Ein
queerer
Traum
namens
Berlin

Als „Gay Capital“ galt Berlin zu Magnus Hirschfelds Zeiten – und gilt auch heute wieder als LGBTI*-Hauptstadt. Zu Recht?

Magnus Hirschfeld 1928 Foto: ullstein bild

Von Jan Feddersen

Bis zum Fall des Eisernen Vorhangs war der Westen Berlins ein Fluchtort für schwule Männer. Dorthin konnten sie sich retten, um dem Wehrdienst zu entgehen. Heute gelten in der Bundeswehr Antidiskriminierungsgesetze – auch zugunsten von LGBTI*-Menschen. Doch noch in den Siebzigern kam die Vorstellung, beim „Bund“ als schwul geoutet zu werden, einer Horrorfantasie gleich. Berlin dagegen, sein Westen, wie in anderer Hinsicht der Osten, die Hauptstadt der DDR, knüpfte an Traditionen an, die mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ausgelöscht worden waren.

Für diese Geschichte steht niemand so prominent wie der Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, Lobbyist in Sachen Abschaffung des Paragrafen 175, der Homosexualität unter Strafe stellte. Hirschfeld war der prominenteste Kopf der, heute würde man sagen: queeren Bewegungen in Deutschland – der wichtigste Aufklärer in Sachen Homosexualität, Trans* und Inter*. Er war den einen liebevoll, „Tante Magnesia“, den anderen, Völkischen, Nazis, ein Hassobjekt, Zersetzer, jüdischer Volksschädling, ein Verderber der deutschen Jugend – und mit den frühen oder späteren Nazis glaubten das auch die meisten Pastoren und Priester.

Der US-amerikanische Historiker Robert Beachey hat dieser Ära bis zur NS-Machtübernahme in schwuler Hinsicht ein ordentliches Buch gewidmet, „Gay Berlin“, ein feines Dokument, das zwar den lesbischen und Trans*bereich in der historischen Perspektive weitgehend ausspart, aber zeigt, wie intensiv in Berlin schwules und lesbisches Leben ersehnt, ausprobiert und gefeiert wurde – in Bars, Cafés, Vereinen und manchem bürgerlichen Salon. Oder in Parks, schon damals im Tiergarten, wo Stricher auf Kunden warteten, auf Klappen, öffentlichen Toiletten, ein Ort des Sexes und des Kennenlernens unter Schwulen überhaupt. Berlin, das war die Stadt, die für einen später berühmten Autor wie Christopher Isherwood („Goodbye Berlin“, woraus der Film „Cabaret“ mit Liza Minnelli wurde) wichtiger war als Paris und London zusammen: An der Spree waren Aufbrüche möglich, von denen andernorts nicht einmal geträumt werden konnte.

Das mag lange her sein, 85 Jahre schon, als der queere Traum namens Berlin durch das braune Regime planiert und die ersten Männer in KZs wie Sachsenhausen interniert wurden, beschuldigt der „Unsittlichkeit“: Männer mit dem Rosa Winkel. Schwule – Lesbisches galt als nicht so dringlich zu verfolgen – waren, um SS-Chef Heinrich Himmler zu zitieren, „bevölkerungspolitische Blindgänger“.

In anderen Ländern, der Schweiz und Dänemark, liberalisierten sich die Verhältnisse mehr und mehr, aber diese Fluchtpunkte waren nur für die Besserverdienenden und mit gültigen Reisepässen erreichbar. Hirschfeld, schon vor 1933 auf Weltreise gegangen, kehrte nie mehr in seine Heimat zurück, sein Institut für Sexualwissenschaft war das erste Objekt des liberalen Deutschland, das der Nazimob ausplünderte.

Und nach dem 8. Mai 1945? War Berlin eine zerstörte Stadt, war Schwules zwar nicht mehr von Haft in Konzentrationslagern bedroht, aber der Paragraf 175 in seiner Nazifassung galt noch bis 1969, übrigens sehr zur Zufriedenheit gerade der Kirchen in der Bundesrepublik. Während die DDR die Sondergesetzgebung zwar nicht strich, aber auf Weimarer Verhältnisse zurückbrachte: Erlaubt war Schwules noch immer nicht, aber wenigstens nicht mehr intensiv bedroht und verfolgt. Doch die queere Topografie der Stadt wurde wiederbeatmet: Um den Nollendorfkiez herum gab es wieder, flüsterte man sich zu, einschlägige Etablissements, auf Klappen ging auch wieder mehr, man durfte sich bloß nicht von Polizeispitzeln erwischen lassen. Oder an jemanden geraten, der einen hinterher erpresste: Wenn du mir nicht Geld gibst, erzähl ich, was du für einer bist.

Und Magnus Hirschfeld, sozusagen der Schutzheilige, der persönlich als freundlich, schrullig und immerrührig bekannt war, der aus einer jüdischen Familie stammende Mann, der sich als Patriot verstand und doch nicht begriff, dass Homosexuelle in dieses nicht passen sollten: Der wurde, falls man dies mal so formulieren darf, immer vergessener. Die studentisch geprägte Schwulenbewegung, linksradikal gesinnt und unerschütterlich im Glauben, Homosexuelle sollten sich nicht mehr ducken müssen, sich zeigen, aufmüpfig sein, interessierte sich für Hirschfeld, ihren Erblasser, kaum.

