der rote faden

Eiswürfel mit Whisky und die Verdunstung der Vernunft

Foto: Jan Schmidbauer

Durch die Woche mit Johanna Roth

Hauptstadtdiktator

Unsicher bin ich, inwieweit dies wissenschaftlich erforscht ist, aber nach meiner persönlichen Empirie steht fest: Gehirne können schmelzen. Von meinem eigenen zumindest ist nach den letzten Wochen im Grand Canyon (früher: Friedrichstraße) nur mehr eine matschige Halbeiskugel übrig, irgendwas zwischen Pistazie und Vanille, und permanent tropft es weiter. Am Dienstag zum Beispiel unter den entsetzten Blicken der Verkäuferin auf den Kassentresen des schlimmsten Shoppingsündenpfuhls von Berlin-Mitte, des „Kulturkaufhaus Dussmann“, wo ich als Feierabendbelohnung gerade einen Max-Goldt-Sammelband kaufen wollte, als man mir den EC-Beleg wortlos wieder zurückschob: Da stand nicht meine Unterschrift, sondern vier Ziffern. Ich hatte mit meiner Geheimzahl unterschrieben. Tropf, tropf, tropf.

Ich murmelte eine Entschuldigung, krakelte hastig die Zahlenreihe unkenntlich und fuhr nach Hause, um auf dem Balkon ein großes Glas Eiswürfel mit ein paar Tropfen Whisky zu mir zu nehmen. Hätte ich mal den Kollegen Jan Fleischhauer vom Spiegel dazu eingeladen, vielleicht hätten wir gemeinsam das Ausbrechen seiner neuesten Kolumne verhindern können: „ Leben in Berlin – das Venezuela Deutschlands“. Caramba, fragen Sie sich jetzt, was hat denn Berlin mit Venezuela zu tun? Klug und gewitzt, wie Kollege Fleischhauer ist – und ich meine das nicht ironisch –, schreibt er dazu natürlich weiter gar nichts. Denn sonst müsste er ja ausformulieren, was er mit dem Bild der „Venezuelanisierung der deutschen Hauptstadt“ beiläufig in die Dunst gewordene Berliner Luft malt, als deren hauptsächliches Übel er die rot-rot-grüne Landesregierung und ihre „Mischung aus Inkompetenz, Hybris und Arroganz“ identifiziert.

Wartenummer

Venezuela ist uns allen ja bestens bekannt aus den Schlagzeilen der letzten Woche(n): „Unterernährung und Engpässe bei Medikamenten: Millionen Menschen fliehen“, „Venezuela: Am Rande einer Diktatur“, und in den Reisehinweisen des Auswärtigen Amtes wird „von nicht dringend erforderlichen Reisen nach Venezuela“ abgeraten. In Fleischhauers Kolumne geht es allerdings hauptsächlich um das durchaus problematische Phänomen, dass man in Berlin wochenlang auf einen Termin im Bürgeramt warten muss, wofür der „Zustand der Politik“ verantwortlich sei: „Links sein muss man sich leisten können, das war schon immer so.“ (Kleine Info am Rande: Als die CDU noch mitregierte, war das ganz genauso. Ich empfehle für spontane Gelüste nach einem neuen Personalausweis das Bürgeramt Marzahn: kurze Wartezeit weil jwd, weder stinkender Linoleumboden noch ein im Partnerstadt-Schaukasten entsorgtes Opiumröhrchen wie in Friedrichshain-Kreuzberg – nein, das hab ich mir nicht ausgedacht, aber bitte nicht Herrn Fleischhauer verraten – und keine übermäßig geschwätzigen SachbearbeiterInnen. Hallo, Wartenummer bitte, hamsetnichpassend, tschüss. Alles prima, gerne wieder!)

Rot-Rot-Grün

Die Moral von der Geschicht’ ist natürlich, dass das Modell Rot-Rot-Grün auf Bundesebene unbedingt zu verhindern sei. Ist ja jetzt auch schon wieder richtig akut, ein Jahr nach der letzten Bundestagswahl, wo an das Projekt R2G schon im Wahlkampf niemand mehr richtig glaubte, und ganze drei Jahre vor der nächsten. Aber halt, in des Liberalkonservativen linkem Augenwinkel piekst da noch was: „Aufstehen“, die von Sahra Wagenknecht und Ehemann gegründete Bewegung, obschon Fleischhauer diese für nicht mehr als einen Testballon ohne praktische Perspektive hält, wie sie ja vermutlich auch gemeint ist. Wie all das mit einer humanitären Katastrophe wie der in Venezuela in Einklang zu bringen ist, das weiß nur er allein. Wobei Teile des Gedankenspiels, lässt man dessen Bemühtheit mal kurz außer Acht, eigentlich ganz witzig sind: Michael Müller als Hauptstadt-Diktator (der dann von Klaus Wowereit als James Bond 030 dingfest gemacht würde), Reisewarnungen des Heimatministeriums für Berlin. Ich hoffe also sehr, dass sich Fleischhauer-Kolumnen bald als Serie auf Netflix finden.

Hirnschmelze

Es gab aber auch härteren Stoff. Vielleicht schmelzen Gehirne nicht nur (wie meins), sondern erreichen ab einer bestimmten Raum- und Diskurstemperatur den gasförmigen Zustand bis zur Verpuffung? Über die Sinnhaftigkeit des Hashtags dieser Woche, #MenAreTrash, lässt sich auch aus feministischer Sicht streiten. Was er aber triggerte an, nun ja: verbalisiertem Müll, der aus diversen schwer getroffenen Spezialisten für zivilisierten Umgang („Notlesbisch“, „Selbst schuld, wenn du vergewaltigt wirst“, vom inflationären Gebrauch einer üblen Beleidigung mit F am Anfang ganz zu schweigen) herausplatzte, hätte deutlicher nicht bestätigen können: Bei manchen Menschen beträgt die energetische Schwelle für die Hirnverdunstung exakt: Körpertemperatur. Von mir aus können wir dann jetzt übergangslos in die Herbstdepression wechseln.

Nächste Woche Nina Apin