boulevard der besten

Katja
Kullmann

Foto: Nane Diehl

Seit einigen Wochen, seit dem Spätsommer, hat die taz im Maschinenraum dieser Zeitung, zuständig für die Schwerpunkte der ersten Seiten, eine Neue: Katja Kullmann, Jahrgang 1970, aufgewachsen in Bad Homburg, „aber nicht im reichen Teil“.

Diese Kollegin ist Themenplanerin, checkt die Nachrichtenlage, koordiniert die ersten Seiten. Sie arbeitete zuvor bei der Wochenzeitung Freitag und sagt: „Ich bin zur taz gekommen, weil ich am Zeitungmachen interessiert bin, nicht, weil ich eine Familie suche.“

Kullmann ist wahrlich keine Newcomerin – sie kennt den Medienbetrieb in jeder Hinsicht, und dieser sie. Sie, die in Frankfurt am Main Politik und Sozialwissenschaften studierte und dort den französischen Soziologen Pierre Bourdieu als einen ihrer Diskursfixsterne entdeckte, hat bei der Deutschen Presse-Agentur volontiert, bei Wirtschaftsmedien der Gruner-&-Jahr-Gruppe gearbeitet, für etliche Zeitungen als famose Autorin geschrieben – und etliche ziemlich populär gewordene Bücher verfasst.

Was an der taz das Besondere ist, muss sie nicht erst kennenlernen, gar wünschen: Diese Zeitung versteht sich ja prinzipiell als linkes Blatt. Was aber genau links bedeutet? Wie kann der Begriff außer als Identitätsformel in journalistischer Hinsicht verstanden werden?

Kullmann sagt unumwunden: „Ich weiß gar nicht, ob es ,linken Journalismus‘ wirklich gibt. Als bloßes Label interessiert mich das jedenfalls nicht. Die Aufgabe von Journalismus ist es, Missstände aufzuzeigen, etwa Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Insofern ist Journalismus, wie ich ihn verstehe und ernst nehme, eigentlich immer Pi mal Daumen links.“

Für die taz geschrieben hat sie schon, ehe sie zu unserer Zeitung kam. 2013 etwa, in einer Debattenreihe zur Globalisierung unter dem Titel „Weltbürger, vereinigt euch!“ – ein Text zum grenzenlosen kosmopolitisch operierenden Kapitalismus, gegen den sich eine nicht minder kosmopolitisch gesinnte Gegenbewegung stellt.

Ihre Aufmerksamkeit, so darf man ihr ­Arbeiten verstehen, ist nicht apokalyptischem Denken verpflichtet. So von wegen: Alles schlimm – und noch schlimmer wird’s bald enden. Sie zeigt, wo sich vermitteln ließe, wo sich Protest organisiert – und warum. Und mit wem.

Ihre ersten Wochen in der taz resümiert sie so: „Man kennt noch nicht alle Wege, nicht alle Seiten, natürlich nicht alle Traditionen. Aber ich taste mich heran.“ Soweit man ersehen kann: mit Verve, mit zupackender Art, die Redaktion zum Miteinander zu bringen.

Katja Kullmann muss man sich als Beherzte, als Neugierige vorstellen – so wie es neulich in einem taz.am wochenende-Gespräch mit zwei lesbischen Autorinnen zeigte: vergnügt, beherzt, unverspannt: „Jeden Tag ein neues ­Produkt. Von allen und mit allen. Das zu ­organisieren ist mein Job.“

Jan Feddersen