Trotzdem ist Berlin wieder zur „Gay Capital“ (Beachey) der Welt geworden. Nach Berlin wollen alle, hier sind die Lokale ohne Sperrstunde, hier ist die Dichte groß, hier droht nirgends Verfolgung – mit dem Berghain an der Spitze, dem ikonischen Tempel, in dessen Bauch sich alle treffen, entgrenzungsbereit – das Schwule und Lesbische nicht nur als Beiwerk, geduldet, sondern integral zum Spiel gehörend.

Es sind jedoch weniger Lokale und Bars geworden seit den Zeiten Hirschfelds. Das liegt wahrscheinlich auch an dem, was man Normalisierung nennen könnte: LGBTI*-Leute wissen meist, dass es nicht mehr nötig ist, Orte mit einer Dominanz von Heteros zu meiden – man bewegt sich nicht mehr unter solchen homophoben Voraussetzungen, wo Lesbisches und Schwules unsichtbar bleiben muss.

Aber speziell die Orte, wo man als Person nicht heterosexueller Orientierung nicht in der Minderheit ist, sind allesamt in wenigen Vierteln versammelt: Nollendorfkiez, ein bisschen Neukölln (mit dem SchwuZ am Rollbergviertel), ein wenig Prenzlauer Berg, etwas Mitte – das war’s schon. Jenseits des S-Bahn-Rings gibt es, anders als zu Hirschfelds Zeiten, keine Treffpunkte, von denen man einschlägig weiß, dass Kesse Väter und warme Brüder nicht auf hetero tun müssen.

Das „Rauschgold“ am Meh­ringdamm gegenüber vom „Sundström“, das „Ludwig“ in der Neuköllner Anzengruberstraße, am Kotti das Möbel Olfe und der „Südblock“: Plätze, die mehr sind als Darkroom mit Zapfhähnen im beleuchteten Bereich. Mit dem französischen Theoretiker Didier Eribon gesprochen: Jede queere Bar ist wichtig, denn sie gibt Lesben und Schwulen und Trans* das Gefühl, wirklich zu existieren, einen Ort zu haben, an dem sie fraglos sein können.

Doch selbst diese Bars und Schankstellen, besonders jene rund um den Nollendorfplatz und die Motzstraße, haben einen Mangel: Sie sind nicht queer, sondern überwiegend für schwules Publikum, und sie sind en gros und en détail für Junge. Alte Homosexuelle, also etwa ab dem 50. Lebensjahr, weiblich oder männlich, sind in den Epizentren des Szenewesens, von Fetischbars abgesehen, nicht existent. Das einzige Event, zu dem sie offenbar gern kommen, ist eine schwerst uncoole Angelegenheit: Der Abend von „Gay Night At The Zoo“, organisiert von Gerhard Hoffmann, Berliner Politaktivist noch aus den frühen Siebzigern, einer der wichtigsten Bewegungsköpfe der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW): Im Zoo spielt dann das BVG-Swing­orchester, an den Tischen sitzen ausgesprochen feier­launige Frauen und Männer.

Insofern: Es ist wie zu Magnus Hirschfeld Lebzeiten. Irgendwie nimmt die queere Welt diese Stadt so wahr, als sei hier ein Paradies auf Erden. Dass es ein breit gefächertes Netz an staatlich geförderten Projekten im LGBTI*Bereich gibt, dass die Stadt eine Antidiskriminierungsstelle hat, dass diese wach ist für die Wünsche von Trans*menschen, ist ein wichtiger Unterschied zu Hirschfelds Zeit – ein guter, willkommen heißender.

Was so ist wie früher: dass die politischen Teile der Community verzankt sind, unablässig. Hier die „Beißreflexe“ um Patsy L’amour LaLove, dort die Queerfeminist*innen, gern im Schwulen Museum zu Hause. Und in der Mitte die Immergleichen, die fordern, dass der Streit endlich aufhören möge. Um nur eine Differenz zu nennen: Während Erstere „queer“ als Sammelbegriff nehmen und schwule Männer nicht als „cis-weiß-männlich“ diskreditieren wollen (mit der Vorstellung, Schwules sei in jeder Hinsicht kein Problem mehr), betonen die anderen, was an universitären Fachbereichen gerade High Fashion ist: dass nämlich Rassismus die wichtigste Wahrnehmungs- und Erkenntniskategorie ist, dass Queer ein moralischer Auftrag ist, das Postkoloniale, das Postmännliche, das Postgeschlechter­hafte grundsätzlich infrage zu stellen.

Zu Hirschfelds Zeiten ging der Streit darüber, ob man sich an die Heterogesellschaft anpassen soll, um nicht anzuecken, die anderen wollten genau dies: Schwules, Lesbisches und Andersgeschlechtliches sichtbar halten, nicht beschämt verstecken. Letztlich sind es nur Stürmchen im Wasserglas, denn, obwohl es keine genauen Zahlen gibt, darf angenommen werden: 98 Prozent aller Lesben und Schwulen und Trans* in Berlin leben ohne inneren politischen oder kulturellen Auftrag ihr Leben, sei es nun queer, schwul, lesbisch oder trans*. Man versucht, um es mit einem zeitweiligen Bündnispartner Hirschfelds, Sigmund Freud, zu sagen, das eigene Unglück der Sterblichkeit zu ertragen – und feiert das Leben. Man lebt nicht in Szenebezirken, sondern in Kladow, Marzahn, Reinickendorf oder Schöneberg, überall, wie’s passt und gefällt: Hirschfeld wäre zufrieden, denn anders als zu seiner Zeit ist es ja grundsätzlich unstatthaft geworden, homo- oder trans*phob zu sein.

Berlin ist kein Paradies. Aber nicht weit entfernt von einem Zustand, der diesem nahekommen kann.