Fußballmanagerin Katja Kraus zur WM

„Özils Kern ist das Nicht-Bekenntnis“

Mesut Özil als Marke: Deutschlands einzige Fußballmanagerin Katja Kraus über die Klischees von doofen Kickern und zu viel Testosteron.

Katja Kraus steht vor einer Hecke und hält einen Fußball in den Händen

„Politiker haben die Möglichkeit, ihre Haltung zu zeigen. Für die Sportler ist das schwieriger, sie sind Teil des Systems“, sagt Katja Kraus Foto: Miguel Ferraz

taz: Frau Kraus, was in der Erdoğan-Diskussion nie erwähnt wird, ist für Sie das 1x1 Ihres Fußballagenturjobs: Weltmarken wie Mesut Özil bedienen unterschiedliche Märkte, sein Erdoğan-Bekenntnis zielte auf einen national geprägten türkischen Markt.

Katja Kraus: Sie unterstellen, dass die Begegnung kalkuliert war, um wirtschaftliche Interessen zu unterstützen. Das kann ich mir, zumindest für die beiden Spieler, mit diesem Maß an strategischem Herangehen nicht vorstellen. Bewusstes Handeln hieße ja dementsprechend, die Brüskierung eines mindestens ebenso wichtigen Zielmarktes in Kauf zu nehmen.

Was glauben Sie?

Was ich mir gut vorstellen kann, ist eine innere Auseinandersetzung mit Zugehörigkeit und Identität. Und die Not, darin allem gerecht zu werden. Vor einigen Jahren habe ich einem Werbefachmann zugehört, der Mesut Özil beriet und erklärte, der Kern der Marke Mesut Özil sei, sich nicht zu bekennen. Das hat mich überzeugt und ist mir seither in vielen Formen begegnet.

Fehlendes Profil als Markenkern?

Es klingt paradox. Aber ich fand es in mehreren Dimensionen interessant. Es ist sehr aktuell in einer Zeit, in der viele Jugendliche einen Bekenntnisdruck verspüren, den sie aber nicht leisten wollen.

Was diese an Özil schätzen, ist also das, was wir kritisieren: Dass er außerhalb des Spielfeldes kein ‚Charakter‘ zu sein scheint und anscheinend nur Playstation spielt.

Belegt es, dass der Spieler keinen Charakter hat, weil er Persönliches über das Spielfeld hinaus offenbar nicht sichtbar machen möchte? Oder ist es womöglich charakterstark, sich den etablierten Regeln zu entziehen, die Nationalhymne eben nicht zu singen? Seiner Beliebtheit bei jungen Menschen schadet das nicht, er hat eine riesige Fanbasis, insbesondere in den sozialen Netzwerken. In jedem Fall ist das Bild sehr stringent. Er spielt sogar so Fußball, immer präsent, immer anspielbar, aber selten mitten im Geschehen.

Ich sehe sofort Teenie-Jungs vor mir, die Özil-artig drauf sind.

Obwohl junge Menschen in so großer Freiheit aufwachsen, überall hinreisen, alles ausprobieren können, empfinden sie sich häufig als unfrei. Der Druck der Festlegungen: Was will ich werden, wer will ich sein, was ist meine nationale Identität und wie stelle ich das unter Beweis? Die Reaktion ist, sich zu entziehen und vage zu bleiben. Diese Schablone kann man aber auch auf andere Bereiche anwenden. Natürlich vor allem auf die Politik, wo es eine Erfolgsstrategie ist, klare Bekenntnisse zu vermeiden. Eine Folge davon ist, dass ein harmloser Satz wie 'Wir schaffen das’ eine solche Wirkung hat.

Jetzt werden aber alte Mittelschicht-Ressentiments ausgepackt, dass Fußballer angeblich sowieso alle doof seien.

Immerhin lässt sich die Nation dann von einer Ansammlung von Doofen blendend unterhalten. Diese Zuschreibung ist langweilig und längst überholt, seit Fußball in allen Milieus gespielt wird. Aber klar, es gibt eine enorme öffentliche Aufmerksamkeit für junge Menschen, die einfach das gemacht haben, was sie am besten können, nämlich Fußball spielen. Und die nicht darauf vorbereitet sind, was ihnen mit dem Erfolg widerfährt. Die permanente Bedeutungsüberhöhung bei einer zarten Persönlichkeitsreife fördert mitunter nicht das Beste zutage. Und dennoch ist der Fußballprofi 2018 anders als das tradierte Stereotyp.

Was halten Sie von meiner These, dass man nur Fan von Nationalmannschaften ist, weil bei der WM das wirklich mit der eigenen Identität verknüpfte Vereinsteam nicht mitspielt?

Ich glaube nicht, dass diese These stimmt. Große Turniere der Nationalmannschaften lösen eine riesige Identifikation aus. Vielmehr sind die Vereine gefordert, sich damit auseinanderzusetzen, wie sie Fans gewinnen und binden können. Die bedingungslose Verbundenheit zu einem Klub wird immer geringer.

Sie waren Nationalspielerin. Haben Sie sich mit dem Team Deutschland identifiziert oder mit dem Land Deutschland?

Ich bin kein gutes Beispiel. Natürlich war es schön, zu den besten Spielerinnen zu gehören, aber ich habe immer am liebsten in meinem Verein gespielt. Ich sage aber auch nicht wir, wenn ein deutscher Mensch, den ich noch nie gesehen habe, beim Eurovision Song Contest singt.

