Wer arm ist, stirbt früher

Gesundheit und Lebenserwartungen hängen in Deutschland stark vom Einkommen ab. Dieses Thema will ab kommendem Dienstag der zweitägige Kongress „Armut und Gesundheit“ diskutieren

Sozialstatus und Zustand der Zähne haben viel miteinander zu tun Foto: Peter Marlow/Magnum Photos/Agentur Focus

Gesundheit und Armut müssen in Deutschland zusammen gedacht werden. Arbeitslose sowie prekär Beschäftigte leiden häufiger an körperlichen oder seelischen Beschwerden. Wie radikal der Zusammenhang ist, zeigt eine Studie des Robert-Koch-Instituts. Diese besagt, dass Menschen des unteren Einkommensviertels deutlich eher sterben als Menschen der obersten 25 Prozent – Frauen acht Jahre, Männer sogar elf. Der Umkehrschluss: wer reich ist, lebt länger.

Die politischen, medizinischen und vor allem sozialen Themen rund um Armut und Gesundheit sind vielseitig. Das zeigt auch ein Blick in das Programm des Kongresses Armut und Gesundheit. Dieser wird jährlich von dem Verein Gesundheit Berlin-Brandenburg organisiert und findet dieses Jahr am 20. und 21. März im Hauptgebäude der Technischen Universität Berlin statt.

Besonders die Verknüpfung von Einkommen und gesunder Ernährung ist aktuell, wie man an den jüngst diskutierten Aussagen des neuen Bundesministers für Gesundheit, Jens Spahn, sieht. Der CDU-Politiker erklärte im Zuge der Debatten um die Essener Tafel, dass mit Hartz IV jeder habe, „was er zum Leben braucht“. Dass jedoch der soziale Status, der mit Hartz IV einhergeht, in direktem Zusammenhang zur Länge ebendieses Lebens stehen kann, blieb unerwähnt.

Auch betrifft Armut längst nicht nur Arbeitslose. Die Zahl derjenigen, die trotz Erwerbstätigkeit arm sind – sogenannte Working Poor –, ist im letzten Jahrzehnt stark angestiegen. Das Ziel der Bundesregierung, Vollbeschäftigung zu erreichen, verliert in diesem Kontext schlichtweg seinen Glanz.

In 128 Veranstaltungen werden 600 Referierende mit den Gästen des Kongresses deshalb über Wohlstand, Krankheit, das Gesundheitswesen und aktuelle Forschung diskutieren. Den thematischen Schwerpunkt bildet der etwas sperrige Begriff „Health in All Policies“. Es handelt sich dabei um den Ansatz, dass Gesundheit in vielen verschiedenen politischen Bereichen verhandelt wird und eben nicht nur im Gesundheitsressort.

Der Kongress beginnt am 20. März um 9.30 Uhr in der Technischen Universität. EmpfängerInnen von Hartz IV oder Asylsuchende erhalten kostenlose Tickets. Die regulären Teilnahmegebühren betragen 110 Euro. Studierende oder RenterInnen zahlen 40 Euro. Anmeldung und Programm unter: www.armut-und-gesundheit.de.

Die Kundgebung startet am Dienstag um 18.30 Uhr am Brandenburger Tor. Weitere Infos sowie teilnehmende Organisationen unter: www.gesundheit-ein-menschenrecht.de. (dst)

„Der Dieselskandal hat dies aktuell sehr deutlich vor Augen geführt“, heißt es vonseiten des Vereins Gesundheit Berlin-Brandenburg. Ähnliches gelte für die Diskussion über eine Lebensmittelampel oder das Tabakverbot. „Obwohl durch politische Interventionen nachweislich positive gesundheitliche Effekte erreicht werden können bzw. könnten, werden andere – in diesem Fall wirtschaftliche – Interessen stärker berücksichtigt.“

Tabuthema Einsamkeit

Eine Gruppe, die auf dem Kongress besonderes Gehör finden soll, sind ältere Menschen. Neben Altersarmut und medizinischen Fragen steht daher auch das Thema Einsamkeit auf dem Programm. Gerade mit Blick auf den demografischen Wandel ist Einsamkeit zu einem zentralen Problem unserer Zeit geworden. So hatte im vergangenen Januar Großbritanniens Premierministerin Theresa May angekündigt, ein Ministerium für Einsamkeit aufzubauen, nachdem eine Studie ergeben hatte, dass sich 9 der knapp 66 Millionen Briten oft oder immer einsam fühlen.

„In Deutschland ist Einsamkeit aber weiterhin ein Tabuthema“, betont Elke Schilling von der SeniorInnenvertretung Berlin-Mitte. Über das von ihr gegründete Netzwerk Silbernetz bekomme sie regelmäßig Rückmeldung von älteren Menschen, die sich einsam fühlen. Ob auf dem Land oder in der Stadt, Einsamkeit sei überall ein Thema und dennoch in der Öffentlichkeit wenig präsent.

Neben Altersarmut und gesundheitlichen Fragen steht auch das Thema Einsamkeit auf dem Programm

Wichtig ist Schilling dabei zu betonen, dass auch wohlhabende Menschen von Einsamkeit betroffen seien. Dennoch bleibe Armut ein besonderer Risikofaktor. Wer beispielsweise mehrere Jahre als Hartz-IV-EmpfängerIn gelebt habe, sei beim Eintritt in das Rentenalter Einsamkeit bereits gewohnt. Das bringe Hartz IV mit sich. Um das Tabu zu brechen, bietet Schilling ihren Workshop daher gleich zweimal im Laufe des Kongresses an.

Neben den Workshops und Podiumsdiskussionen soll auch aktiv demonstriert werden. Immer noch sei Hunderttausenden Menschen in Deutschland das Recht auf eine hochwertige Gesundheitsversorgung verwehrt, heißt es auf der Website des Kongresses. Unter anderem seien Asylsuchende und Menschen mit Beitragsschulden davon betroffen.

Gemeinsam mit über 20 Organisationen wird daher unter dem Motto „Gesundheit ist ein Menschenrecht“ für den 20. März zu einer Kundgebung am Brandenburger Tor aufgerufen. Der Verein Gesundheit Berlin-Brandenburg hofft, dass daraus nun auch politische Konsequenzen erwachsen: „Denn jeder Mensch hat ein Recht auf Gesundheit!“