das portrait

Vom Sans-Papiers zum Nationalhelden: Mamoudou Gassama

Foto: reuters

Er hat die Rolle des tugendhaften Helden in einem modernen Märchen. In Anspielung auf den bekannten Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ sprechen französische Fernsehsender heute vom „fabelhaften Schicksal“ des Mamoudou Gassama. Über Nacht – oder besser gesagt in wenigen Sekunden einer spontanen Rettungsaktion – ist aus einem Paria am Rande der französischen Gesellschaft ein gefeierter Nationalheld geworden.

Am Samstag bewahrte der Malier ein vierjähriges Kind, das an der Außenseite eines Pariser Balkons baumelte, vor dem sicheren Tod. Passanten auf der Straße filmten, wie der 22-Jährige sich von Balkon zu Balkon hinaufhangelte, bis er das Kind erreichte und über die Brüstung zog. Vor seiner mutigen Tat war Gassama ein anonymer Immigrant ohne Aufenthaltsgenehmigung. Heute wird er von den höchsten Politikern geehrt. Vor den Fernsehkameras steht ein sehr sportlicher, schüchtern lächelnder junger Afrikaner in einem weißen Hemd, der mit den wenigen französischen Worten, die er kennt, seine Geschichte erzählt: Er weiß nur, dass er getan hat, was er zu tun hatte, und er dankt Gott dafür.

Präsident Emmanuel Macron wollte die Geschichte aus seinem eigenen Mund vernehmen und sich so mit landesväterlicher Güte mit dem Helden des Tages zeigen. Er hat ihm im Namen der Republik am Ende seines Besuchs eine Medaille verliehen und versprochen, für eine erleichterte Einbürgerung und Gassamas Anstellung bei der Pariser Feuerwehr zu sorgen. Auch so etwas existiert eigentlich nur im Märchen. Macron betonte, es handle sich um eine völlig außergewöhnliche individuelle Maßnahme für eine außerordentliche Tat. Und sagte damit: Diese Ausnahme ändert nichts an der restriktiven Asyl- und Migrationspolitik im Land.

Gassama ist aber nicht nur vorbildhaft wegen der Rettung eines Kindes aus Lebensgefahr, er ist auch repräsentativ für Tausende von anderen Migranten, die trotz aller Hindernisse und Gefahren aus der Not und Verfolgung die Flucht aus ihren afrikanischen Heimatländern nach Europa wagen. Er selber hat sich 2013 aus Mali auf den langen Weg durch Niger, Burkina Faso, Libyen und über das Mittelmeer via Italien nach Frankreich gemacht. In Italien hatte er – ohne Aussicht auf Erfolg – im letzten Jahr ein Asylgesuch eingereicht, war dann aber im Herbst nach Frankreich weitergereist, wo bereits sein Bruder und andere Angehörige leben. Als Sans-Papiers, der aufgrund der Dubliner Bestimmung die polizeiliche Abschiebung nach Italien riskierte, musste er untertauchen und sich vor den sich häufenden Kontrollen hüten. Er lebt in einem Heim für Gastarbeiter in Montreuil im Osten von Paris.

Auch in diesem Vorort der Hauptstadt wird er jetzt als Held gefeiert: Der Bürgermeister verlieh ihm gleich nach dem Besuch im Élysée-Präsidentenpalast die Urkunde eines Ehrenbürgers. Vor dem Rathaus bejubelten ihn einige Landsleute, die nur zu gut wissen, dass sich eine so fabelhafte Geschichte nicht jeden Tag wiederholt. Rudolf Balmer, Paris

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