„In einem Übergangswohnheim lernt man nicht das normale Wohnen“

Housing First“ ist die Idee, dass Obdachlose zunächst eine eigene Wohnung brauchen – eine, die sie sich nicht erst verdienen müssen. Anderswo funktioniert das sehr gut, hat der Sozialwissenschaftler Volker Busch-Geertsema erforscht

Ein Schritt in die richtige Richtung: zwar keine Wohnung, aber doch ein eigener Wohnwagen Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Interview Jan Zier

taz: Herr Busch-Geertsema, glauben Sie, dass sich mit dem Konzept „Housing First“ das Problem der Obdachlosigkeit lösen lässt?

Volker Busch-Geertsema: Ganz bestimmt nicht alleine!

Aber Housing First ist besser als die bisherige Strategie?

Es ist vor allem ein Gegenentwurf zu dem vielerorts vorherrschenden Stufenmodell. Das basiert auf der Idee, dass Wohnungslose zunächst „wohnfähig“ gemacht werden müssen: Durch Abstinenz, Teilnahme an Maßnahmen und Wohlverhalten in Einrichtungen sollen sich die Betroffenen den Zugang zu regulären Wohnungen erst einmal verdienen.

Und bei Housing First?

Housing First bringt die Wohnungslosen im ersten Schritt gleich in eigenen, dauerhaften Wohnraum und bietet dann wohnbegleitende Hilfen von erheblicher Intensität an. Das Konzept wendet sich überwiegend an Menschen mit komplexen Problemlagen und akzeptiert erst mal Suchtmittelkonsum oder psychische Probleme. Es setzt darauf, Wohnungslosigkeit tatsächlich zu beenden und nicht nur langfristig zu verwalten.

Was ist falsch an dem vorherrschenden Konzept?

Das Problem bei dem traditionellen Ansatz ist, dass sehr viele daran scheitern. Aus der Aufstiegsleiter der Integration wird viel zu oft eine Rutsche in die Ausgrenzung. Sobald sich die Menschen etwas stabilisiert haben, müssen sie auch schon wieder umziehen, um die nächste Stufe zu erklimmen. Viele Klienten verbleiben so über Jahre hinweg im System. Und genauso wie man Rad fahren am besten lernt, wenn man ein Rad hat, kann man das normale Wohnen am besten lernen – sofern das überhaupt notwendig ist – wenn man mit den normalen Herausforderungen des Wohnens konfrontiert ist. In einem Übergangswohnheim lernt man vieles, aber nicht das normale Wohnen.

Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt es dazu, ob die Idee von Housing First in der Praxis funktioniert?

In den vergangenen Dekaden sind in den USA mehrere Studien mit kontrollierten Zufallsexperimenten durchgeführt worden. Schon in der allerersten Studie in New York wurde festgestellt, dass nach zwei Jahren 80 Prozent der Housing-First-Teilnehmer dauerhaft in eigenem Wohnraum lebten, aber nur 30 Prozent der Kontrollgruppe aus dem gängigen Hilfesystem. In die weltweit größte einschlägige Studie wurden in Kanada über zwei Jahre hinweg mehr als 2.000 langzeitwohnungslose Menschen mit psychischen Erkrankungen einbezogen. Unter den 1.200 Housing-First-Teilnehmern wohnten am Ende städteübergreifend im Schnitt über 72 Prozent in gesicherten Mietverhältnissen, in der Kontrollgruppe waren es nur 32 Prozent.

Kann man das so einfach auf Europa übertragen?

Ich selbst habe eine Studie koordiniert, die in vier von fünf Projektstandorten – Amsterdam, Glasgow, Kopenhagen und Lissabon – extrem hohe Wohnungserhaltquoten erbrachte. Inzwischen ist die Liste der wissenschaftlichen Belege über die positiven Ergebnisse von Housing-First-Projekten in Europa sehr lang, zumindest was den Wohnungserhalt angeht. Das heißt aber nicht, dass die Menschen auch in kürzester Zeit abstinent leben oder keine psychischen Probleme mehr haben. Dass jemand suchtkrank ist, heißt aber nicht, dass er nicht in einer normalen Wohnung zurechtkommen kann.

