Vom Verlust einer Handynummer

Lennart Schilgen sieht den Witz im Schlechten und singt Protestsongs ohne Schwere. Mit seinem Programm „Engelszungenbrecher“ tritt der Liedermacher heute in der Bar jeder Vernunft auf

Macht gern große Augen: Lennart Schillgen Foto: Arthur Brell

Von Linda Gerner

Die Augen sind weit aufgerissen, die Brauen schnellen unermüdlich in die Höhe, der Schweiß steht auf der Stirn, und die Gitarre wird sanft gezupft. Lennart Schilgen, geboren 1988 in Berlin-Zehlendorf, steht nicht nur auf der Bühne und singt ein Lied. Seine humorvollen Texte untermalt er mit bizarrer Mimik und ganzem Körpereinsatz, abwechselnd am Klavier und an der Gitarre.

Der Weg des 30-Jährigen zum Liedermacher war geradlinig: Als Kind bekommt er Klavierunterricht, in seiner Schulzeit in Berlin gründet er mit drei Freunden die Band Tonträger. In dieser wächst er in die Rolle des Songtexters hinein: „Alleine wäre ich vermutlich nie auf die Idee gekommen, Lieder zu schrei­ben“, sagt Schilgen.

Doch der Band reicht Beatles- und Ärzte-Covern irgendwann nicht mehr, was Eigenes muss her, am besten eine Mischung aus beiden.

In der vierköpfigen Bandformation drängt sich Schilgen nicht in den Vordergrund, lieber überlässt er die Moderation und die Interaktion mit dem Publikum den Bandkollegen. Seine ersten Versuche als Solokünstler sind entsprechend zaghaft. „Ich habe Ermutigungen bekommen, dass ich das mal ­ausprobieren soll, und musste mich zunächst echt überwinden.“

Die ideale Ausprobierbühne findet Schilgen 2012 in der Berliner Scheinbar, in der es viermal in der Woche eine offene Bühne für Künstler gibt, um Stücke vor kleinem Publikum zu präsentieren. Auch die Klavierkabarettisten Bodo Wartke oder Sebastian Krämer bespielen die offene Scheinbar-Bühne noch regelmäßig für den Testlauf neuer Stücke.

Seine anfängliche Schüchternheit macht Schilgen heute zum Programm und integriert sie selbstironisch in seinen Bühnenauftritt. Seit drei Jahren steht er mit seinem ersten Programm „Engelszungenbrecher“ auf der Bühne, indem er eingängige Lieder über den tragischen Verlust einer Mädchentelefonnummer oder seine Liebe zur Unentschlossenheit singt.

Ans Liederschreiben wagte sich Schilgen nach eigener Aussage zunächst sehr unbedarft. „Ich dachte: Ach, die paar Akkorde kenne ich jetzt, dann kann ich doch mal behaupten, so geht ein Lied.“ Das unverkrampfte Texten merkt man seinen Liedern an, nie werden sie schwermütig, immer wieder überraschen seine Pointen. „Ich hatte grundsätzlich immer Lust auf Sprache und Musik“, sagt der Musiker und nennt sein Deutsche-Literatur- und Französischstudium an der Humboldt-Universität trotzdem „geisteswissenschaftlichen Klumpatsch.“

Schilgen liebt das locker-leichte Spiel mit den Worten. Von gesellschaftskritischen Chansons hält er sich fern, in die Fußstapfen bekannter deutscher Liedermacher will er – trotz großer Verehrung – nicht treten. Wenn der Liedermacher einen Protestsong auf der Bühne ankündigt, prangert er kurze Zeit später nicht etwa das ka­pitalistische Wirtschaftssystem an, sondern das ohne ihn ­stattfindende Auslands­semester seiner Freundin. „Ich glaube nicht, dass ich die eine große Botschaft habe, für die ich angetreten bin, um sie in die Welt hinauszutragen“, sagt ­Schilgen. Er versuche vielmehr, „unangenehmen Teilen des ­Lebens in Liedern auf humor­volle Art eine Leichtigkeit zu geben.“

Diese überträgt er in Interaktionen auf sein Publikum. Statt Revoluzzergedanken gibt es lässige, nie triviale Poesie. Inzwischen kann Lennart Schilgen von seiner Musik leben, gewinnt immer wieder Kleinkunstpreise. Mit dem Zug reist er durch Deutschland und spielt bis zu neunzig Konzerte im Jahr: in Musikbars, in Dorfkneipen, auf Theaterbühnen. Der Humor reist dabei immer mit.

Lennart Schilgen: „Engelszungenbrecher“. Bar jeder Vernunft, Schaperstraße 24, heute 20 Uhr, Karten ab 14,80 Euro