Zwischen Zank und Zweifel

SCHLAGLOCH VON HILAL SEZGIN Einblick in eine muslimische deutsche Seelenlage

Ein weiterer Ramadan neigt sich dem Ende zu, und es wird von Jahr zu Jahr schwerer, die Tradition der inneren Einkehr mit Leben zu füllen. Dabei denke ich nicht an die langen sommerlichen Fastenzeiten, sondern ich meine das mit dem islamistischen Terrorismus. Oh, wie bin ich es leid, dieses Thema „Islam und Terrorismus“!

Was eine recht egozentrische Aussage ist angesichts der Tatsache, dass Menschen durch Terrorismus sterben. Sie sind nicht bloß das Thema leid, sondern erleiden tatsächlich Gewalt, Tod und Verlust ihrer Nächsten. Kann man sich dennoch darüber beklagen, dass man bei jedem Ramadan Angst haben muss, dass der heilige Monat durch Gewalt entweiht wird?

Hilal Sezgin

Foto: Ilona Habben

geboren 1970, lebt als freie Schriftstellerin und Journalistin in der Lüneburger Heide. Zuletzt erschien von ihr in Buchform: „Artgerecht ist nur die Freiheit. Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen“, Verlag C. H. Beck 2014.

Ein Thema wie ein Minenfeld

Bei dem Friedensmarsch in Köln, aber auch sonst überall in Deutschland sagen Muslime: „Unser Islam ist das nicht, wir können und wollen nicht nachvollziehen, wie ihr behauptet, aus dem Koran ein solches Morden abzuleiten!“ Wir tun dies nicht nur, aber auch in unserem eigenen Interesse: Wir versuchen etwas, das uns so wichtig und eben heilig ist, zurückzufordern von denen, die es zu Mordinstrumenten verbiegen. Sobald man in die Nachrichtenportale schaut, wird man durch die Bluttaten und die Propaganda jener Leute in seinen Bemühungen gestört, die Segnungen des Ramadan zu empfangen. Ich empfinde es fast ein wenig so, als wollten diese Terroristen uns den Ramadan „stehlen“.

Und noch mal die Erinnerung: Uns wird ja bloß der Ramadan gestohlen; anderen ihr Leben. Dieses gesamte Thema ist ein Minenfeld, metaphorisch gesprochen. Kurz nachdem ich derjenigen Europäer*innen gedacht habe, die in diesem Ramadan ihr Leben durch islamistischen Terror verloren, überlege ich: Wie viele Fastende starben eigentlich durch Angriffe von Drohnen? Oder durch weißen Extremismus? In London, wo Muslime auf dem Heimweg vom Nachtgebet gezielt mit einem Lkw angefahren wurden, wurde der Ramadan nicht „nur“ durch Muslime, sondern auch durch deren Feinde bedroht.

Natürlich kann man die eine Form des Terrorismus nicht mit einer anderen aufrechnen, Tote nicht gegen Tote, und ich will sie auch nicht aufrechnen. Aber es schießen unzählige Argumente, Gegenargumente und Fragen aus mir heraus: Sind Terroristen überhaupt Muslime? Sind Menschen, die am Vorabend ihrer Bluttat alkoholisiert einen Stripclub besuchen, tatsächlich Muslime? Sind Teenager, die sich dem IS anschließen, so wie andere Egoshooter spielen, wirklich Muslime – oder einfach junge Menschen, die mit ihren Hormonen, ihrer Hoffnungslosigkeit und den widersprüchlichen Anforderungen, die die Erwachsenenwelt an sie stellt, nicht zurande kommen? Wurden die, die im Nahen Osten unter mit islamischen Formeln geschmückten Fahnen morden und vergewaltigen, wirklich von unterkomplex interpretierten Koranversen in ihrem Irrglauben bestärkt – oder wären sie unter ganz anderen Umständen vielleicht, keine Ahnung, antiterrestrische Marsianer geworden?

War die RAF wirklich „links“ – arbeitet jemand, der Individuen „für die Sache“ ermordet, im Sinne einer zu befreienden Menschheit? Ist ein Philosoph, der sein Denken und Schreiben mit dem nationalsozialistischen Gedankengut treiben lässt, ja sogar aktiv am Ausheben des Flussbetts mitarbeitet wie Heidegger, ein Philosoph? Ist ein Mann, der Sohn oder Tochter sexuelle Gewalt antut, wirklich Vater? Sind „Vater“, „Philosoph“, „Muslim“ normative Begriffe oder soziologisch-deskriptive Kategorien? Reicht die Selbstbezeichnung zu ihrer Legitimation?

Schon kann ich sie hören, die Stimmen, die sagen: „Sie versucht abzulenken, indem sie von einem Thema zum nächsten überwechselt …“ Aber ich versuche nicht abzulenken! Im Gegenteil, ich bemühe mich seit vielen Stunden und Tagen schon, beim Thema zu bleiben. Doch es gestaltet sich unmöglich. Darum habe ich den Plan aufgegeben, aus dieser Kolumne einen stringenten Text zu machen. Das Einzige, was ich anbieten kann, ist der Einblick in eine muslimische deutsche Seelenlage; das Durcheinander, das ich hier zeige, findet sich bei Abertausenden von deutschen Musliminnen und Muslimen.

Selbstverteidigung

Ich versuche es noch einmal anders. Erinnert sich jemand an Frantz ­Fanons Buch „Schwarze Haut, weiße Masken“? Ein Thema dieses antikolonialistischen Klassikers ist die internalisierte Selbstabwertung von Menschen, die dem Rassismus unterworfen sind. Von den Weißen werden sie als minderwertig stigmatisiert, aber sie können sich selbst nicht als vollwertig betrachten, ohne den Beweis unternehmen zu wollen, so zu sein wie die Weißen.

Auf unser Thema übertragen: Ein Mensch, der viel Gegenwind von der Mehrheitsgesellschaft erfährt, ist so stark mit Selbstverteidigung beschäftigt, dass er kaum mehr zu richtigem Nachdenken findet; gleichzeitig hat er oder sie auch die bedrängenden, schmähenden, an Unterstellungen reichen Stimmen im Kopf.

Sind Terroristen, die am Vorabend ihrer Bluttat alkoholisiert einen Stripclub besuchen, Muslime?

Wir Muslim*innen mit den nichtmuslimischen Masken, wir hören alle Stimmen auf einmal auf uns einprasseln. In uns. Die gläubig-muslimischen, die terroristisch-muslimischen, die antimuslimischen Stimmen. Wir hören die Erinnerung an das, was die Eltern einem über Religion, Menschlichkeit, Gottergebenheit und Frieden beigebracht haben, und das Echo der Nachrichten von neuerlichen Anschlägen.

Wir fühlen uns unfair behandelt, weil die Medien anscheinend jeden gewalttätigen muslimischen Teenager als „Terroristen“, jeden weißen vierzigjährigen Gewalttäter aber als „geistig Verwirrten“ bezeichnen. Gleichzeitig wollen wir nicht überempfindlich oder paranoid werden. Immer öfter denke ich an die Stimme eines Imams, der mir neulich sagte: „Ich weiß, wir sollen an die Vorsehung glauben. Aber wenn ich mir das so anschaue, komme ich ins Zweifeln, ob das von Gott wirklich so geplant war.“

Ja, Stimmengewirr und Zank und Zweifel … Liebe Leserinnen und Leser, haben Sie irgendwie die Orientierung verloren? Ist dieser Text ein Labyrinth ohne den Faden der Ariadne? Gut, dann sind wir angekommen, hinter der Maske.