Angesichts der Studien stellt sich die Frage, warum man anderswo in der Welt so viel weiter ist als in Deutschland.

Ein zentrales Problem ist der Zugang zu bezahlbarem Wohnraum. Da muss mehr gemacht werden, sowohl auf politischer Ebene als auch bei den Trägern der Wohnungslosenhilfe selbst. Die dürfen nicht nur Wohnungen besorgen, in denen Leute vorübergehend betreut, dann aber wieder entlassen werden. Sie müssen auch dafür sorgen, dass Leute dauerhaften Wohnraum bekommen. Es gibt zu wenig günstigen Wohnraum, gerade kleine Wohnungen fehlen und es gibt das Problem, dass Vermieter bei Wohnungslosen oder Menschen mit Schulden besonders kritisch sind. Früher hatten die Kommunen hier mehr Instrumente und Möglichkeiten. In Finnland oder Dänemark gibt es dagegen einen klaren politischen Willen, Wohnungslosigkeit zu verringern.

Und der fehlt hier?

An dem muss man jedenfalls noch reichlich arbeiten. Hierzulande hält sich die Idee, dass die Menschen für das Wohnen erst fit gemacht werden müssen, noch sehr hartnäckig. Und die legitimen finanziellen Interessen der Einrichtungsbetreiber begründen auch Skepsis. Die halten Sozialarbeit vor, um Leute zu betreuen – und wenn sie davon abhängig ist, dass die Menschen dauerhaften Wohnraum bekommen, dann müssen sie jedes Mal neue Wohnungen suchen, um ihre Klienten betreuen zu können. Das empfinden die Träger als Zumutung.

Bei den Wohlfahrtsverbänden stößt die Idee von Housing First immer wieder auf Kritik.

Zum einen sehen sie oft nicht das Potenzial, das Housing First bietet – da gibt es ja auch Bedarf an intensiven wohnbegleitenden Hilfen. Und sie sehen auch oft nicht das Potenzial, das in der Prävention von Wohnungslosigkeit liegt, wo Sozialarbeit sehr viel mehr gefragt wäre. Verbandsvertreter behaupten auch: Das machen wir doch schon seit vielen Jahren! Da wird zu wenig die Praxis berücksichtigt, die wirklich anders ist als im Konzept von Housing First. Das bestehende System ist relativ schwerfällig zu ändern. Es gibt aber auch bei freien Trägern ein wachsendes Interesse, das umzusetzen. Und für sie ist es ja immer noch deutlich einfacher, an billigen Wohnraum zu kommen als für wohnungslose Menschen

Bei Housing First ist die Hilfe für die Betroffenen ja freiwillig. Kann das gut gehen?

Eine funktionierende Dienstleistung kann immer nur gut gehen, wenn es eine Koproduktion ist. Und dass Betroffene etwa die Wohnungstüre nicht aufmachen, ist nach meinen Erkenntnissen ausgesprochen selten. Das liegt auch daran, dass Housing First sehr intensiv an den individuellen Wünschen und Zielen ansetzt – und nicht an irgendwelchen Auflagen. Die Allermeisten, das zeigt die Erfahrung, nehmen nachdrücklich angebotene Hilfen an, wenn die auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sind.

Ist Housing First auf einem Wohnungsmarkt wie dem in Hamburg nicht eine Illusion?

Die Notunterbringung in Hamburg ist auch extrem teuer und sehr schwierig! Dasselbe gilt für die Schaffung neuer Gemeinschaftsunterkünfte. Neuerdings wird diskutiert, Container, die für Flüchtlinge vorgesehen waren, nun in Notunterkünfte für Wohnungslose umzuwandeln. Das ist ein Rückschritt! In Bremen kommt das von einer Regierung, die im Koalitionsvertrag vereinbart hat, aufsuchende präventive Hilfen auszubauen und den Zugang von Wohnungslosen zu normalem Wohnraum zu verbessern. Das hat sie nicht umgesetzt, das sollte aber weiter das Ziel sein und das ist auch möglich. In den letzten Jahren wurde vor allem für zahlungskräftige Familien gebaut.

