenken an Eisner. 1969 stieß die Benennung einer kleinen Straße in der Hochhaus-Siedlung Neuperlach nach Eisner auf den Widerstand der CSU, 20 Jahre später folgte eine Debatte um ein Denkmal am Ort des Mordes. Man einigte sich auf ein unauffälliges, in den Gehsteig eingelassenes Bodendenkmal. Und als 1993 Renate Schmidt zu einem Festakt zum 75-jährigen Bestehen des Freistaats in die Residenz einlud, schickte ihr CSU-Chef Theo Waigel eine Absage. Die SPD-Chefin werde verstehen, dass „ich die Geburtsstunde des demokratisch verfassten Bayern nicht mit der Ausrufung der Räterepublik durch Kurt Eisner in Verbindung zu bringen vermag“.

Waigels eigenwillige Geschichtsdeutung – die Münchner Räterepublik wurde erst Wochen nach Eisners Ermordung ausgerufen – macht zumindest eines deutlich: Für das Museum der Bayerischen Geschichte besteht Bedarf.