Vom Schaffen eigener Wahrheiten

Der 100. Geburtstag von Heinrich Böll und „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ im Kleinen Theater

Heinrich Böll hatte stets ein kompliziertes Verhältnis zu den Deutschen – und die Deutschen zu ihm. Als würde er kaum im Deutschunterricht behandelt, verblasst er gar in der Wahrnehmung jüngerer Generationen. Vor Kurzem wurden Studenten am U-Bahnhof vor der Freien Universität zu ihm befragt, viele kannten ihn nicht einmal. Um sein historisches wie literarisches Vermächtnis nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, entschied sich seine Familie jüngst bislang unveröffentlichte Kriegstagebücher zu publizieren.

Natürlich gibt es auch einen besonderen Anlass: Heinrich Böll wäre heute 100 geworden. Anlass genug auch für das Kleine Theater im Berliner Westen, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ auf die Bühne zu bringen. Das Werk war eine Reaktion auf die Unterstellungen in der Berichterstattung der Springer-Presse, er, Böll sympathisiere mit der RAF. Deshalb wurde das Protokoll einer Liebe und der Verbrechen, die sie bedingt und zur Folge hat, oft als „Terroristenroman“ missverstanden.

Vorab stellt sich aber die Frage: Böll auf der Bühne – kann das überhaupt funktionieren? Den beinahe wie ein Protokoll geschriebenen Roman theaterfähig zu machen, das braucht mindestens Mut – den das Kleine Theater offensichtlich hat. Das Ensemble ist ebenso klein wie ausdrucksstark. Gerade die Darstellerin Sybille Weiser als Katharina Blum ist mit ihrer unerklärlichen Mischung von Unschuld und Verruchtheit in der Stimme eine einzige Freude, sie schafft den Spagat zwischen ihrem Spitznamen „die Nonne“ und unsichtbarer Erotik, tänzelt auf diesem schmalen Grat.

Kommissar Beizmenne, der alte Chauvinist, wirkt ein bisschen wie eine Melange von Liam Neeson und Al Bundy, nicht nur habituell: der einfache Mann am Rande zum Groben auf der Jagd nach Verbrechern. Den nimmt man ihm ab. Zu jeder Zeit aber ist die Kenntnis der Geschichte mindestens von Vorteil, entscheidende Details könnten sonst gar nicht oder wenigstens falsch verstanden werden. Das stets schlichte Bühnenbild lässt der Fantasie Räume, die vom donnernden Tastenanschlag aus der Redaktion der „ZEITUNG“ gefüllt werden. Gerade so noch bleibt Platz zum Nachdenken über die Wahrheiten, die nicht nur dieses Boulevardblatt sich schafft. Was der Bühne visuell abgeht, schafft häufig die Geräuschkulisse mit drückender und eindringlicher Atmosphäre auszugleichen.

Gleichzeitig tut sich die Inszenierung in der Regie von Karin Bares hier und da mit dem Protokoll selbst schwer, an mancher Stelle kommt sie dem schnellen Takt ebendieser Erzählform nicht hinterher. Das soll keineswegs bedeuten, dass jemals wirklich Ruhe einkehrte – rasche Szenenwechsel, spürbarer Dauerstrom auf der kleinen Bühne und im ganzen Saal davor. Peng! Irgendwann ist es dann doch still. Alles still.

Das Stück endet anders als der Film und anders als das Buch, das Böll selbst ein als Erzählung verkleidetes Pamphlet nennt, die Geschichte bleibt aber gut getroffen, die Wirkung ist da, harmlos ist sie selten, das ist gut. Was bleibt, ist das Verlangen, sich mit einem auseinanderzusetzen, der zeitlebens für politischen Diskurs und dessen Ästhetik, für die Kultur des Widerstands und für die Macht der Worte statt der des Schwertes focht.