Der Tod aufder Straße

Der Unfalltod der neunjährigen Nicola Seher führte 1991 zu einer Verkehrsberuhigung der „Strese“

Nach dem Tod der neunjährigen Nicola errichtet: eine von Hamburgs bekanntesten Blitzanlagen Foto: Miguel Ferraz

Berüchtigt war die Stresemannstraße schon lange, bevor die Gefahren von Stickoxid bekannt wurden. 1991 fuhren dort täglich 48.000 Autos, darunter 8.000 LKWs. Die Grenzwerte für die Luftverschmutzung wurden fast jeden zweiten Tag überschritten. Auch am 27. August, als kurz vor 16 Uhr zur Rushhour Stefan K. aus Sachsen mit seinem Brummi die „Strese“ in Richtung Innenstadt runterfährt.

Wenige Minuten zuvor will die neunjährige Nicola Seher von ihren Großeltern zu ihrer Mutter fahren. Mit ihrem Fahrrad fährt sie zur Ecke Stresemannstraße. An der Ecke Bernstorffstraße, vor der Frauenkneipe, springt für Stefan K. die Ampel auf Rot, an der Nicola S. mit ihrem Fahrrad wartet. Die Neunjährige fährt auf die Fahrbahn, sie hat Grün. Doch Stefan K. übersieht das Rotlicht, weil – wie er später vor Gericht angeben wird – die Sonne ihn geblendet hatte und er den Fokus auf ein anderes Fahrzeug gerichtet hatte, das ihn durch die City lotsen sollte.

Sein LKW erfasst Nicola und zermalmt ihr Fahrrad. Die Neunjährige ist sofort tot. Fast 50 Meter weiter kommt der Truck zum Stehen. Stefan K. flüchtet zunächst, stellt sich aber wenig später der Polizei am Unfallort.

Nicolas Tod spricht sich wie ein Lauffeuer herum. Am frühen Abend versammeln sich mehrere Hundert AnwohnerInnen, um ihre Anteilnahme zu bekunden und gegen den „Verkehrswahnsinn“ zu protestieren. Barrikaden aus Unrat und Mülleimern werden errichtet, die Strese ist bis nach Mitternacht blockiert. In den nächsten Tagen versammeln sich immer um 16 Uhr, zur Todesstunde von Nicola, Hunderte Menschen auf der Kreuzung. Die Polizei hält sich zurück. Die BeamtInnen des örtlichen Polizeireviers Lerchenstraße zeigen offen Sympathie für den Protest.

Die linke SPD-Stadtentwicklungssenatorin Traute Müller eilt am Tag nach dem Unfall zu den Blockierern, nimmt ihre Forderungen sichtlich betroffen zur Kenntnis: Tempo 30, den Rückbau der Straße auf zwei Spuren, das Verbot von Schwerlast- und Gefahrgut-Transporten, zusätzliche Ampeln und fest installierte Blitzer.

Die Proteste dauern zwei Wochen. Am 5. September 1991, dem Tag von Nicolas Beerdigung, versammeln sich bereits tagsüber 500 Menschen auf der Strese. Doch mit der polizeilichen Freundlichkeit ist es vorbei. Kaum ist die Trauerfeier beendet, ordnet der spätere Polizeipräsident Werner Jantosch die Räumung der Blockade an. Doch ein Hundertschaftsführer weigert sich, gegen die Versammlung vorzugehen. Er klatscht demonstrativ in die Hände und ruft „Leute aufsitzen – wir fahren schon mal ins Stadion“. Dort sollte am Abend der HSV spielen. „Ich setze meine Leute nicht gegen Frauen und Kinder und ihre berechtigten Interessen ein“, sagt er später der taz.

Senatorin Müller ordnet im Alleingang Tempo 30 an, die Straße wird auf zwei Fahrstreifen verengt. Die Proteste ebben ab. Ein halbes Jahr später entzieht SPD-Bürgermeister Henning Voscherau Müller das Verkehrsressort und schlägt es Bausenator „Beton“-Eugen Wagner vom rechten SPD-Flügel zu. Aber erst unter CDU-Bürgermeister Ole von Beust wird die Strese 2002 wieder vierspurig. Tempo 30 bleibt jedoch.