Samstag, 4. Mai 1968

Die Wirklichkeit war der Vorstellung in diesen Tagen voraus: die Schriftstellerin Annie Ernaux über eine Zeit, die sie wie nichts anderes in ihrem Leben berührt hat

Revolutionärer Pariser Samstag Foto: Guy le Querrec/Magnum Photos/ Agentur Focus

Von Annie Ernaux

Ich schicke gleich voraus, dass ich keine genaue Erinnerung an diesen Tag habe, auch nicht an das, was im Quartier Latin am Abend zuvor passiert war: äußerst gewaltsame Zusammenstöße zwischen der Polizei und extrem linken Studenten, die zu über 500 unmittelbaren Festnahmen führten.

1968 lebte ich weit weg von Paris in einer Kleinstadt in den Alpen, die nächste Uni war zwei Stunden mit dem Zug entfernt, und ich war keine Studentin mehr. Als ich Ende der siebziger Jahre in die Pariser Region kam, traf ich so viele Leute, die erzählten, dass sie dabei gewesen seien – in Nanterre, an der Sorbonne, auf den Barrikaden in der Rue Gay-Lussac, bei der Besetzung des Odéon, dass sie Vollversammlungen und Demos besucht, Parolen geschrien, Pflastersteine geworfen hätten –, dass ich vage Trauer empfand, weil ich nicht dort gewesen war, wo man damals sein musste, weil ich streng genommen nichts mitbekommen hatte, jedenfalls nicht das große Bild. Ich beneidete diese Leute. Sie vermittelten den Eindruck, dass sie innerhalb eines Monats so viele Erfahrungen gesammelt hatten, dass es für ein ganzes Leben reichte. Ich war damals Lehrerin in der Provinz, hatte zwar den Schulstreik an meinem Gymnasium mitgemacht, war aber wegen meiner Schwangerschaft auf keine einzige Demo gegangen. In jenem Monat hatte ich mir spontan zwei Umstandskleider gekauft. Wie es zu der Zeit üblich war, wollte ich meinen Bauch verbergen. Ich hatte das Gefühl, ich hätte nichts zu sagen, ich war nicht aktiv an den Ereignissen beteiligt gewesen, sie hatten mich lediglich berührt.

Berührt jedoch, wie kein anderes Ereignis zuvor es konnte und wohl je wieder schaffen wird. Ich bin mir dessen vierzig Jahre später bewusst geworden, als ich das Buch „Die Jahre“ schrieb und beim Mai 68 angekommen war. Im Zusammenhang mit erinnerten Bildern – ein Spruchband „Fabrik besetzt“ (Usine occupée) neben dem Supermarkt Carrefour in Annecy; die Schulmensa, in der sich alle Schüler versammelt hatten und wo ihnen die Sprachlehrerin die Gründe für die Revolte der Soziologiestudenten von Nanterre erklärte – im Zusammenhang mit unbedeutenden persönlichen Vorkommnissen kamen die Verwunderung, die Verblüffung, das Warten, das Prickeln der Hoffnung und letztlich die Entmutigung jener Tage wieder zur Gänze hoch.

Annie Ernaux 77, ist eine zentrale Stimme der modernen Literatur Frankreichs. Ihr Werk ist autobiografisch geprägt. Bekannt wurde sie hierzulande mit „Sich verlieren“; ihr auf Deutsch zur Zeit aktuellstes Buch „Die Jahre“, dreht sich ebenfalls um 1968.

Ein Gefühl sehe ich heute all den anderen Gefühlen in jenem Mai zugrunde liegen – dass die Ereignisse nicht einzuholen waren, dass die Wirklichkeit der Vorstellung immer voraus war oder dem, was man sich bis dahin gar nicht vorzustellen gewagt hatte: die geheiligten Orte der Gesellschaft, Bildungs- und Kultureinrichtungen, von allen möglichen Leuten besetzt; die fortschreitende und schließlich totale Niederlegung der Arbeit; freie Meinungsäußerung. Anders gesagt, die Fantasien wurden Wirklichkeit. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich das Wort „Revolution“ gehört hätte. Mit einem festen Begriff das, was geschah, zu benennen war nicht nötig oder nicht möglich. Auch nicht, es zu denken. Es genügte, es zu leben.

Will ich mich an genau diesen 4. Mai zurückversetzen, ist es, als wolle ich wie nach einer überwältigenden Liebesgeschichte zum ersten Augenblick des Kennenlernens zurückkehren, wenn man nicht weiß, wie alles weitergeht; es ist der alte Traum, dem Beginn zu beizuwohnen, im Keim der Ereignisse zu stecken.

