Hunger in Afrika

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Millionen von Menschen verloren im Boko-Haram-Krieg ihre Lebensgrundlage. Ein Einblick in die Schwierigkeiten, humanitäre Not zu lindern.

Eine Frau sitzt auf einer Matratze. Neben ihr Gepäckstücke

Ummul Mohamed floh vor drei Jahren vor Boko Haram Foto: Katrin Gänsler

YOLA taz | Das winzige Haus, das nur aus einem Zimmer besteht, ist sorgfältig aufgeräumt. In drei Koffern und ein paar Plastiktaschen hat Ummul Mohammed all das verstaut, was ihr und ihren vier Kindern geblieben ist. Eine kleine Matratze muss für die Familie reichen.

Seit drei Jahren lebt die 26-Jährige schon so in Sangere Futy, einem Vorort der Provinzhauptstadt Yola. „Geflohen bin ich aus meinem Heimatort Madagali“, sagt die Frau mit dem runden Gesicht stockend. Grund für die Flucht war die Terrorgruppe Boko Haram, die sich 2014 aus ihren nordostnigerianischen Hochburgen immer weiter in Richtung Süden ausbreitete, mordete, vergewaltigte, entführte und plünderte.

Seitdem ist Mohammed, die früher als Schneiderin arbeitete, auf Hilfe angewiesen. Schon die Miete für das Zimmer – umgerechnet 2,50 Euro pro Monat – bereitet Schwierigkeiten. „Ich bin sehr froh, dass es Unterstützung gibt“, sagt sie. In ihrem Fall ist das die katholische Diözese Yola, die Binnenflüchtlinge mit Lebensmittelspenden unterstützt, allerdings kein Bargeld gibt.

Ausreichend ist das jedoch nicht, weshalb Mohammed nach Gelegenheitsjobs sucht. Manchmal jätet sie dafür Unkraut. Gerade in sogenannten Gastkommunen, wo zwei Drittel der Binnenflüchtlinge leben, verläuft die Hilfe eher unauffällig und informell. Auch Hausbesitzer fordern mitunter nur reduzierte Mietpreise. „Ohne diese Unterstützung könnte ich gar nicht überleben“, sagt Ummul Mohammed und weiß gleichzeitig: Die Lage zahlreicher Binnenvertriebener weiter im Norden ist noch wesentlich dramatischer.

Bis heute verzeichnet Nigeria mehr als 1,7 Millionen Binnenflüchtlinge im Boko-Haram-Kriegsgebiet, vorwiegend im Bundesstaat Borno, aber auch in Adamawa und Yobe. Unterstützung zum Überleben brauchen laut OCHA, der Nothilfekoordination der Vereinten Nationen, aktuell sogar 8,5 Millionen Menschen. 5,2 Millionen sind auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Dabei ist das Ausmaß der Katastrophe seit einem Jahr relativ gut bekannt. Im Juli 2016 schätzte der UN-Sicherheitsrat bereits, dass 9,2 Millionen Menschen im Nordosten Nigerias humanitäre Hilfe benötigen. Erschreckende Bilder der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) sorgten damals für einen Aufschrei.

Der ist längst verhallt. In Nigeria beeilen sich Regierungsmitarbeiter zu versichern, dass immer mehr Binnenflüchtlinge in ihre Heimatdörfer zurückkehren. Ende Juni ließ die nigerianische Luftwaffe Fotos veröffentlichen, auf denen Soldaten offenbar Nahrungsmittelpakete verteilen. Doch solche Einzelaktionen passieren meist planlos und wirken wenig nachhaltig.

