Kito Nedoschaut sich in Berlins Galerien um

Liebe macht bekanntlich blind. Insofern war die Neugier groß, wie die thematische Malerei-Gruppenausstellung „The Vitalist Economy of Painting“ aussehen würde, die seit dem vergangenen Wochenende bei Neu und MD72 gezeigt wird. Schließlich veröffentlichte die Berliner Kunstkritikerin und Herausgeberin Isabelle Graw im letzten Winter ein Buch mit dem Titel „Die Liebe zur Malerei“. Und womöglich war es der Wunsch nach einer Form von erweiterter Aufklärung, der sie den Schritt von der Kritikerin zur Kuratorin gehen ließ. Die sorgfältig arrangierte Doppelschau in der Linienstraße und am Mehringdamm wartet mit großen Namen der Gegenwartskunst (u. a. Jutta Koe­ther, Christopher Wool, Amy Sillman, Sarah Morris, Avery Singer, Jana Euler, Wade Guyton oder Albert Oehlen) auf. Eine kritische Spiegelung von Vitalismus und Ökonomie in der Malerei fällt jedoch weitestgehend aus (bis 7. 11., Di.–Sa. 11–18 Uhr, Mehringdamm 72 und Linienstr. 119abc).

Um „heiliges Wasser“ dreht sich die Schau „Haus des kleinen Brunnens (Trailer)“ von Veit Laurent Kurz im Projektraum Éclair in Moabit. Dort entspinnt sich mit Hilfe von Installation, Video und Malerei die Geschichte jenes mysteriösen „Salamanderbrunnens“ – in dessen Umgebung eine rare Salamanderspezies, die sogenannten „Schleimteufel“ siedelten. Angeblich existierte dieser Brunnen einst in der antiken Stadt Pompeji, deren Einwohner glaubten, das heiße Wasser könne Krankheiten heilen oder Unsterblichkeit und ewige Jugend spenden. Auch halluzinogene Effekte wurden dem Wasser nachgesagt. Kein Wunder, dass nicht nur Leute mit Hang zu Virginiazigarren, sondern auch die Industrie diesen uralten Mythos heftig beforschen (bis 3. 11., nur nach Voranmeldung unter info@eclair.cc, Gotzkowskystr. 16).

Bei den „Camouflage Pullovers“ von Marc Brandenburg, die derzeit bei International Wardrobe in Berlin-Mitte zu sehen sind, handelt es sich um bunte Secondhand-Acrylpullover. Der Berliner Künstler hat an deren Halsausschnitt und Ärmelenden Gesichtshauben und Handschuhe in verschiedenen „Hautfarben“ aus echter Wolle anstricken lassen. Er greift damit eine Arbeit von sich aus den frühen Neunzigern wieder auf, die damals unter dem Titel „Tarnpullover für Ausländer“ gezeigt wurde. Es ist bitter, dass dieses Werk heute nach den Ausschreitungen in Chemnitz und anderswo so aktuell erscheint wie zu Zeiten der rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992. Es wäre allerdings armselig, Brandenburgs Acrylpullover nur unter diesem aktuell-politischen Aspekt zu betrachten (bis 14.10., Mi.–Sa 12–19 Uhr, Almstadtstr. 50).