Bunt statt grau

Plattenbausiedlungen haben keinen guten Ruf. Liegen sie dann auch noch am Stadtrand,verschwinden sie ganz leicht aus der öffentlichen Wahrnehmung. Dabei passiert eine ganze Menge zwischen den Hochhäusern – auch im Kosmosviertel in Altglienicke. Hier haben längst nicht alle aufgegeben

Platte geht auch farbenfroh im Kosmosviertel in Treptow-Köpenick, hier die Fassade eines Hochhauses der Wohnungsgenossenschaft Altglienicke eG Foto: Christian Thiel

Eingeklemmt zwischen Autobahn, Einfamilienhaussiedlungen und der Stadtgrenze zu Brandenburg liegt im Berliner Ortsteil Altglienicke des Bezirks Treptow-Köpenick das Kosmosviertel. Hier ragen Plattenbauten in den Himmel, bis zu elf Stockwerke hoch. Im Sommer wechseln sich auf den Balkonen rot-weiße Sonnenschirme mit den immer gleichen Geranienarrangements ab. Wer weit genug oben wohnt, kann im nahe gelegenen Landschaftspark Wasserbüffeln beim Grasen zugucken. Eine fast schon idyllische Szenerie. Und doch, die Platte ist heutzutage kein Sehnsuchtsort.

Die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr ist hier eher schlecht. Sonntags zum Beispiel fährt der Bus zum U-Bahnhof Rudow nur im 20-Minuten-Takt. Allein durch die isolierte Lage am äußeren Stadtrand ist das Kosmosviertel ein Universum für sich – eins mit schlechtem Ruf.

Laut dem Monitoring Soziale Stadtentwicklung des Senats gilt das Viertel im sonst gutbürgerlichen Treptow-Köpenick als „Gebiet mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf“: Denn von den knapp 5.700 AnwohnerInnen beziehen mehr als 23 Prozent Transferleistungen, fast doppelt so viele wie im Berliner Durchschnitt. Auch der Arbeitslosenanteil ist mit knapp 15 Prozent deutlich höher. Fast die Hälfte der Eltern ist alleinerziehend, und mehr als jedes zweite Kind ist von Armut betroffen.

Diese Zahlen passen zum negativen Image, das vielen Plattenbaugebieten in Deutschland bis heute anhängt: Sie sind „Problemviertel“ oder „sozialer Brennpunkt“ beziehungsweise der Wohnort der „Abgehängten“.

Pauschalisierende Zuschreibungen wie diese stigmatisieren und grenzen aus – das kommt auch in betroffenen Kiezen wie dem Kosmosviertel an. Viele Menschen, die in den Plattenbauten leben, verletzt die negative Außenwahrnehmung. Sie wähnen sich aufgrund ihres Wohnortes nicht nur am geo­grafischen Rand der Stadt, sondern auch am gesellschaftlichen. Dabei sind die Wohnungen in Plattenbausiedlungen weitaus mehr als günstiger Wohnraum, sie sind das Zuhause und alltägliche Lebensumfeld von mehr als 300.000 Menschen in Berlin.

Luxusgut Wohnung

Durch die Mietentwicklung in deutschen Großstädten sind bezahlbare Wohnungen zum Luxusgut geworden. Immer häufiger müssen MieterInnen einen beträchtlichen Anteil ihres Einkommens für das Dach über dem Kopf ausgeben. Eine Mietbelastungsquote von mehr als 30 Prozent des Haushaltseinkommens wird von ExpertInnen als problematisch angesehen. Das trifft besonders diejenigen, die ohnehin schon mit wenig auskommen müssen. So wird mittlerweile auch in den Plattenbausiedlungen am Stadtrand der Verdrängungsdruck spürbar. Wer sich den Altbau im Zentrum nicht mehr leisten kann, zieht raus – wenn es sein muss, auch in die Platte. Doch auch hier ist eine freie Wohnung nur noch schwer zu finden.

Dabei waren Sozialbauten wie im Kosmosviertel bisher für die finanziell Schwächsten die letzte Chance auf bezahlbaren Wohnraum in der Stadt. Doch mittlerweile ist auch hier die Konkurrenz groß, denn die Berliner Wohnungspolitik hat so­zia­len Wohnungsbau über lange Zeit extrem vernachlässigt. Seit dem Mauerfall veräußerte der Senat mehr als 310.000 Wohnungen durch den Verkauf von kommunalen Wohnungsbaugesellschaften. Und im Jahr 2003 wurde unter Klaus Wowereit (SPD) der Totalausstieg aus dem sozialen Wohnungsbau beschlossen, mehr als 100.000 Wohnungen standen zu dieser Zeit leer.

Seit den letzten drei Jahren steht die Förderung günstigen Wohnraums wieder auf der politischen Agenda. Rückkäufe bleiben jedoch schwierig, denn gegen private Unternehmen kommt das Land Berlin oft kaum an. Das betrifft auch das Kosmosviertel: 1998 wurde ein Großteil des Wohnungsbestands von einem privaten Investor übernommen. Jetzt versucht der Senat die Wohnungen zurückzukaufen, um die AnwohnerInnen vor Mieterhöhungen zu schützen.

Die Menschen vor Ort fühlen sich von der Politik mit ihren Problemen alleingelassen. Hört man sich im Kiez um, lernt man allerdings schnell: Hier haben längst nicht alle aufgegeben. Einige AnwohnerInnen setzen sich aktiv für eine lebenswerte Nachbarschaft ein. Da sind zum Beispiel Musikliebhaber, die kurzerhand einen Kiezchor gründen, oder Technikbegeisterte, die zur Fußball-WM ein Public Viewing auf die Beine stellen. Junge Menschen engagieren sich im Kinderzirkus als Trainer und werden so zum Vorbild für die Kleinsten. Und es gibt die Alteingesessenen wie Katrin Gassan, die in ihrer wenigen Freizeit gegen Mieterhöhungen und Sanierungspfusch kämpfen. Im Kosmosviertel wird, vielen Vorurteilen zum Trotz, täglich Stadt(rand) gemacht.