Im Bundesstaat Adamawa sinkt die Zahl der Vertriebenen tatsächlich mit jedem Monat. Laut Internationaler Organisation für Migration (IOM) sind es aktuell 140.875. Für Maurice Kwairanga, der das Komitee für Gerechtigkeit, Entwicklung und Frieden (JDPC) leitet und ein Flüchtlingscamp rund um die katholische Kathedrale betreut, ist damit aber auch die Unterstützung komplett zum Erliegen gekommen. „Seit einem Jahr sind wir auf Spenden aus unserer Kirchengemeinde angewiesen“, sagt der Priester, der für die Versorgung von über 400 Menschen verantwortlich ist. Internationale Gelder gebe es nicht. „Wenn es Hilfe gibt, dann konzentriert sie sich auf Borno.“

Doch auch dort, in Boko Harams einstigem Kernland, verbessert sich die Lage höchstens langsam, wenn überhaupt. IOM berichtet, dass bis heute drei Landkreise an den Grenzen zu Niger und dem Tschadsee schon für Datenerhebungen nicht zugänglich seien.

Das beklagt auch das ­UN-Welternährungsprogramm WFP in seinem aktuellen Lagebericht: „Die Unsicherheit unterbricht die Lebensmittelverteilung und verschlimmert die schreckliche Situation noch.“ Auf der WFP-Verteilungskarte sind viele weiße Flecken.

Ungewöhnlich heftige Regenzeit

Nun könnte die Regenzeit Hilfe komplett zum Erliegen bringen. In vielen Regionen Westafrikas hat es in den vergangenen Wochen ungewöhnlich heftig geregnet. Mitte Juli starben in Suleja, einer Satellitenstadt 50 Kilometer außerhalb der Hauptstadt Abuja, an einem Wochenende elf Menschen in den Fluten. Im Nordosten kann Regen dazu führen, dass „Gebiete komplett von der Außenwelt abgeschnitten“ werden, so MSF.

Der Ort Rann etwa, der schon jetzt nur schwer zugänglich ist, könnte dann nur noch per Hubschrauber erreicht werden. Betroffen wären davon mehr als 40.000 Menschen. Laut MSF hat es bereits einen Hepatitis-A-Ausbruch gegeben, und das Risiko für Cholera gilt als erhöht.

Ähnlich düster bewertet der Norwegische Flüchtlingsrat (NRC) die Lage. Cheick Ba, Landesdirektor in Nigeria, schätzt, dass in der Region schon jetzt 450.000 unterernährte Kinder leben, und warnt vor einer Verschärfung der Krise. „Unsicherheit hält die Menschen davor ab, ihre Felder zu bewirtschaften. Gleichzeitig haben sie nur zu lokalen Märkten Zugang.“ Und auch wenn, wie in einigen Regionen im Süden Bornos sowie im Norden Adamawas, die Ackerflächen nach jahrelanger Pause wieder bestellt werden können, bleibt ein anderes Problem bestehen: Die Menschen haben weder Geld für Saatgut noch für Dünger.

Nigeria

Die Lage: 50.000 Menschen leiden unter der Hungersnot, 5,2 Millionen unter Ernährungsunsicherheit. Das sind 3 Prozent der Gesamtbevölkerung – aber im Nordosten die Mehrheit.

Der Grund: Der Krieg zwischen Armee und den Islamisten von Boko Haram im Nordosten trieb zwei Millionen Menschen in die Flucht, die Landwirtschaft brach zusammen. Noch immer sind 1,7 Millionen Vertriebene übrig.

Das Problem: Weite Gebiete bleiben unsicher, manche unzugänglich. Vertriebene werden schlecht versorgt, Rückkehrer stehen vor dem Nichts.

Die Hilfe: Der UN-Hilfsappell von 730 Millionen US-Dollar (624 Millionen Euro) ist zu 51 Prozent finanziert. 2,14 Millionen Menschen werden versorgt.

Jemen

Die Lage: 6,8 Millionen Menschen sind von Hunger bedroht, 17 Millionen von Ernährungsunsicherheit – zwei Drittel der Bevölkerung. An der Cholera starben bis 19. Juli 1.828 Menschen.

Der Grund: Krieg zwischen schiitischen Huthi-Rebellen in der Hauptstadt Sana’a und der Regierung in Aden.

