Internethumor mit alten Männern

Sozialismus Superstars

Im Internet tauchen alte Ikonen als Memes auf. 30 Jahre nach dem Ende der UdSSR scheint Sozialismus wieder in zu sein. Ist das etwa schon Protest?

Josef Stalin auf einem Motorrad

Josef „James Dean“ Stalin Foto: Facebook: Sassy Socialist Memes

Marx trägt Sonnenbrille, Lenin hat einen Hut und Engels raucht ’nen Joint. Die Augen der drei Theoretiker wirken entschlossen wie eh und je, nur der Kontext ist irgendwie sinnentleert. Auch der weltberühmte Bruderkuss von Honecker und Breschnew irritiert: „Let’s be more than comrades“ steht dazu, „lasst uns mehr als Genossen sein“. Welch brüderlicher Gruß zum Valentinstag.

Noch so ein Bild: Marx’, Lenins und Engels’ ernste Blicke bohren sich in die Kameralinse eines Smartphones. Die drei sozialistischen Vordenker machen ein Selfie – das Sinnbild der Millennials schlechthin. Oder diese Illustration: Genosse Lenin streckt statt gewohnt geballter Faust ein Klapphandy in den Himmel. „You used to commie on my cell phone“, ein Wortwitz, der auf den Welthit „Hotline Bling“ des Rappers Drake anspielt.

Die drei Sozialismus-Superstars sind wieder supercool, superzeitgemäß und – liebe Jury fürs Jugendwort 2025, aufgepasst – „on fleek“, gemeint: auf den Punkt gebracht.

Manchmal smart, manchmal stumpf

Sowjetrealismus trifft Jugendkultur, und altlinke Revolutionsfantasien leben albern wieder auf: Willkommen in der Welt der Memes. Unzählige User erstellen die kleinen – meist nicht sozialistischen – Bildchen mit teils smartem, teils stumpfem Humor, die anschließend in sozialen Netzwerken um die Welt getragen werden. Seit etwa zehn Jahren werden es immer mehr.

Letztlich reichen ein popkultureller Riecher und marginalste Kenntnisse der digitalen Bildbearbeitung, um einen Gehirnfurz, pardon, ein Aha-Erlebnis zu einem viralen Hit zu machen. In der Meme-Subkultur, so fühlt es sich an, wurden die Produktionsmittel bereits enteignet. Martin-Memes als Schulzzug wurden im Bundestagswahlkampf so zu einem viralen Hit. Er hatte keine Bremsen. Nun ist er entgleist.

Die erfolgreichste sozialistische Meme-Website läuft bei Facebook unter dem Namen „Sassy Socialist Memes“. Seit April 2015 versorgen die Seitenbetreiber ihre User fast täglich mit neuen Bildchen. „Wir sind einfach ein paar Jugendliche, die Memes verbreiten und online Spaß haben wollen“, sagt die Gruppe, die anonym bleiben möchte. Die Memes erstellen die „frechen Jugendlichen“ entweder selbst, sie werden ihnen zugesandt oder sie teilen diese von anderen Seiten.

Rund eine Million Fans konnte die Seite bereits einreihen, die einzelnen Posts generieren im Schnitt etwa 10.000 Likes. Bis zum 500.000. Fan der Seite explodierten die Like-Zahlen, dann schlug ein Facebook-Algorithmus ein und beschnitt die Seiten-Reichweite stark, sagt die Gruppe. Der Ironie, dass ihre publizistische Tätigkeit ausgerechnet vom neoliberalen, wachstumsiorientierten und imperalistischen Klassenfeind Face­book gedeckelt werden, ist man sich übrigens bewusst.

Agitprop und Cartoons

Gerüchten zufolge kann Humor auch ohne sozialistische Zaunpfahlwinks funktionieren. Wieso also der politische Link? Die Seitenbetreiber verweisen auf Agitprop, ein linguistisches Verbrechen, bestehend aus „Agitation“ und „Propaganda“. Inhaltlich bezeichnet der Begriff die politische Werbung in der Sowjetunion. Er erwuchs postrevolutionär vor etwa 100 Jahren, bis heute steht er für die Vermittlung leninistischer, kommunistischer Politik. „Sozialistische Memes sind nahezu die Fortsetzung des Agitprop im 21. Jahrhundert“, sagen die Seitenbetreiber. Nur die Revolution, die blieb diesmal aus.

Auch David Marshall, Professor an der australischen Deakin-Universität, stellt historische Verknüpfungen her. Seit drei Jahren forscht der Kommunikations- und Kulturwissenschaftler in Melbourne über politische Memes. Sein Fazit: „Memes sind der politische Cartoon unserer Zeit.“ Spätestens die Meme-Welle zum US-Wahlkampf 2016 habe gezeigt, wie stark das Phänomen im politischen Diskurs funktioniere. „Zwischen den Zeilen behandeln sie ernsthafte politische Themen – stets mit humoristischem Abstand“, sagt Marshall.

Außerdem hätten sie im Vergleich zum Cartoon einen großen Vorteil: „Als Teil einer ‚sharing economy‘ gleiten sie durch unsere Online-Kultur, politische Cartoons sind ein alleinstehendes Werk.“ Schließlich werden Memes permanent von anderen Nutzern aus dem Kontext gerissen, verändert oder weiterentwickelt. Sie sind für jeden (mit Internetverbindung) erstell- und erreichbar.

Weltweite Vernetzung im Polit-Kontext riecht nach Einflussnahme und Macht. „Memes haben durchaus die Kraft, eigentlich positive Beziehungen zu politischen Personen und Positionen zu destabilisieren“, so Marshall, „wenn sie Muster produzieren, die Werte und Richtungen anzweifeln.“ Dabei käme es auf den Einfluss von Humor auf die politische Kultur an: Die Politiker müssten die Trends letztlich auch als wertvolle politische Meinungen wahrnehmen.

Choo-choo!

Also, um was geht es jetzt eigentlich bei den frechen Sozialismus-Memes: Um handfesten, revolutionären Protest oder um postironische Internet-Jokes? Und kann sozialistische Agitation online überhaupt funktionieren?

Laut den frechen Internet-Kids der „Sassy Socialist Memes“ können Memes als Form des Protests angesehen werden. Die angesprochenen Millennials hätten auch die Kraft, den Kapitalismus abzuschaffen. Dies sei jedoch keine Frage des Alters, sondern eine Frage der Klasse. Laut David Marshall aus Melbourne zerlegen die Seitenbetreiber effektiv die Verknüpfung von Führung und Idee. Dies könne realpolitisch sogar „dazu führen, dass wir das Bedürfnis nach politischer Führung als zentrales Element zeitgenössischer Politik ablegen – auch sozialistischer.“

Letztlich liegt die Macht der Bilder darin, jugendliches Interesse am Sozialismus hochzuhalten. Denn auch wenn die Memes mitunter sehr albern daherkommen, rotieren die bärtigen Gesichter Marx’, Lenins und Engels’ online und (je nach Filterblase) sichtbar. Einhundert Jahre nach der Oktoberrevolution funktioniert sozialistische Propaganda heute eben mit Sonnenbrille, Hut und Joint. Oder Drake-Zitaten. Oder Selfies. Hauptsache schnelllebig, hauptsache witzig und stets mit Verknüpfung zur eigenen Realität.

Auch wenn die Revolution wohl nicht auf Facebook stattfinden wird, die verstaubten Sozialisten sind auf den Hype-Zug aufgesprungen. Choo-choo!

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