Vom Flüchtling zum Lehrling

Bei vielen Betrieben sind Geflüchtete als Azubis durchaus gefragt. Aber nicht selten scheitert ihre Ausbildung an der Ausländerbehörde

Von Susanne Memarnia

Schon lange gibt es die Idee, dass Geflüchtete den Mangel an Fachkräften und Azubis ausgleichen könnten. Der Senat hat Projekte wie „Arrivo“ aufgelegt, die Wirtschaft und Flüchtlinge zusammenbringen sollen, der Bund gesetzliche Vorschriften gelockert. Dennoch hält sich die Zahl der Geflüchteten, die in Berlin und Brandenburg eine Lehre machen, in Grenzen. Laut Arbeitsagentur waren zu Beginn des Ausbildungsjahres 2017 in Berlin rund 800 Jugendliche aus den acht wichtigsten Asylherkunftsländern (Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien) in Ausbildung, in Brandenburg 327. Und von den über 20.000 Betrieben in der Region, die ausbilden, hatten nur 835 Azubis aus diesen Ländern.

Eine dieser Firmen ist Lundtauto Sportwagen Service in Zehlendorf. Vier Geflüchtete arbeiten dort, zwei als Azubis, zwei als Gesellen. Mit ihrer Arbeit sei er rundum zufrieden, erzählt Geschäftsführer Thomas ­Lundt: „Das sind super Mitarbeiter.“ Nach seiner Erfahrung haben Geflüchtete eine „besonders hohe Arbeitsmoral. Viele sehen, dass sie hier eine Chance haben, etwas aus ihrem Leben zu machen – aber auch, dass sie etwas dafür tun müssen.“

Dennoch hat Lundt „Probleme ohne Ende“: mit den Behörden. Als der Asylantrag seines Auszubildenden aus Libanon vor einigen Monaten abgelehnt wurde, habe ihn die Ausländerbehörde aufgefordert, den Ausbildungsvertrag sofort aufzulösen: „Andernfalls wurden mir 10.000 Euro Strafe angedroht.“ Der junge Mann habe wochenlang untätig zu Hause sitzen müssen – „vom Amt bezahlt statt eigenes Geld zu verdienen“, regt sich Lundt noch immer auf – nur um am Ende doch eine Duldung zu bekommen und die Ausbildung fortsetzen zu können. „Das ist doch der Hammer!“, findet der Obermeister der Berliner Kraftfahrzeuginnung.

Eigentlich sollte es so etwas nicht mehr geben. Um Betrieben, die Geflüchtete ausbilden, Sicherheit zu geben, dass die Lehre beendet werden und der neu ausgebildete Facharbeiter danach im Betrieb weiterarbeiten kann, trat 2016 bundesweit die sogenannte 3+2-Regelung in Kraft. Sie besagt, dass ein Ausländer, der ausreisepflichtig ist, etwa weil sein Asylantrag abgelehnt wurde, eine Duldung bekommt, wenn er eine anerkannte Ausbildung macht. Danach darf er noch zwei Jahre hier arbeiten.

Allerdings gibt es Bedingungen für diese „Ausbildungsduldung“. Eine davon: Man braucht einen Pass – den viele Asylbewerber nicht haben und der für sie oft nur schwer zu besorgen ist. Für Afghanen etwa, erklärt Christian Lüder von Berlin hilft, sei es „teuer, langwierig und schwierig“, einen Pass zu bekommen – für Afghanen, die lange im Exil in Iran lebten, sogar „so gut wie unmöglich“.

Nicht selten scheitere die Ausbildung von Geflüchteten daher an der Passfrage, so Lüder. Dass Unternehmen angesichts solcher Probleme eher zurückhaltend sind bei der Einstellung von Flüchtlings-Azubis, wundert ihn nicht: „Manche gehen dieses Risiko ein, aber viele eben nicht.“

So richtig gute Erfahrungen hat auch Dieter Mießen noch nicht gemacht mit Geflüchteten als Azubis. Der erste, den der kaufmännische Leiter der Tiefbau-Firma Frisch & Faust 2016 eingestellt hatte, kündigte nach drei Monaten. „Warum, ist mir bis heute ein Rätsel“, so Mießen. Dem zweiten, wie der erste aus Afghanistan, kündigte Mießen „aus disziplinarischen Gründen“, sprich: häufiges Zuspätkommen und unentschuldigtes Fehlen gleich zu Beginn.

Dennoch hat die Firma auch in diesem Jahr wieder einen Geflüchteten eingestellt: einen jungen Syrer, der am 1. August eine Ausbildung zum Tiefbau-Facharbeiter angefangen hat. Er habe zwar noch sprachliche Defizite, erklärt Mießen, aber sie sorgten zusammen mit dem Jobcenter dafür, dass er entsprechende Förderung bekommt. „So intensiv können wir uns nicht um jeden Azubi kümmern.“

Wenn das alles so schwierig ist, warum macht eine Firma das? „Wir wollten unseren Teil beitragen zur Integration“, erklärt Mießen. Man habe als Arbeitgeber schließlich eine „soziale Verantwortung“. Ähnlich antwortet Lundt: „Ich hatte gar nichts und bin weit gekommen. Jetzt will ich der Gesellschaft was zurückgeben.“