Genossen Viele wichtige Politiker, mit denen die SPD in den Wahlkampf ziehen will, kommen aus Niedersachsen – wie schon zu Schröders Zeiten. Das Land ist ein ideales Biotop um zu lernen, was man als Sozi können muss: Strippen ziehen und unverwüstlich sein. Ein Leitfaden

Machtbasis Niedersachsen

von Stefan Reinecke
und Andreas Wyputta
und Stephanie Franziska Scholz(Illustration)

1. Hubertus Heil

Exwunderkind, 44, lebt in Peine, Wahlkreis in Gifhorn. Mit 22 Mitarbeiter im Landtag, mit 26 selbst im Bundestag. War Mitbegründer der Netzwerker, einer SPD-Organisation zwecks Durchsetzung eigener Karrierepläne. Mit Erfolg. 2005 wurde er jüngster Generalsekretär überhaupt. Unerreicht: Schon mit Mitte 30 wirkte er, als hätte er Erich Ollenhauer noch persönlich die Tasche getragen. Jetzt soll er als Generalsekretär dafür sorgen, dass die Terminplanung im Willy-Brandt-Haus so funktioniert, dass Pressekonferenzen auch wirklich stattfinden. Eine Herkulesaufgabe für den Lars Ricken der SPD.

Schulz-Faktor: 5

2. Boris Pistorius

57-jähriger Innenminister in Niedersachsen. Jurist, geboren in Osnabrück, Abitur in Osnabrück. Studium in Oldenburg, später Bürgermeister in Osnabrück. Seine Mutter war SPD-Landtagsabgeordnete in Hannover, er lebt mit Gerhard Schröders Exfrau zusammen. Mehr SPD-Niedersachsen in einem Leben geht nicht. Sein markig, militärisch-knappes Auftreten ist auch der Bundes-SPD aufgefallen. Jetzt soll er im Wahlkampf die rechte Flanke sichern, wie weiland Otto Schily. Das Problem: Leider kennt den Hardliner mit Augenmaß jenseits von Osnabrück und Oldenburg kaum jemand.

Schulz-Faktor: 4

3. Stephan Weil

Jurist, 58, ist niedersächsischer Ministerpräsident. Selten in Talkshows, weil er dort immer noch als Oberbürgermeister von Hannover geführt wird, ein Job den er von 2006 bis 2013 gewohnt unauffällig machte. Wurde in Hannover weltberühmt mit dem Satz „Ich bin nur ein einfacher, Bier trinkender Kommunalpolitiker“. Buddy von Thomas Oppermann, mit dem er in den 1970er-Jahren schon die Basisgruppe Jura in Göttingen in Tiefschlaf versetzte. Machte kürzlich Schlagzeilen, weil er die Dauerbotschaft aus dem Willy-Brandt-Haus „Martin Schulz wird das Steuerkonzept der SPD später vorstellen, weil alle Zahlen korrekt sein sollen“ kreativ interpretierte. Er stellte ein eigenes SPD-Steuerkonzept vor. Das größte Abenteuer in der Karriere des biertrinkenden Bürgermeisters.

Schulz-Faktor 0

4. Thomas Oppermann

63-jähriger Jurist aus Göttingen. Der SPD-Fraktionschef, soll im Wahlkampf als Bundeswehrexperte von der Leyens Krisenmanagement attackieren. Bundeswehr ist zwar nicht sein Fachthema, aber Oppermann kann das – er kann alles. Wird daher von jeder Talksshowredaktion zu jedem Thema eingeladen. Kann auch U-Ausschuss. Rettete dort mal Frank-Walter Steinmeier durch Schwerhörigkeit den Job: Kurnaz? Nie gehört. Problem: gilt als Bollwerk gegen Rot-Rot-Grün, die einzige vage Chance auf einen Kanzler Schulz. Aber: Der Fußballfan ist der Einzige, der beim FC Bundestag im selben Moment auf dem linken und rechten Flügel stürmt. Pflegt auch mit Sahra Wagenknecht „bürgerliche Umgangsformen“. Man weiß ja nie.

Schulz-Faktor 0 oder 10

5. Sigmar Gabriel

Lehrer für Deutsch und Politik, 57, aus Goslar. Seit er Außenminister ist, schnellen seine Popularitätswerte in die Höhe. Gabriel hält das für sein Verdienst, ist es aber nicht. Um als Außenminister in Deutschland unbeliebt zu sein, muss man der Queen in den Schritt greifen. Mindestens.

Schulz-Faktor: je nach Tagesform.

6. Frank-Walter Steinmeier

Jurist, Bundespräsident, 61. War mal Gerhard Schröders „Mach mal Frank“, der Mann, der die Akten sortiert. Prototyp der niedersächsischen Art Politik in Verwaltung umzudeuten. Erfand die Agenda 2010 und gilt als nachdenklicher Technokrat. Wo Steinmeier ist, ist die Mitte. Immer. Hat sich als Bundespräsident das mittigste Thema – Demokratie – ausgesucht. Weil dagegen niemand so richtig ist, hört kaum jemand zu.

Schulz-Faktor: mittige 5

7. Doris Schröder-Köpf

Expartnerin von Exkanzler Schröder, Exjournalistin, 53. Seit 2013 SPD-Landtagsabgeordnete in Hannover. In ihrem Wahlkreis gab es ein Zweitstimmenmehrheit für die SPD, aber nicht für sie. Wer mal ein eigenes Büro im Zentrum der Macht hatte, mit Putin speiste, gilt dann doch als basisfern. Ist Landesbeauftragte für Migration und mildert damit hübsch das Hardliner-Image ihres neuen Partner ab: Boris Pistorius.

Schulz-Faktor: 0