Vor dem Höhepunkt am 13. Mai und dem Streik von zehn Millionen Menschen, vor den beunruhigenden Zeichen und den harten Verhandlungen in der Rue de Grenelle, bevor de Gaulle im Fernsehen wie ein Truppenbefehlshaber auftrat und das „Chaos“ geißelte und vor dem pechschwarzen Zug der gaullistischen Gegendemonstranten auf den Champs-Élysées mit André Malraux als grinsendem Hampelmann an der Spitze, bevor das Benzin wieder die Zapfsäulen für die Ausfahrt in die Pfingstferien füllte, floss kein Verkehr mehr.

Foto: Ulf Andersen/Aurimages/afp

An diesem Samstag, dem 4. Mai, als klar wird, dass aus den „Unruhen“ an den Universitäten, denen zunächst nur wenig Bedeutung beigemessen wurde, eine „Revolte“ wurde, empfinde ich unter anderem ein Erstaunen, das schnell wieder verfliegt, an das ich mich aber später erinnern werde: Wer konnte voraussagen, dass die Gefährdung der gaullistischen Macht aus dem Studentenmilieu kommen würde? Was war geschehen, seit ich nur zwei Jahre zuvor die Zulassung als Sekundarschullehrerin bekommen und die Uni verlassen hatte?

In Rouen, Bordeaux, Grenoble herrschte Ruhe in den Auditorien, die Dozenten leierten ins Schweigen hinein ihre Skripte herunter, die sie zehn Jahre zuvor verfasst hatten. Der massive Protest gegen den Algerienkrieg, Schlägereien zwischen linken und extrem rechten Studenten hörten an den Uniportalen und an den Türen der Mensen auf. Was André Breton in seinem Roman „Nadja“ über die Leute geschrieben hat, die er in der Rue La Fayette aus Büros und Werkstätten kommen sah – dass sie bestimmt noch nicht diejenigen seien, denen man eine Revolution zutrauen würde –, hätte ich damals auch über meine Kommilitonen sagen können.

Weiter, immer weiter

Breton starb 1966 in aller Stille in Paris, von ihm stammt auch jener Satz, den ich Anfang Mai 1968 ganz gewiss nicht vergessen hatte: „Das Ereignis, von dem jeder das Recht hat, eine Offenbarung des Sinns seines Lebens zu erwarten, dieses Ereignis […] wird nicht durch Arbeit hervorgerufen.“ Ich kann nicht vorhersehen, dass diese Botschaft innerhalb von ein, zwei Wochen in allen möglichen Varianten auf Mauern stehen würde. Auch nicht, dass die Studentenrevolte schließlich den Aufstand der Arbeiter und Angestellten nach sich ziehen würde, die sich einen feuchten Kehricht um die Aufrufe der Gewerkschaften kümmerten, und dass sie um ein Haar den Präsidenten der Republik gestürzt hätte. Ich bin einfach nur in gespannter Erwartung, habe das heimliche, brennende Verlangen, dass „es weitergeht“.

Heute sind wir offenbar viele, die den Atem anhalten und dieser Erwartung keinen Ausdruck zu geben wagen, die vermutlich von einem magischen Gedanken abhängt, von einem neuen Mai 68. Die Anzeichen aber dafür sind bestreikte Universitäten, brutales Eingreifen der Polizei dagegen, der Arbeitskampf der Eisenbahner.

Plakativ gefragt: „Wird es ein Arbeitsloser werden?“ Foto: AKG/picture alliance

Man erlebt „dasselbe“ immer wieder, etwa jedes Mal, wenn Schüler und Studenten auf die Straße gehen: 1986 gegen das neue Hochschulgesetz, das den Universitäten eine Auswahl ihrer Studierenden ermöglichen sollte, 2006 gegen das neue Arbeitsgesetz, das den Kündigungsschutz bei der Ersteinstellung für zwei Jahre aussetzen wollte – aber, das muss man betonen, nicht 2005, als die Jugendlichen aus der Ban­lieue Autos in Brand setzten, und zwar wie damals die jungen Leute in der Rue Gay-Lussac.

Die Revolution, die kommen wird, wird eine Gestalt annehmen, die wir uns noch nicht vorstellen können. Denn die Herrschaftsverhältnisse sind noch dieselben, die Ungerechtigkeit nimmt zu, und der Wunsch nach einem anderen Leben lässt sich nicht ausmerzen.

Übersetzung: Gaby Wurster