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Altes Gold

Das Thema ist aktueller denn je – aber schon seit 600 Jahren kümmern sich in Hamburg Stiftungen um Wohnungen für besonders Bedürftige

Das „Schwarze Schloss von Altona“: Der 1901 fertiggestellte Von-Nyegaard-Stift zählt zu Hamburgs bekannteren Wohnstiften. Bis heute leben dort alleinstehende SeniorinnenFoto: Archiv

Von Adèle Cailleteau

Wohnungsnot ist in Hamburg nicht erst heute aktuell, sie war es auch schon im 15. Jahrhundert. Davon künden die heute immer noch rund 100 Wohnstifte, Wohnanlagen also, gestiftet, um besonders bedürftigen Gruppen ein Dach über dem Kopf zu gewähren, alten Menschen etwa oder Witwen. Einige Wohnstifte tun das seit fast 600 Jahren.

Drei dieser Stifte sind jetzt Teil einer Initiative namens „Perlen polieren“. Denn das seien sie ja, „Perlen“, so empfinden es die Initiatoren: Kostbarkeiten von besonderem Wert. Neben der Patriotischen Gesellschaft von 1765 engagieren sich in der Initiative noch der alternative Bauträger Stattbau Hamburg sowie die Homann-Stiftung, die sich auch sonst für alte Menschen, Familien und Studenten engagiert.

Lange Wartelisten

Die bezeichnenderweise sogenannte Stiftstraße liegt in einer ruhigen Ecke des Stadtteils St. Georg. Hier gibt es neben der Amalie-Sieveking-Stiftung auch die Hartwig-Hesse-Stiftung, die an verschiedenen Standorten Wohnungen an alte, arme und kranke Menschen vermietet. Hier in St. Georg finden sich unter den Bewohnern etliche, die schon im Viertel wohnten, als über Gentrifizierung und Verdrängung noch niemand sprach. Die Netto-Kaltmiete der Hartwig-Hesse-Stiftung liegt bei gerade mal sechs Euro – nicht weit von hier sind zweistellige Quadratmeterpreise die Regel. Das Viertel sei jedoch noch ausreichend durchmischt, sodass man hier auch mit einem geringeren Einkommen noch zurecht komme, sagt Johannes Jörn von der Patriotischen Gesellschaft.

Wie in der Mehrheit der anderen Hamburger Wohnstifte wohnen in der Hesse-Stiftung hauptsächlich Menschen über 60 Jahre, viele haben wenig Geld, manche sind dement. Um hier unterzukommen, ist ein Wohnberechtigungsschein nötig. Trotzdem sei die Warteliste „sehr, sehr lang“, sagt Maik Greb, Geschäftsführer der Stiftung. „Wir könnten locker noch 1.000 Wohnungen vermieten.“ Die Hamburger Wohnstifte besitzen insgesamt aber nur etwa 5.000 Wohneinheiten, dazu pachten einige auch nur.

Neben einigen größeren sind darunter viele kleinere Stiftungen, manche stellen Wohnungen für weniger als 40 Menschen zur Verfügung. Gerade solch kleine Strukturen sind allerdings zerbrechlich: Sie aufrecht zu erhalten, das erledigen oftmals einzelne, engagierte Menschen. Was aber wird aus diesen Wohnstiften werden, wenn sich keine neuen Ehrenamtlichen finden? Wegen solcher Fragen gibt es die Initiative „Perlen polieren“. Ihr Ziel: Hamburgs Wohnstifte zu erhalten und, mehr noch: zukunftsfähig zu machen. Das Netzwerk soll eine „Servicestelle für Wohnstifte“ schaffen, sagt Ulrike Petersen von Stattbau. Arbeiteten die verschiedenen Stifte zusammen, hätten sie bessere Chancen, ihre Probleme zu lösen. Eine Studie der Initiative zieht die Schlussfolgerung, dass „etliche Stiftungen vor ähnlichen Problemen und Fragestellungen stehen, ohne voneinander zu wissen“.

Die größten Probleme macht das Geld, oder genauer: die Finanzierung etwa der Instandhaltung oder gar Modernisierung. Laut der Erhebung von „Perlen polieren“, ist jedes vierte befragte Stift seit mehr als 25 Jahren nicht saniert worden. Daher ist auch rund ein Drittel der Gebäude nicht barrierefrei.

Die beste Initiative freilich kann das größte Pro­blem nicht lösen: Es gibt in Hamburg einfach nicht genug Wohnraum. Gemäß einer Studie des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft von Anfang des Jahres sind zwischen 2011 und 2015 nur 38 Prozent der benötigten Wohnungen tatsächlich gebaut worden. Hamburg braucht Schätzungen zufolge jährlich etwa 15.000 neue Wohnungen, das „Bündnis für das Wohnen“, das der Senat mit den Branchenverbänden geschmiedet hat, hat sich 10.000 Wohnungen im Jahr zum Ziel gesetzt; das sind zwar immer noch mehr als die ursprünglich ins Auge gefassten 6.000 neuen Wohnungen, aber eben immer noch zu wenig.

Denn Hamburg wächst, bis zum Jahr 2035 dürfte die Einwohnerzahl um 162.000 steigen – dann wäre die Zwei-Millionen-Marke geknackt. Das Bauen muss diesem Rhythmus folgen. Die Wohnstifte aber haben noch einen weiteren Wunsch: Sie fordern, dass einfacher zu nutzende Förderprogramme aufgelegt werden, damit wenigstens vorhandene „Perlen“ leichter poliert werden können.

www.perlen-polieren.de