heute in hamburg

„Keinerlei Aufklärung geliefert“

Robin Steinbrügge, 31, Initiative für die Aufklärung des Mordes an Süleyman Tasköprü

Interview Andreas Speit

taz: Herr Steinbrügge, heute fällt in München das Urteil gegen die NSU-Beschuldigten im Hauptverfahren. Warum in Hamburg auf die Straße gehen?

Robin Steinbrügge: Der Prozess hat für den Mord an dem Hamburger Süleyman Tasköprü 2001 keinerlei Aufklärung geliefert. Die Zeugen mit einem Hamburg-Bezug lassen sich an einer Hand abzählen. Es kann gerade in der Hansestadt keinen Schlussstrich unter den Ermittlungen geben.

Vor Gericht erklärte Beate Zschäpe, nicht zu wissen, wie die Opfer ausgewählt wurden …

Die Tatorte konnten nur mit guter Ortskenntnis ausgewählt werden. Man sieht das auch am Vorgehen der Polizei: Die Behörden begründeten ihre Ermittlungen gegen die Familien damit, dass die Auswahl der Opfer und Tatorte Ortskenntnis erfordert habe. Sobald aber Neonazis als Täter bewiesen waren, ist dieser Gedanke der Amnesie zum Opfer gefallen.

Aus der Familie Tasköprü wird ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss weiterhin gefordert?

Ja, seit 2011 fordern sie, endlich aufzuklären, wer Süleyman Tasköprü ermordet hat. Sie fordern Aufklärung, warum alles unternommen wurde, gegen die türkische Community in Hamburg zu ermitteln, aber rein gar nichts gegen die Neonaziszene an der Elbe.

Was erwarten Sie von einem Untersuchungsausschuss?

Ein Untersuchungsausschuss würde einen Raum eröffnen, über den NSU-Komplex zu debattieren, Akten einzufordern, Beteiligte und Experten zu befragen und ein Zeichen zu setzen, dass Hamburg die Anliegen seiner Bürger, nämlich der Familie Tasköprü, ernst nimmt.

Demo: 
Alma-Wartenberg-Platz, 18 Uhr

Hat der Prozess Empathie geschaffen?

Der Prozess selbst nicht, wenn man daran zurückdenkt, wie den Berichten und Erklärungen der Betroffenen immer nur ein nachgeordnetes Rederecht eingeräumt wurde. Doch in diesem so fremd und kalt wirkenden Verhandlungssaal zu sprechen, den Schmerz preiszugeben vor den Augen der Beschuldigten, das war für die Betroffenen ein unglaublich starker Schritt der Selbstermächtigung.

Wie wollen Sie den Druck erhöhen?

Die zentrale Erkenntnis nach fünf Jahren Prozess ist: Bei der Aufklärung des NSU-Komplexes kann man nicht auf den Staat hoffen, sondern nur auf Solidarität und Engagement. Daher werden wir dafür sorgen, dass diese staatliche Ignoranz äußerst unangenehm wird, wenn die Gesellschaft sie nicht länger mitträgt.