Katrin Seddig
Fremd und befremdlich

Warum die Aufregung über Weihnachts-märkte mühsam ist

Foto: Lou Probsthayn

Wie wir alle seit der „Flüchtlingswelle“ wissen, ist die heilige Tradition des Weihnachtsmarktes bedroht von Gutmenschen, die es den Muslimen recht machen wollen und den Weihnachtsmarkt aus Gründen der Pietät nicht mehr Weihnachtsmarkt nennen, sondern ANDERS.

Ein Weihnachtsmarkt, der nicht mehr Weihnachtsmarkt heißt, sondern ANDERS, ist ein Zugeständnis an die Muslime, die es nicht aushalten würden, dass man das Wort „Weihnachten“ in den Mund nimmt. Heißt ein Weihnachtsmarkt stattdessen Wintermarkt, dann stürmen bekanntlich auch die Muslime den Weihnachtsmarkt, der jetzt zum Beispiel Wintermarkt heißt, um Glühwein zu saufen und kandierte Mandeln zu essen. Irgendwie so muss es wohl sein.

Es scheint kein großer Zweifel daran zu bestehen, dass Muslime sich an der bloßen Nennung des Wortes „Weihnachten“ stören könnten. Wenn dem tatsächlich so ist, frage ich mich, wie überstehen die Muslime dann die Zeit vor Weihnachten? Halten sie sich die Ohren zu, gehen sie mit geschlossenen Augen umher? Sehen sie niemals fern oder hören sie niemals Radio, gehen sie in keine Geschäfte oder unterhalten sie sich niemals mit anderen nichtmuslimischen Menschen?

Weihnachten ist in den Wochen vor dem eigentlichen Fest dermaßen präsent, dass es auch einem großen Freund dieses Festes, wie mir zum Beispiel, sehr bald unerträglich wird. Weihnachten ist auf jedem Kanal, in jedem Ohr, wenn man auch nur im Supermarkt eine Makrele kaufen will, in der Tankstelle, beim Frisör, in der U-Bahn, Weihnachten ist überall! Niemand kann Weihnachten ausweichen, ihm entfliehen, und das über Wochen. Weihnachtsmänner krabbeln über die Wurstverpackung, über die Fassaden, über die Pullover, sie kommen aus dem Kosmetikstand gekrochen, sie streichen durch die Gänge der Busse und der U-Bahnen.

Weihnachtsmusik! Überall und zu jeder Zeit quillt sie aus den Lautsprechern aller Geschäfte, der öffentlichen Orte, der Kirchen, der Schulen, der Sportvereine, es gibt kein Entkommen. Es gibt keine weihnachtsfreien Zonen.

Ein Weihnachtsmarkt, der Wintermarkt heißt, zum Beispiel, ist immer noch so vollgestopft mit Engeln und Zimt und Nussknackern und klingelnden Glöckchen, so voll mit Techno-Weihnachtsliedern, swingenden Weihnachtskapellen, brutzelnden Kastanien und betrunkenen Jungmännern mit Zipfelmützen aus dem Ein-Euro-Laden, dass es vollkommen egal ist, wie er heißt. Er ist Weihnachten in Extremform.

Katrin Seddig ist Schriftstellerin in Hamburg mit einem besonderen Interesse am Fremden im Eigenen. Ihr neuer Roman „Das Dorf“ ist kürzlich bei Rowohlt Berlin erschienen.

In Hamburg gibt es übrigens viele Weihnachtsmärkte, die nicht Weihnachtsmarkt heißen. Es gibt den „Wandsbeker Winterzauber“ zum Beispiel, es gibt „Santa Pauli“, oder „Weißer Zauber“ am Jungfernstieg, es gibt „Winterpride“ in St. Georg oder „Schwimmender Nikolausmarkt“, es gibt den „Veganen Wintermarkt“ auf St. Pauli oder den „Blankeneser Wintermarkt“. Es gibt noch viele mehr, die nicht Weihnachtsmarkt heißen und es gibt jede Menge, die doch Weihnachtsmarkt heißen. Die ersten sind für Frau Steinbach, damit sie die Muslime oder die Gutmenschen dafür verantwortlich machen kann, dass diese Märkte nicht mehr Weihnachtsmarkt heißen, wie sie es in ihrem Tweet zum Lichtermarkt in Elmshorn getan hat. Bis ihr die Finger wund werden, soll sie weitertwittern, damit sie keinen Weihnachtsmarkt, der nicht Weihnachtsmarkt heißt, auslässt.

In manchen Gegenden heißt es Adventsmarkt oder Christkindl-Markt. Damit kann sie sich auch mal befassen. Weihnachten, dieses gefräßige, unmäßige, unbescheidene, konsumgeile Fest, das ich immer noch so gern feiere, mit der Familie, mit zu viel Fernsehen, mit zu viel Essen, und auch mit schlechtem Gewissen, es ist omnipräsent.

Kein Muslim wird diesem aufdringlichen Fest entfliehen können. Ich weiß von einigen, die es sogar mögen, die die Lichter mögen und auch den Konsum. Noch nie aber habe ich gehört, dass sie verlangen, dass ein Weihnachtsmarkt umbenannt werden soll. Es ist bloß ein infantiles Geheul: Die Muslime haben mir meinen Weihnachtsmarkt weggenommen, huuuuh!