Bei der WM können innerhalb von Sekunden Marken entstehen oder ihr Wert kann ins Unermessliche steigen.

Na ja, aber dafür ist die Umschlagzahl viel höher und dadurch die Austauschbarkeit. Vor nicht allzu langer Zeit war ein Siegtorschütze in einem WM-Finale unsterblich.

Helmut Rahn. Geoff Hurst. Gerd Müller. Mario Kempes, Paolo Rossi.

Aber in wessen Bewusstsein ist Mario Götze, der Held des Titelgewinnes 2014? Sein Tor ist erst vier Jahre her. Es gibt heute viel mehr Aufmerksamkeit und spektakuläre Aktionen erreichen mehr Leute, aber die Bedeutung und der Erinnerungswert sind geringer.

Sie müssten doch viel größer sein, weil viel mehr Leute Fußball anschauen und wichtig nehmen.

Durch die Parallelität von allem passiert im nächsten Moment schon wieder etwas anderes, das die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Helmut Rahn hatte für Generationen eine ganze andere Bedeutung als Mario Götze für diese. Die ganz außergewöhnlichen, menschenverbindenden Momente gibt es immer seltener. Das hat auch mit der Fragmentierung von Medien zu tun.

Wofür steht für Sie der Trainer Jogi Löw als Marke?

Für Perfektionismus, für Überlegenheit. Für einen klaren Plan und Zielstrebigkeit. Und für Sauberkeit.

Ein Schönspieler, was ja bis heute ein deutsches Schimpfwort ist?

Nein, im Sinne von Integrität. Er tut nichts Böses.

Global faszinierende Fußballer wie Ibrahimovic und Ronaldo haben auch etwas Gebrochenes …

… etwas Verruchtes

… während unsere Jungs alle nett sind.

Ich finde Philipp Lahm mit seiner Perfektion beeindruckend. Er hatte immer die Deutungshoheit des Spiels.

Mit wem identifizieren Sie sich in der aktuellen Nationalmannschaft?

Ich liebe die Souveränität von Toni Kroos, diese Grandezza. Auch unter Druck die beste Lösung zu finden. Nichts ist zufällig. Und natürlich Manuel Neuer. Ich bin selbst Torhüterin gewesen, Manuel Neuer interpretiert das Torwartspiel auf eine Art und Weise, wie ich es vorher nicht gesehen habe. Das ist weit vom Wettbewerb entfernt. Ein Ausnahmesportler.

Sie finden es nicht verwegen, auf einen Spieler zu setzen, der ein Jahr nicht gespielt hat?

Nein, natürlich nicht. Wenn am Ende eines solchen WM-Turniers Details den Ausschlag über Sieg und Niederlage geben, braucht es Spieler wie Manuel Neuer, die den Unterschied ausmachen. Das rechtfertigt das Risiko.

Wer berührt Sie emotional?

Sportler, deren Geschichte ich kenne, die mich anrühren. Bastian Schweinsteiger zum Beispiel. Weil ich ihm beim erwachsen werden zuschauen konnte. Weil er fühlbar ist und echt in seinen Reaktionen. Im Erfolg, wie im Drama. Auch, wenn er bei den Tennismatches seiner Frau auf der Tribüne sitzt und sich wie ein kleiner Junge an gelungenen Ballwechseln freut.

Bei der WM wird es keine einzige Frau in einem sichtbaren Führungsjob geben.

Das ist fatal, dass immer noch keine Frauen in entscheidenden Positionen sind, nicht in Verbänden und nicht in der Bundesliga. In dieser Branche wird der Glaubenssatz aufrecht erhalten, dass Fußball eine Geheimwissenschaft ist, die sich nur Männern erschließt. Vor allem solchen in kurzen Hosen.

Dadurch haben Sie aber immer noch das Alleinstellungsmerkmal.

Das würde ich liebend gern weggeben, wenn endlich Frauen im Management sind. Weibliche Kompetenzen und Diversität würden das Fußballgeschäft wesentlich weiterbringen. Vielleicht hilft eine Quote, damit würde sich die Branche mal als zeitgemäß darstellen. Gerade in Zeiten, in denen sich der Fußball auch nicht mehr gegen Governance und Compliance Regeln wehren kann. Und grundsätzlich, weniger Testosteron und ein höheres Maß an Differenziertheit würde dem Geschäft ganz sicher gut tun.

Die EU-Politikerin Rebecca Harms hat zu einem Politikerboykott aufgerufen, um Putin keine gemeinsame Showbühne zu geben. Was halten Sie davon?

Die Bühne ist durch das größte Sportereignis der Welt ohnehin gegeben. Politiker haben die Möglichkeit, ihre Haltung zu zeigen. Für die Sportler ist das schwieriger, sie sind Teil des Systems. Und weil man sie mit politischen Bekenntnissen zumeist auch überfordert, wie wir es zu Beginn besprochen haben. Ich bin mir aber sicher, dass es Spieler gibt, die eine Meinung haben. Und vielleicht nutzt der ein oder andere die Möglichkeit.

Sie warten auf einen Spieler, der sich politisch und kritisch äußert?

In jedem Fall hätte es Wirkungskraft.

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