der rote faden

Zwei wurden über den Tisch gezogen. Eine fiel runter

Foto: Jan Schmidbauer

Durch die Woche mit Johanna Roth

Stellen Sie sich vor, es ist Bundestagswahl und die SPD holt 38,5 Prozent. Das ist wirklich mal passiert, vor genau 16 Jahren. Als an jenem 22. September 2002 abends die ersten Hochrechnungen kamen, wurde allerorts scharf die Luft eingesogen, aua, aua, liebe SPD, das war aber knapp. Aber knapp hieß damals eben „noch mal Kanzler geworden“, nicht „noch mal gerade so die Rechten überholt“.

Brioni

Hauptsächlich wurde und wird das Ergebnis von 2002 der Tatsache zugeschrieben, dass Gerhard „Brioni“ Schröder in jenem Spätsommer in ein Paar Gummistiefel schlüpfte. Lustig erscheint rückblickend auch, dass der Kandidat der Unionsparteien bei jener Wahl kein CDUler war, sondern Edmund Stoiber. Ein Mann, der ähnlich wie Horst Seehofer eine Neigung zu erratischer „Ja, äh“-Satzbildung hat; ein kalter Krieg zwischen Bayern und Berlin à la „Ich kann mit der Frau nicht mehr arbeiten“ aber war selbst in jenen harten Oppositionsjahren undenkbar.

Ja, so war das Anno Domini 2002. Zwar ebnete CSU-Stoibers Niederlage den Weg für eine erfolgreiche CDU-Kanzlerkandidatin beim nächsten Versuch, aber bei der Bayernwahl im Jahr darauf holte die CSU erstmals die Zweidrittelmehrheit. Heute, wenige Wochen vor der nächsten Bayernwahl, liegt sie bei 35 Prozent.

Bayernwahl

Und die SPD? Andrea Nahles hat noch nie in Gummistiefeln in Erscheinung treten müssen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die jetzt auch nicht mehr helfen würden, schwappt das Hochwasser doch inzwischen bis an ihre Unterlippe. Im Jahr 2018 erlebt die SPD binnen Tagen mehr Höhen und Tiefen als während einer Legislatur mit Schröder (und denen mangelte es nun wirklich nicht an Drama). Sie startete in diese Woche halb gelobt, halb belächelt für ihre am vorherigen Donnerstag geäußerte Maaßen-Rücktrittsforderung „Merkel muss jetzt handeln“, wobei „jetzt“ de facto „nächsten Dienstag ist auch okay“ hieß.

Merkel handelte, nur ließ sie sich dabei von Seehofer arg über den Tisch ziehen, und Nahles rutschte nicht nur schwungvoll mit hinüber, sondern fiel auf der anderen Seite des Tischs schmerzhaft runter. Denn die SPD, die für die ganze Misere ursächlich mal wieder am wenigsten konnte, war wie immer stante pede Hauptverantwortliche – und Nahles musste aus der eigenen Fraktion veröffentlichte Zitate wie „Was haben die denn bei ihrem Krisentreffen gesoffen?“ lesen. Und nicht mal das mit dem knappen Überholen der Rechten klappt noch: Die ARD-Deutschlandtrend-Umfrage sieht die AfD mit 18 Prozent erstmals vor der SPD. Prompt bat Nahles Merkel und Seehofer in einem Brief, „die Verabredung zu überdenken“, also die über Maaßen. Mutig. Aber ob das noch was hilft?

Burschenschaft

In den USA möchte doch Präsident Trump derweil glatt einen Mann als Verfassungsrichter berufen, der sexueller Belästigung beschuldigt wird – und der Alumnus einer Studentenverbindung in Yale ist, die zu seiner Studienzeit durch das Schwenken von aus Frauenunterwäsche gebastelten Flaggen auffiel und später durch ihr Motto „No means yes and yes means anal“, das sie vor dem Frauenzentrum des Campus skandierte.

Buruma

Sie erinnern sich, Nein heißt Nein, die Reform des deutschen Sexualstrafrechts vor etwas weniger als zwei Jahren? Damals hatte man als Frau schon allerlei unappetitliche Diskussionen zu führen, meistens ging es dabei um die Sinnhaftigkeit des Vorhabens, dieses „gefühlige“ Nein-heißt-Nein-Paradigma in ein Gesetz zu gießen. Immerhin: So widerliche Aktionen wie in Yale sind von deutschen Burschenschaften eher nicht zu erwarten, dazu sind die zu sehr mit Saufen und Schärpenbesticken beschäftigt. Andererseits hätte zumindest ich mir noch vor zwei Jahren nicht vorstellen können, wie grundsätzlich der im 21. Jahrhundert so selbstverständlich geglaubte Konsens, dass Sex einvernehmlich stattfindet und andernfalls nicht „Sexskandal“, sondern Vergewaltigung heißt, bald wieder Gegenstand einer großen Gesellschaftsdebatte werden sollte: Vor fast einem Jahr trendete #MeToo auf Twitter. Und nun eben soll Brett Kavanaugh, der Herr aus Yale, so eine Art höchster Verfassungsschützer werden.

Na? In dem Licht erscheint die Verfassungsschützer-Versorgungskrise hierzulande doch gleich etwas harmloser. Und eine Intellektuellenkrise haben wir auch nicht, anders als wiederum die USA. Die New York Review of Books, für manche die beste Zeitschrift der Welt, hatte ein als Essay getarntes Rechtfertigungsgejammer eines von über 20 Frauen sexueller Übergriffe und Körperverletzung beschuldigten Autors veröffentlicht. Ihr Chefredakteur Ian Buruma, ein renommierter Wissenschaftler, erklärte daraufhin, das jeweilige Verhalten des Autors gegenüber Frauen sei „nicht meine Sorge“. Nach heftiger Kritik räumte er seinen Posten. Ich wette ein NYRB-Jahresabo, dass irgendwo bald noch ein „Essay“ erscheint, der nicht sexuelle Gewalt als das identifiziert, was Leben ruiniert, sondern ihre Aufklärung.

Nächste Woche Nina Apin