Brauchen wir also erst mal mehr Sozialwohnungen?

Mit einer allgemeinen Ausweitung des Bestandes selbst an Sozialwohnungen ist es nicht getan. Für diesen besonders benachteiligten Personenenkreis braucht man privilegierte Zugänge zu leistbarem Wohnraum, mehr kleine Wohnungen und auch wieder Belegungsrechte. Sie haben sonst in der Konkurrenz keine Chancen.

Das gilt erst recht für die obdachlosen EU-Ausländer, oder?

Bei den wohnungslosen Bulgaren oder Rumänen wird ja in der Praxis noch nicht einmal anerkannt, dass die Kommunen ihnen gegenüber eine Unterbringungsverpflichtung haben. Und sie sind auch von gesetzlichen Ansprüchen auf Miete und Lebensunterhalt ausgeschlossen. Das ist ein Problem, das in vielen Ländern besteht. Man darf aber auch die öffentliche Aufmerksamkeit für diese Gruppe nicht mit ihrer zahlenmäßigen Bedeutsamkeit verwechseln. Die Mehrheit der Wohnungslosen ist nicht aus der EU zugewandert.

In Bremen gibt es immerhin eine 25-prozentige Sozialwohnungsquote für neue Wohnungen.

Das ist prinzipiell eine gute Maßnahme, aber der Kreis der Berechtigten ist sehr groß. Seit 2012 haben wir hier 400 neue Sozialwohnungen bekommen. Davon sollten 20 Prozent an wohnungslose Menschen gehen, Deutsche wie Geflüchtete, also höchstens 80 Wohnungen. Der wesentliche Beitrag zur Problemlösung muss aus dem Wohnungsbestand kommen. Hinzu kommt, dass Sozialwohnungen ganz oft für Familien gebaut werden – der größte Bedarf besteht aber bei Singlewohnungen. Daneben fehlen sehr große Wohnungen für Menschen mit vielen Kindern.

Besteht nicht die Gefahr, dass da neue Gettos entstehen?

Ein Haus mit zwölf Wohneinheiten etwa ist noch kein furchtbares Getto. Wir haben verschiedene Projekte untersucht, auch in Deutschland: Da war mit einem Haus in dieser Größenordnung und begleitenden Hilfen ganz normales Wohnen möglich.

Aber wer will zuvor Wohnungslose als Nachbarn haben?

Im Rahmen der Modellprojekte gab es auch solche, bei denen die Schwierigkeiten mit den Nachbarn sehr genau untersucht wurden. Da gab es gelegentlich Probleme, aber weniger als erwartet. In den allermeisten Fällen konnten die Konflikte gelöst werden.

Wenn die Kommunen glauben, mit Housing First billiger wegzukommen, sparen sie am Ende doch bei den freien Trägern.

Das ist kein Billigmodell! Housing First ist ein Beispiel, wie man mit demselben Geld sehr viel bessere Resultate erzielen kann als mit dem bestehenden Stufenmodell. Denn das scheitert mit seinen relativ hohen Anforderungen immer wieder – „Abstürze“ sind nicht selten, zu viele Betroffene gehen in diesem System verloren.

Kritiker halten Housing First aber für eine Form von „betreutem Trinken“.

Es gibt Millionen von Alkoholikern und psychisch kranken Menschen – die Mehrheit unter ihnen lebt in normalen Wohnungen. Daneben gibt es eine kleine Minderheit, die im Geschosswohnungsbau nicht besonders gut klar kommt. In Dänemark gibt es deshalb seit Langem ein staatliches Programm „Schräge Wohnungen für schräge Existenzen“, bei dem Hausboote oder kleine Holzhaus-Siedlungen gefördert werden. Das kann Sinn machen – aber die meisten Wohnungslosen wollen ganz normale Wohnungen und sind auch in der Lage, die zu halten und zurechtzukommen.

Wie viele sind es nicht?

Nur etwa zehn bis 20 Prozent der Betroffenen – das zeigen alle Evaluationen – kommen nicht allein zurecht. Da muss man über andere Hilfeformen nachdenken. Nur muss man die Proportionen umkehren: Einrichtungen sollten die absolute Ausnahme sein.