Das Problem: Saudi-Arabien, Verbündeter der Regierung, bombardiert das Rebellengebiet und blockiert den Hafen Hudeidah am Roten Meer. Gesundheitssystem und Wasserversorgung sind zusammengebrochen. Ein Waffenembargo gegen die Kriegsparteien ist in der UNO nicht durchsetzbar.

Die Hilfe: Der UN-Hilfsappell von 1,78 Milliarden US-Dollar (1,52 Milliarden Euro) ist zu 48 Prozent finanziert. Nur 4,3 Millionen Hungernde werden versorgt.

Somalia

Die Lage: 3,1 Millionen Menschen sind von Hunger bedroht, 6,7 Millionen leiden unter Ernährungunsicherheit. Das sind 40 Prozent der Bevölkerung.

Der Grund: Eine Dürre hat zu Ernteausfällen und dem Tod der Mehrheit der Viehherden geführt. Dazu kommt jahrzehntelanger Bürgerkrieg im Süden.

Das Problem: Die Regierung in Mogadischu kontrolliert nur kleine Gebiete, das Land ist für Helfer kaum zugänglich. Das unabhängige Somaliland im Norden, wo Dürre und Hunger am größten sind, wird nicht anerkannt.

Die Hilfe: Der UN-Hilfsappell von 1,21 Milliarden US-Dollar (1,03 Milliarden Euro) ist zu 46 Prozent finanziert. Von 6,7 Millionen Hungernden ­werden 2,5 versorgt.

Südsudan

Die Lage: Zehntausende Menschen leiden unter Hunger, 6 Millionen sind von der Hungersnot bedroht – die Hälfte der Bevölkerung. 1,95 Millionen Südsudanesen sind in Nachbarländer geflohen, 2 Millionen im Land vertrieben.

Der Grund: Krieg zwischen der Regierung in der Hauptstadt Juba und Rebellen, dazu ethnische Vertreibungen und fast kompletter Wirtschaftskollaps.

Maurice Kwairanga, Priester und Flüchtlingshelfer

„Wir sind auf ­Spenden aus unserer Kirchengemeinde angewiesen“

Das Problem: Weite Landesteile sind vor allem in der Regenzeit nicht zugänglich. Die Regierung erschwert Hilfe, alle Kriegsparteien lassen Hilfe nur eingeschränkt zu. Ein Waffenembargo gegen die Kriegsparteien ist in der UNO nicht durchsetzbar.

Die Hilfe: Der UN-Hilfsappell von 1,25 Milliarden US-Dollar (1,07 Milliarden Euro) ist zu 56 Prozent finanziert. 3,8 Millionen Menschen werden versorgt.

Die nächsten Krisen

Zentralafrikanische Republik: In diesem Jahr sind erneut bewaffnete Konflikte ausgebrochen. Milizen terrorisieren weite Landstriche, während die gewählte Regierung kaum Macht außerhalb der Hauptstadt Bangui hat. Eine Million Menschen sind auf der Flucht, 2,4 Millionen Menschen sind von Nothilfe abhängig – über die Hälfte der Bevölkerung. UN-Untergeneralsekretär Stephen O’Brien sprach am 15. Juli von „einem der gefährlichsten Länder der Welt“.

Demokratische Republik Kongo: In diesem Jahr hat sich der Terror von Armee und Milizen über die Hälfte des Staatsgebietes ausgebreitet, 3,8 Millionen Menschen sind vertrieben, mehr als je zuvor. UN-Hilfsappelle sind dramatisch unterfinanziert: 7,5 Millionen Menschen – ein Zehntel der Bevölkerung – sind von Nothilfe abhängig, aber nur 1,1 Millionen davon werden von Hilfswerken versorgt. Die Zahl der Vertriebenen steigt wöchentlich. UN-Untergeneralsekretär Stephen O’Brien warnte am 21. Juli: „Wie viele Hinweise brauchen wir noch, um uns mehr anzustrengen?“ (d.j.)

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